Solche Spielstrassen oder Begegnungszonen gibt es heute nicht mehr viele.

Draussen: Bewegung ist wichtig

Kinder bewegen sich heute massiv weniger als noch vor 40 Jahren. Zu viel TV und Computer? Keineswegs, sagt die Erziehungswissenschaft. Die Schuld liegt woanders.

Kinder sitzen täglich mehr als eine Stunde vor dem Fernseher und ähnlich lang vor dem Computer. Das zeigen Zahlen aus Deutschland. Für die Schweiz sind keine Untersuchungen verfügbar, die Ergebnisse dürften ähnlich sein. «Kein Wunder, gehen sie nicht mehr aus dem Haus, bewegen sie sich zu wenig und bekommen dadurch im Alter gesundheitliche Probleme.» Dieser Schluss klingt logisch und wird gerne verbreitet – von der Lehrerin in Altstätten bis zum Taxifahrer in Genf. Aber stimmt er auch? «Nein!», sagt Erziehungswissenschaftler Marco Hüttenmoser (72).

 
Jede Woche die neusten Themen im Newsletter! Hier abonnieren »
 

Fernseher und Computer seien allenfalls ein Ersatzprogramm, weil die Kinder nicht mehr aus dem Haus gehen, aber sie seien nicht der Grund für die Stubenhockerei: «Wir machen uns die Erklärung für den Bewegungsmangel der Kinder auf diese Weise zu einfach.» Hüttenmoser forscht seit über 40 Jahren im Bereich Kind und Umwelt. Den Grund, weshalb Kinder heute vermehrt im Haus statt draussen spielen, ortet er vielmehr in der Veränderung des Umfeldes: «Es fehlt an Raum, und es gibt zu viel Verkehr.» In den Städten und Agglomerationen, wo die meisten Menschen wohnen, können heute 30 bis 40 Prozent der fünfjährigen Kinder die Wohnung nicht allein verlassen: Es gibt keinen Platz zum Spielen oder der Verkehr ist zu gefährlich. Draussen spielen geht nur, wenn die Eltern das organisieren. «Solche Kinder werden rundum betreut, was für die Kinder an sich nicht gut ist», meint Hüttenmoser. Kinder sollten selbstständig das Haus verlassen und betreten und ihre Freunde besuchen können.

http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Draussen: Bewegung ist wichtig
«

Es fehlt an Raum, und es gibt zu viel Verkehr.»

Marco Hüttenmoser, Erziehungswissenschaftler

Auch die Kleinsten sind im Netz

Aus Deutschland liegen Zahlen vor: Noch in den 70er-Jahren haben sich 6- bis 10-Jährige drei bis vier Stunden täglich beim Spielen draussen bewegt. Heute kommen die meisten kaum mehr auf eine Stunde. Dafür zeigt lll eine Studie des Hightech-Verbands Bitkom in Deutschland, wie schon kleinere Kinder das Internet nutzen: 56 Prozent der 6- bis 7-jährigen Internetnutzer spielen online, 55 Prozent schauen im Internet Videos. «Was fehlt, ist das selbstständige Spielen und Bewegen draussen, ohne Aufsicht und Kontrolle von Erwachsenen», so Hüttenmoser.


Dieser Bewegungsmangel hat Folgen: Das weiss Oskar Jenni (48), Leitender Arzt für Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Zum einen nahm die Zahl der übergewichtigen Kinder in den letzten 30 Jahren um das Dreifache zu, zum anderen stellen Kinderärzte immer wieder fest, dass die Kinder grobmotorisch ungeschickter sind als früher. Allerdings, schränkt Jenni ein, seien die Ergebnisse in der wissenschaftlichen Forschung nicht eindeutig. So hätten Studien gezeigt, dass die Kinder heute bei Gleichgewichtsübungen und beim Werfen und Fangen von Bällen schwächer seien als früher, dass sie aber beim Springen aus dem Stand und bei Hindernisläufen eher besser abschneiden.

Planer in die Pflicht nehmen

Einig sind sich Hüttenmoser und Jenni darin, dass sich Kinder bewegen wollen. «Kinder haben ein starkes Bedürfnis nach Bewegung», sagt Hüttenmoser. Diesen Drang gelte es schon in früher Kindheit zu fördern und zu erhalten, denn die Bewegungslust entstehe bis zum fünften Altersjahr. Doch dafür brauche es «Siedlungen mit lll Freiräumen, und vermehrt Begegnungszonen», fordert Hüttenmoser. Hier seien in erster Linie Bauherren und Architekten sowie Verkehrsplaner in der Pflicht.

