Zwischen Himmel und Erde: Der Zürcher Flughafenpfarrer Walter Meier hat viel erlebt.

Ein Leben zwischen Abenteuer und Alltag

Als Flugbegleiter und Pfarrer am Flughafen Zürich hat Walter Meier viel erlebt. Nun im Ruhestand hofft er, mehr Zeit für die Familie zu haben. 

Was bei der Begegnung mit diesem Menschen im ersten Moment beeindruckt, ist seine schiere Körpergrösse: Reckt Walter Meier die Arme nach oben, sieht es so aus, als könne er mit den Händen zum Himmel greifen. Hochgewachsen, muss er aber auch früh lernen, sich tief zu bücken, etwa bei der Kartoffelernte auf den Feldern der bäuerlichen Verwandtschaft. Von den Maschinen, die gleich nebenan vom neu eröffneten Flughafen Kloten aus in unbekannte Fernen abheben, nimmt der Bub kaum Notiz. Wie sollte er auf die Idee kommen, dass er später einmal Flughafenpfarrer sein wird?

Vom kleinen Briefträger …

Harte körperliche Arbeit ist in jenen Tagen – Ende der 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre – für ein Kind durchaus nichts Ungewöhnliches: Als Sohn des Posthalters von Winkel ZH muss Walter, wenn er aus der Schule nach Hause kommt, erst noch die Nachmittagspost austragen. Schwer drückt ihn dann die grosse Ledertasche, und oft schmerzt der Rücken. Besonders fromm geht es zu Hause auch nicht her: «Die Eltern hatten gar keine Zeit, in die Kirche zu gehen», erzählt Walter Meier. «Das Tischgebet zum Beispiel kannte ich nur von unseren gelegentlichen Besuchen bei den Grosseltern.»

… zum Theologiestudenten

Dann kommt 1968, der Geist einer neuen Zeit erreicht das Zürcher Unterland in der Person eines jungen Pfarrers, der die kirchliche Jugendgruppe unter anderem mit der politischen Theologie von Dorothee Sölle konfrontiert. Die Jugendlichen, darunter der frisch konfirmierte Walter Meier, sind begeistert: «Wir hingen an seinen Lippen!» Als jener Pfarrer später den Maturanden Meier fragt, ob er sich ein Theologiestudium vorstellen könne, braucht es nicht mehr viel Überzeugungsarbeit. Walter Meier studiert zielstrebig und ohne Unterbruch – der lädierte Rücken macht ihn für den Militärdienst untauglich – und wird mit 24 Jahren bereits Pfarrer.
In die Zeit an der Uni fallen zwei Begegnungen, die Meiers Leben verändern. Er trifft Diana, die ebenso wie er Theologie studiert und für ein Auslandsjahr aus dem schwäbischen Tübingen nach Zürich gekommen ist. Der Aufenthalt wird ein wenig länger als geplant und dauert bis heute an: Seit 1978 verheiratet, sind die beiden inzwischen vierfache Grosseltern. Und dann sieht Meier einen Aufruf der Swissair, die dringend Stewards sucht – so nannte man damals noch die männlichen Flugbegleiter. Er bekommt den «Studentenjob» und fliegt gleich beim ersten Einsatz nach New York – damals, «als Flugreisen noch eine Angelegenheit nur für die Reichen waren», wie Walter Meier erzählt, ein ungeheuer faszinierendes Erlebnis. Nach dem Studium wäre er gerne noch weiter geflogen. Doch Mitte der 1970er-Jahre ist der Pfarrermangel gross und Meier nimmt eine Stelle als Gemeindepfarrer an.

Der fliegende Pfarrer

Einige Stationen später kommt er nach Bülach ZH, eine Pfarrei unweit des Flughafens mit vielen Gemeindemitgliedern, die auch dort arbeiten. Als die Swissair einen eigenen Seelsorger bekommen soll, nach dem Vorbild der Industriepfarrer, die unmittelbar im Betrieb für die Mitarbeitenden da sind, geht Pfarrer Meier neben seiner Tätigkeit in der Gemeinde ab 1988 wieder regelmässig in die Luft. 2010 hört er aus Altersgründen damit auf, doch das Virus ist bis heute geblieben: «Die Welt des Fliegens ist für mich nach wie vor faszinierend», gesteht Meier ein, «trotz aller Fragezeichen, die ich natürlich auch sehe, etwa die Umweltverschmutzung.» Als 1997 ein ökumenisches Flughafenpfarramt in Zürich eingerichtet wird, kann Meier beide Welten verbinden, Kirche und Luftfahrt. Gleich am ersten Tag ist er durch einen tödlichen Arbeitsunfall als Seelsorger gefordert.

Grosse und kleine Sorgen

Auch bei Katastrophen wie den Flugzeugabstürzen von Halifax, Bassersdorf und Überlingen betreut er Angehörige der Opfer. Viele Erlebnisse hat Meier in einem Büchlein aufgeschrieben (s. u.), auch solche aus dem Alltag des Flughafenpfarrers. Der ist weniger spektakulär, doch nicht minder anspruchsvoll: Für die Betreuung eiliger Passagiere bleibt oft wenig Zeit in der Hektik des Betriebes, «Minuten-Seelsorge» nennt er das. Auch die eigene Familie muss zurückstehen. «Wir haben unsere Buben aber doch zu einigermassen anständigen Christenmenschen erzogen», zieht Meier Bilanz, «selbst wenn es mit dem Tischgebet bei uns ebenso wenig geklappt hat wie bei meinen Eltern». Ab Ende September kann er sich nun ganz den eigenen Dingen widmen – und sich ab und zu nach oben träumen, über die Wolken …

...im Leben von Walter Meier

1968
Als 16-Jähriger wird er durch einen Pfarrer für die «Junge Kirche» begeistert.

1978
Aus der Studienkollegin Diana wird seine Ehefrau. Das Paar hat zwei Söhne.

1997
wird der ausgebildete Flugbegleiter vollamtlicher Flughafenpfarrer in Zürich.

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