Ein stechendes Argument

Schreiber: Wie gemütlich! Wir kehren von einem Auftritt zurück und sind noch zu sehr aufgedreht, um ins Bett zu gehen. Stattdessen schiebt Schneider eine DVD der Serie «House of Cards» ein und setzt sich aufs Sofa. Ich schenke Wein nach, dimme das Licht, zünde Kerzen an, werde ganz wohlig, schnurre innerlich und kuschle mich an Schneider. Der streichelt meinen Oberarm. Etwas uninspiriert. Ohne wirklichen Bezug zu mir. Ich spüre, dass er gar nicht merkt, dass da mein Arm ist und jemand dranhängt mit Liebeslust. Wahrscheinlich ist er zu sehr mit dem Film beschäftigt. Er findet die Serie spannend, ich eher langweilig.

«

Er merkt gar nicht, dass ich da bin.»

Schön ist aber, dass wir noch Zeit zu zweit haben, nach einem Abend mit 200 Leuten, die über uns gelacht haben. Was für ein Glück! Ich denke an unseren Auftritt, sehe die heiteren Gesichter und schmunzle, weil Schneider mich mit seinem Witz mal wieder komplett aus dem Konzept gebracht hatte. Er gefällt mir. Sein monotones Streicheln aber nicht. Ich winde mich sanft aus der mechanischen Bewegung, beuge mich über Schneider, schliesse die Augen und spüre seinen Atem. Dann spüre ich nur noch Schmerz in der Oberlippe. Ich greife mir an den Mund. Da steckt was. Ein Zahnstocher.

Schneider: «Könntest du gefälligst den Zahnstocher rausnehmen, wenn ich dich küsse?», zischt Schreiber. Ich verstehe ihren Ärger. Aber woher hätte ich wissen sollen, dass sie mich küssen wollte? Ich dachte, wir schauen den Film, geniessen den Wein und entspannen. Dazu gehörte auch der Zahnstocher, auf dem ich genüsslich herumkaute, während mir Schreiber immer mehr auf die Pelle rückte. Und nun nennt sie mich ungehobelt, weil da ein Stück spitzes Holz – was ich längst vergessen hatte – aus meinem rechten Mundwinkel ragte, als Schreiber von links auf mich zusteuerte. Während ihres Landeanfluges drehte ich meinen Kopf höflicherweise zu ihr und da passierte es: zack! Der Stocher stak in ihre Lippe!

«

Das Blut ist gestillt. Die Lust nicht: Streitlust.»

Jetzt tupft sie sich beleidigt ihre Oberlippe ab. Das Blut ist längst gestillt. Ihre Lust nicht. Jetzt ist es aber Streitlust. «Wie kannst du so unsensibel sein? Sag mir doch, dass du nicht willst, statt mich abzustechen.» Sagen, dass ich nicht will? Ich weiss wirklich nicht, ob sie weniger empört gewesen wäre, wenn ich gesagt hätte: «Du, ich will lieber den Film schauen als mit dir schmusen.
Da ist so ein ungeplanter Zahnstocherkuss vielleicht doch effektiver.

 (Coopzeitung Nr. 44/2014)

Die Kolumnisten live: 30. Oktober in Hornussen; 2. November Buchmesse Olten; 4.  November Winznau; 6. November Russikon; 7. November Schöftland; 8. November Endingen. www.schreiber-schneider.ch

Ist das Sofakino der richtige Ort zum Küssen? Oder lenkt die Küsserei und Schmuserei nur vom Film ab?

Schreiber und Schneider streiten sich darüber. Wer hat die besseren Argumente? Stimmen Sie hier ab.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 27.10.2014, 00:00 Uhr

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