Das findet auch Pascal Regli (51), Projektleiter bei Fussverkehr Schweiz. Begegnungszonen in Wohnquartieren hätten sich laut Regli meist bewährt. «Die Kinder nutzen sie zum Spielen.» Es sei dasjenige Verkehrsregime im öffentlichen Raum, das am meisten Rücksicht auf Fussgänger nehme, und dazu gehörten auch Kinder. Wichtig sei aber, die Zahl der Parkplätze in den Begegnungszonen zu reduzieren, denn zu viele parkierte Autos beeinträchtigen das Kinderspiel und signalisieren permanent, dass ja auch ein fahrendes kommen könnte. 

Wer Kinder hat, kann allerdings nicht warten, bis die Strasse vor dem Haus zur Begegnungszone wird oder bis eine neue Siedlung gebaut ist. Deshalb bleibt vielen Eltern nichts anderes übrig, als selber aktiv zu werden und die Kinder zur Bewegung zu motivieren. Etwa durch Vorbildfunktion, wie dies die Familien auf den folgenden Seiten zeigen.

Der mit dem Trottinett tanzt 

http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Draussen: Bewegung ist wichtig

David und sein Sohn Samuel sind echte Kumpels. Und wie echte Kumpels verbringen sie viel Freizeit zusammen. Zum Beispiel im Skatepark.

David Tinguely (38) und Samuel (7) sind Vater und Sohn. Sie sind aber auch echte Kumpels, wenn es um Fun-Sport geht. Diese enge Verbundenheit zwischen Vater und Sohn führt die beiden oft in den Skatepark von Bulle FR. Während sich Samuel auf seinem Trottinett schon sehr wohlfühlt, scheint David noch etwas unsicher auf seinem Skateboard. «Ich bin Anfänger», gesteht er. Aber nur auf dem Skateboard. Daneben pflegen Vater und Sohn eine ganze Reihe von Sportarten und Aktivitäten, die sie gemeinsam betreiben: Je nach Jahreszeit und Wetter sind dies Klettern, Tennis, Fussball, Basketball, Schwimmen, Tischtennis, Wandern und Velofahren. Im Winter fährt Samuel gerne Ski, während sein Vater auf dem Snowboard die Piste runtersaust.

Samuel Tinguely (7) übt Tricksprünge im Skatepark in Bulle.

Samuel Tinguely (7) übt Tricksprünge im Skatepark in Bulle.
http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Samuel Tinguely (7) übt Tricksprünge im Skatepark in Bulle.

Gut fürs Selbstvertrauen

«Gemeinsam etwas zu unternehmen fördert die Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern», ist David Tinguely überzeugt. «Gemeinsame Aktivitäten und Sport vermitteln dem Kind ein gutes Körpergefühl und geben ihm Vertrauen in sich selbst, seine Geschicklichkeit und seine Reflexe.» Das gefällt auch Samuel: «Ja, ich gehe gerne nach draussen. Ich treibe lieber Sport, als den Tag zu Hause mit Videogames zu verbringen. Ich gehe in die Rhythmik und beginne demnächst mit Schlagzeugspielen», erklärt Samuel, bevor er mit seinem Gefährt eine Rampe hinunterbrettert. 

David Tinguely ist Elektriker, dennoch ist sein Sohn kein Gadget-Freak. David hat die elektronischen Geräte praktisch aus dem Haus verbannt: «Wir haben nicht einmal einen Fernseher.» Immerhin: Die Familie besitzt einen Computer.

«Manchmal schauen wir eine DVD zusammen oder gehen auf Youtube», erzählt David. Damit sein Sohn nicht ausgegrenzt wird, zeigt sich der Vater aber flexibel. «Mein Sohn muss mit der Zeit gehen und auch etwas mit seinen Freunden machen. Dass er dabei auch mal die Zeit mit Gamen verbringt, gehört dazu – vorausgesetzt, es geschieht mit Mass.» Dennoch: Viel wichtiger ist für David Tinguely, dass er die Kreativität seines Sohnes fördert, denn er ist überzeugt, dass Videogames, TV und Smartphone die Kreativität beim Kind abtöten.

http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Draussen: Bewegung ist wichtig

Der Schweizermeister mit der Fernsteuerung

Mit fünf hielt Cederic zum ersten Mal eine Fernsteuerung in der Hand. Jetzt, mit 16, ist er Schweizermeister der Modell-Segelflieger.

