Dieses Ei rollt nicht so schnell davon: Marc Reist und seine mehrere Tonnen schwere Marmorskulptur im Vorgarten seines Hauses in Schnottwil.

Eierwelten: «Ich will alle aufrütteln»

Marc Reist höhlt ein Marmor-Ei von innen aus. Dafür hat er dreizehn Kilos abgenommen. 

Weit hat Marc Reist nicht bis zum Arbeitsort. Dieser liegt gleich vor seinem Haus in Schnottwil im Solothurnischen. Leicht zu erreichen ist der Arbeitsplatz trotzdem nicht. Der Bildhauer und Künstler muss erst eine Leiter hochsteigen und sich in eine der Öffnungen hineinzwängen, die das überdimensionale Marmor-Ei aufweist, mit dem er sich schon so lange beschäftigt. Seit sechs Jahren dreht sich bei ihm nicht alles, aber doch vieles um dieses Projekt. «Es ist eine Herzenssache für mich», sagt er, während sein Oberkörper aus dem Ei herausragt. «Ich will damit alle aufrütteln, weiss aber, dass es nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist.»
Ein paar Minuten später – Marc Reist ist dem Ei wieder entschlüpft und sitzt nun am grossen Holztisch im Wohnzimmer – erklärt der 56-Jährige, wie er auf das Ei kam. Er sah in einer Zeitung ein Inserat, in dem prominent ein schönes Stück Rindfleisch angepriesen wurde. Gleich daneben prangte eine riesige WC-Plastikflasche. «Das hat mich extrem geärgert», erinnert er sich, «ich fand das eine Beleidigung für den Bauern, der so viel Arbeit in das Rindfleisch gesteckt hatte, für das arme Tier und nicht zuletzt für den Kunden, dem offenbar alles zugemutet wird.» Nahrung müsse unbedingt wieder mehr Wertschätzung erhalten, Essen ein Genuss sein. «Sonst können wir ebenso gut nur Tabletten einwerfen.»

Symbol der Zerbrechlichkeit

Es hatte schon lange gegärt in Marc Reist, was den oft nachlässigen Umgang unserer Gesellschaft mit Lebensmitteln anbelangt. Jenes Schlüsselerlebnis mit der WC-Ente neben dem Rind löste endgültig etwas in ihm aus. Reist dachte sich ein Projekt aus, das die Mitmenschen für nachhaltigen Konsum sensibilisieren soll. Damit das gelingt, muss man aber erst ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Zum Beispiel mit einem ungewöhnlichen Kunstwerk – und ein solches ist das überdimensionale Marmor-Ei mit Sicherheit. «Globo Uovo» nennt Reist sein Projekt. «Das Ei steht dabei für Nahrung», philosophiert Reist, «und für den Ursprung des Lebens auf dem Globus, zugleich ist es sehr zerbrechlich.»
Für die Skulptur bestellte der Künstler mit der finanzkräftigen Hilfe eines Mäzens einen 3,20 Meter hohen und 2,5 Meter breiten Block aus Carrara-Marmor; diese edle Steinart besteht aus demselben Material wie eine Eierschale, nämlich aus Calcit. Ursprünglich wog das Ungetüm 55 Tonnen. Nachdem es zu einem Ei geformt wurde, beträgt sein Gewicht noch 20 Tonnen. Seit März wird das Ei von Reist intensiv bearbeitet, «mit Inspiration und Transpiration». Wenn er alles ausgehöhlt hat, wird es noch 7 Tonnen schwer sein. Abfall gibt es nicht, es geht ja um Nachhaltigkeit: Der herausgeschnittene Marmor wird zu Pulver verarbeitet und für Zahnpasta, Kosmetik und als Wandverputz-Material weiter- verwendet. Damit Reist durch die Öffnungen passt und das Ei von innen bearbeiten kann, musste er 13 Kilogramm abnehmen. Was aber ohne grössere Opfer vonstatten ging, wie er versichert.
Nach Ende der Arbeiten soll das Super-Ei auf der Terrasse des Centre Dürrenmatt in Neuenburg ausgestellt werden, die Vernissage ist am 16. September vorgesehen. Geplant ist zugleich eine Installation mit einer Unmenge von Eierschalen, die nur an diesem Tag zu sehen sein wird und nachher für den Kompost an den Botanischen Garten in Neuenburg übergeht – als Geschenk zu dessen 100. Geburtstag. Seit einem Aufruf am Radio treffen bei Reist kistenweise Eierschalen ein. «Zum Glück haben wir im einen Kinderzimmer viel Platz», erklärt Jris Reist. «Dort stapeln sich die Kisten mit den Eierschalen bis unter die Decke.»

Liebe im Religionsunterricht

Lieben gelernt hat Marc Reist seine Frau in der Schule, ausgerechnet im Religionsunterricht. 14 Jahre alt waren sie damals, seitdem sind sie zusammen und haben zwei erwachsene Kinder. Seine Eltern führten einen Gastbetrieb und eine Bäckerei, ihre eine Metzgerei. «Das Essen spielte also von Anfang an eine grosse Rolle in unserem Leben», sagt er. «Stimmt», bestätigt sie, «du rochst in der Schule immer so fein nach Gipfeli.»
Seine Eltern schickten ihn zuerst in eine Buchhaltungsschule. Dort wurde er bald unglücklich. «Das war zu wenig kreativ und somit definitiv nichts für mich.» Er liess sich stattdessen zum Steinbildhauer ausbilden. Früh machte er sich selbstständig, «aber ohne Eskapaden», wie er es nennt. Er achtete stets darauf, dass sein Drang nach der Kunst keine finanziellen Probleme für die Familie nach sich zog und nahm deshalb die unterschiedlichsten Auftragsarbeiten an. Das zahlte sich aus. Seit rund 15 Jahren kann Marc Reist von der Kunst leben und seine Ideen verwirklichen – so wie jetzt das «Globo Uovo».

Halbe oder ganze Eierschalen (nicht zersplittert!) bitte an: Marc Reist, Alte Bernstrasse 17, 3253 Schnottwil.

www.marcreist.ch
 

Das ist Marc Reist Besonders Wichtig im Leben

  • So leben, dass es dem Gesamtwohl dient! Das fängt schon im Kleinen an.
  • Sensibel bleiben und Respekt vor den Mitmenschen zeigen! Neugierig und offen sein!
  • Das Essen geniessen! Aber ohne Abfall – das meiste kann aufgewärmt werden.

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