Entwicklungsarbeit 

Er entwickelt eine Zukunft ohne Arbeit. 

Sybil Schreiber: Schneider sitzt mir gegenüber am Compuer und brütet intensiv. Wenn er hoch konzentriert ist, dann vergisst er alles um sich herum, blickt ernst und hört rein gar nichts. Immerhin atmet er noch, denn ab und zu zischt Luft zwischen seinen Zähnen hindurch.

«

Immerhin atmet er noch.»

Ich selber arbeite anders: hektisch, chaotisch, laut. Rufen mich die Kinder, schreibe ich weiter, während ich gleichzeitig mit ihnen rede und in meinem Block nach Interviewnotizen spähe. Schneider bekommt das alles gar nicht mit. Als ich ihn frage, ob er mit dem Hund eine Runde drehen wolle, brummt er bloss. «Was schreibst du denn?», will ich nun doch wissen. Er grummelt. Ich hake nach: «Brauchst du Hilfe? Soll ich deinen Text mal lesen?» Schneider blickt mit gerunzelter- Stirn auf. Wie schön, der Künstler ist zurück im Leben. Das kenne ich: Man steckt beim Schreiben fest, braucht den Blick von aussen,um das Thema wiederzufinden. Ich stehe auf, gehe zu ihm, massiere seine Schultern. Er seufzt erleichtert, seine Finger hören auf zu tippen, er lehnt sich entspannt zurück. «Schreiben kann hart sein, ich weiss», flüstere ich. Da fällt mein Blick auf seinen Bildschirm: Statt Texten sehe ich – Lottoscheine!

Steven Schneider: «Du arbeitest ja gar nicht!» Schreibers Hände auf meinen Schultern stellen das angenehme Kneten ein. «Nein. Ich versuche, am Computer einen Lottoschein auszufüllen», antworte ich. «Du?»

«

Ich weiss, das überrascht sie.»

Ich weiss, das überrascht sie. Sie hat mich auf der Post, als mir die Schalterbeamtin ein Millionenlos verkaufen wollte, sagen hören: «Ich bin doch schon reich.» Das bin ich auch. Reich an Glück, umgeben von einer tollen Familie, an einem schönen Ort in einem friedlichen Land lebend. Und grinsend erklärte ich der verdatterten Schalterfrau weiter, dass es sowieso ungesund sei, über Nacht Millionär zu werden. «Sonst sagst du, Lottospielen sei Blödsinn und du würdest alle Lottomillionäre bedauern.» «Das war mal. Es beginnt ein neues Jahr, und ich habe mir vorgenommen, weniger zu arbeiten. Deshalb will ich mein Glück versuchen.» «Ich fasse es nicht!» «Ich habe mich weiterentwickelt: Es gibt Schlimmeres, als über Nacht vermögend zu werden. Vielleicht macht das eben doch Spass.» «Muss ich mir Sorgen machen?», fragt Schreiber besorgt. Nein, das muss sie nicht. Ich werde nie Lottomillionär, denn ich schaffe es noch nicht einmal, online einen Lottoschein auszufüllen.

(Coopzeitung Nr 02/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 06.01.2014, 06:00 Uhr

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