Cederic Duss (16) aus Thun besitzt wie die meisten Teenager ein Smartphone. Ein anderes technisches Gerät allerdings hat es ihm noch viel mehr angetan, die Fernsteuerung. Cederic ist Modell-Segelflugzeug-Pilot – der beste der Schweiz.

Pro Tag investiert Cederic etwa eine Stunde ins Training, am Wochenende können es auch mal vier Stunden sein. Er packt den Segelflieger am Flügel, dreht sich zum Schwungholen einmal um die Achse und lässt den Flieger in die Höhe sausen. Die filigrane, nur 250 Gramm leichte Karbonkonstruktion saust in Sekundenschnelle in eine Höhe von 60 bis 70 Meter. Von nun an hat Cederic seine Finger nur noch an der Fernbedienung, fliegt Kurven, sucht Aufwinde, bis er seinen Flieger nach der vorgeschriebenen Flugzeit elegant aus dem Flug auffängt und ihn gleich wieder in den Himmel schiesst. «Mich faszinieren das genaue Planen und Abschätzen der Flugzeit», erzählt Cederic. Und wie findet man die richtige Thermik am Wettkampf? «Ich beobachte die Vögel in der Umgebung, und andere Piloten».

Cederic fliegt seit über 10 Jahren mit Modellflugzeugen. «Mit fünf hat er zum ersten Mal eine Fernsteuerung in die Hände bekommen», erzählt Hans Duss, der seinen Sohn nicht nur zum Modellfliegen gebracht hat, sondern bisher auch seine Fluggeräte gebaut hat.

So langsam könne er seinen Sohn nun in die Kunst des Flugzeugbaus einführen, sagt Hans Duss, vorher sei das schwierig gewesen: «Die Sachen sind so teuer, dass man da nicht einfach ein bisschen herumwerkeln kann.» Ein flugfertiger Modell-Segelflieger kostet zwischen 800 und 1300 Franken, die Fernsteuerung dazu gibt es ab 200 bis 1400 Franken.

Was blieb dem Junior anderes übrig, als sich aufs Fliegen zu konzentrieren? Das tut der angehende Lastwagen-Mechatroniker hervorragend. 2014 wurde er mit erst 15 bei den Senioren Schweizermeister, vor zwei Wochen holte er sich den zweiten Titel.

Die Familie Cameroni beim Bouldern in Cresciano: (v. l.) Giuliano (18), Diego (15) und Vater Claudio (54).

Die Familie Cameroni beim Bouldern in Cresciano: (v. l.) Giuliano (18), Diego (15) und Vater Claudio (54).
http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Die Familie Cameroni beim Bouldern in Cresciano: (v. l.) Giuliano (18), Diego (15) und Vater Claudio (54).

Die Lust, eine Wand zu bezwingen

Bei diesem Sport ist der spielerische Aspekt so fesselnd, dass die Familie Cameroni ihre Ferien jeweils rund um den Klettersport plant.

Auf einige Begriffe trifft man immer wieder: Dreamtime, Griffe, Schwierigkeitsstufe, Route, Fels 23, Fels 18a oder 18b. Die Rede ist hier von einer Sportart, die in heimischen Gefilden auf Fels und Gneis praktiziert wird: Bouldern, das Klettern ohne Seil und in Absprunghöhe. In der Familie Cameroni aus Montagnola im Tessin sind begeisterte Boulderer: Giuliano (18) und Diego (15) kamen durch ihren Vater Claudio (54), einen leidenschaftlichen Alpinisten, auf den Geschmack. «Als unser älterer Sohn Giuliano geboren wurde, war es meiner Frau und mir klar, dass er uns nicht auf einer Seilschaft folgen konnte. Um ihn trotzdem miteinzubeziehen, habe ich mit dem Bouldern begonnen», erzählt Claudio.

Früher oder später verschlägt es jeden Boulder-Fan nach Cresciano. Dort kann jeder seine Grenzen ausloten. Für Giuliano ist Bouldern eine Leidenschaft geworden. Man nimmt es ihm ab, wenn man ihm zuhört: «Einen Fels zu entdecken, ihn zu verstehen, ihn zu bezwingen versuchen, runterzufallen, von vorne zu beginnen, das alles ist total faszinierend. Ich lasse erst locker, wenn ich mein Ziel erreicht habe.»

