Einsiedelei

Sie: Wir reisen zu meiner Mutter, die in Umbrien das Dasein einer wohltätigen Einsiedlerin führt: Sie besitzt ein kleines Häuschen, wenige Kleider und sonst nur das, was es für ein einfaches Leben braucht. Ihr einziger Luxus ist ein winziges Auto. In unserer masslosen Konsumgesellschaft ist das bewundernswert. Am Morgen steht sie jeweils zeitig auf und meditiert eine Stunde lang. Sie ist ein Vorbild für ein genügsames Leben, das im Einklang mit der Natur steht und das Leben aller Tiere achtet. Von ihrer Rente gibt sie viel an Einheimische ab, die ihr im Olivenhain helfen und das Feuerholz für den Winter stapeln. Ebenso bewundere ich, dass sie ihr Leben trotz ihrer 80 Jahre allein meistert und uns nicht zur Last fallen will.

 
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Sie ist ein Vorbild für ein genügsames Leben. »

In meine Wiedersehensfreude mischt sich aber auch etwas Sorge, als wir nur noch einen halben Kilometer vom Haus meiner Mutter entfernt sind. Denn sie ist nun mal der Ansicht, ihre Art zu leben sei die einzig richtige. Das führt bisweilen zu kleinen Scharmützeln zwischen ihr und mir. Die stehe ich dank lebenslanger Erfahrung als Tochter problemlos durch. Problematisch ist nur, dass Schneider deutlich schlechter trainiert ist, mit meiner Mutter umzugehen.

Er: Mir ist mulmig, als wir bei Schreibers Mutter ankommen. Sie steht bereits am Strassenrand und macht mir mit Handzeichen klar, wo ich zu parkieren habe. Als ich aussteige, sagt sie: «Du musst das Auto hier stehen lassen. Über die Zufahrt verläuft eine Ameisenstrasse.» Ich blicke auf den steilen, fünfzig Meter langen Weg zum Haus und denke an die prallvollen Koffer, die Schreiber gepackt hat. Na, prächtig!

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Mir ist mulmig, als wir bei ihrer Mutter ankommen.»

Während meine Schwiegermutter ihre Brut an der Hand nimmt, nehme ich den ersten Monsterkoffer in die Hand.
Schweissüberströmt schleppe ich den halben Hausrat und schiele nach einer Ameisenstrasse. Da! «Ihr habt Glück», keuche ich, was die Tierchen aber nicht die Bohne interessiert. Tja, so ist das hier: Das Leben eines Krabbeltiers ist genauso viel wert wie ein Schwiegersohn. Und die Skorpione sind es auch, mit denen ich meine Klause im unteren Stock des Häuschens teile, zusammen mit den Moskitos, die ich nicht anrühren darf, denn das sei für mein Karma schlecht, erklärt mir meine Schwiegermutter immer wieder gerne.
Ich stelle den Koffer hin, blicke hoch, sehe Schreiber umkehren und auf mich zukommen. Ich atme auf. Sie hilft mir. Und hoffentlich nicht nur beim Gepäck.

 (Coopzeitung Nr. 30/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 25.07.2016, 16:00 Uhr

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