Enormer Adrenalinschub

Bis letztes Jahr war Giuliano ein aufsteigendes Talent der Schweizer Boulder-Nationalmannschaft, die er jedoch verliess. Er zieht den Kontakt mit echten Felsen und der Natur den Hallenwettbewerben mit künstlichen Kletterwänden und Griffen vor. Je schwieriger die Route, desto mehr Spass macht sie Giuliano. «Wenn man weiss, wie man auf den Felsen klettern muss, benötigt man etwa 20 Sekunden, um ans Ziel zu gelangen. Doch es können auch mehrere Stunden vergehen, bis man endlich die richtige Route gefunden hat.» Der Adrenalinschub sei enorm, da man beim Klettern nicht durch ein Seil abgesichert ist – die einzige Rettung ist die Bouldermatte, die einen notfalls auffängt. 

Um einen unbekannten Fels zu erklettern, brauche er bis zu 100 Anläufe», sagt Giuliano, «doch oben anzukommen ist ein unbeschreibliches Gefühl.» Sein Bruder Diego zieht dagegen die Halle vor. «Die Kunststoffblöcke gefallen mir, weil ich bereits beim Start weiss, was mich erwartet.» Eine vorgegebene Route zu bewältigen sei für ihn ein tolles Erlebnis: «Man überwinde jedes Mal aufs Neue die Schwierigkeit der Route, ohne dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen.»

Viel Spass an der frischen luft

Es ist Zeit, Fernseher, Computer und Videogames zu vergessen und frische Luft zu schnuppern. Ein paar Vorschläge für einen spassigen Sommer.

http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Draussen: Bewegung ist wichtig
«

Schlauchboot»

Schlauchboot mit vier Rudern und Pumpe. Es trägt bis zu 200 Kilogramm, das entspricht dem Gewicht von zwei Erwachsenen und einem Kind. Für Fr. 69.90 statt Fr. 129.– bei Interdiscount und unter www.interdiscount.ch

 

http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Draussen: Bewegung ist wichtig
«

Badminton-Set «Talbot Torro»»

Mit dem Forscherset bauen Kids ab acht Jahren eine multifunktionelle Wetterstation. Damit beobachten und dokumentieren sie das Wetter, experimentieren mit dem Treibhauseffekt und bauen ein Terrarium in einer Flasche. Erhältlich bei Coop City für Fr. 18.90.

 

http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Draussen: Bewegung ist wichtig
«

Green science –  Wetterstation von Jamadu»

Mit dem Forscherset bauen Kids ab acht Jahren eine multifunktionelle Wetterstation. Damit beobachten und dokumentieren sie das Wetter, experimentieren mit dem Treibhauseffekt und bauen ein Terrarium in einer Flasche. Erhältlich bei Coop City für Fr. 18.90.

 

http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Draussen: Bewegung ist wichtig
«

Armband mit UV-Sensor von Daylong»

Am Armband erkennen die Eltern, wie viel Sonne ihre Kinder bereits abbekommen haben: Gelb zeigt an, dass das Kind noch nicht an der Sonne war, Orange, dass es schon der Sonne ausgesetzt war, und Rosa, dass die maximale Dosis des Sonnenscheins erreicht ist. Weitere Informationen unter www.daylong-kids.ch

 

http://www.coopzeitung.ch/Draussen_+Bewegung+ist+wichtig Draussen: Bewegung ist wichtig
«

Boccia»

Das Boccia-Set von Schildkröt enthält sechs grosse Metallkugeln, eine kleine Holzkugel, ein Massband und eine Aufbewahrungstasche. Für eine gemütliche Zeit am Strand oder im Garten, bei der man sich gleich in der Provence wähnt. Erhältlich bei Coop Bau + Hobby für Fr. 29.95.

Weitere Informationen auf www.bauen-fuer-kinder.ch

text

Frage der Woche

«

Ist die Welt für Kinder zu gefährlich? Oder haben wir bloss zu viel Angst?»

 Verraten Sie uns Ihre Meinung in den Kommentaren.

Hier geht's zu weiteren Wochenfragen

Kommentare (17)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.










Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt, Charly Rappo/arkive.ch
Veröffentlicht:
Montag 01.06.2015, 00:00 Uhr

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?