Ertragen Männer Brutalität einfacher als Frauen?

Sie:

Nein. Auch wenn sie es nicht zugeben. Schliesslich weiss man: Ein Mann weint nicht, ein Mann hat keine Angst, ein Mann zieht in den Krieg. Das wurde ihm seit Jahrtausenden eingehämmert. Doch halt, unter dieser Staubschicht aus Historie und Erziehung wächst bei Männern genau dasselbe Gefühlsgemüse wie bei uns Frauen. Zarte Pflänzchen, die kein Blut sehen können, die lieber in den Arm genommen werden, als ins Messer zu rennen; die kreischen, wenn aus dem Dunkel ein Schatten erscheint und eine Kettensäge schwingt. Männer haben gelernt, Angst zu unterdrücken. Das heisst noch lange nicht, dass Brutalität für sie einfacher zu ertragen ist.

Er:

Ja. Wir Männer trainieren das seit Menschengedenken. Wer auf die Jagd geht, muss Nerven haben, Spannung aushalten, Blut sehen können. Wer ein Mammut erlegen will, darf vorher nicht in die Hose machen. Ich muss auch nicht auf einen Stuhl hüpfen, wenn eine Maus durch die Stube rennt und werde nicht ohnmächtig, wenn sich eine Spinne dicht vor meinem Gesicht abseilt. Und erst recht kann ich bei Filmen hinsehen, auch wenn es mal brutal wird. Denn was ich sehe, ist nur gespielt. Da kann ich wunderbar abstrahieren.

 

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Er:

Wenn jemand zähnefletschend im Dunkeln mit einer kreischenden Kettensäge und auf mich zu rennt, mach ich, dass ich aus dem Staub komme. Logisch. Was habe ich davon, wenn mein letzter Gedanke ist: Liegt da nicht ein Arm von mir am Boden? Das heisst aber noch lange nicht, dass ich voller «Gefühlsgemüse» bin, wie Schreiber das gern hätte. Nein, es hat viel mehr damit zu tun, dass ich gewappnet sein möchte: Um meine Brut, meine Familie, meine Kinder und meine Frau retten zu können, falls der Fall eintreten sollte, dass die Brutalität mal nicht auf der Leinwand, sondern in der Realität passieren sollte.

Sie:

Also, das will ich ja mal sehen, wie mein Schneider ein Mammut erlegt. Ist ja ziemlich gross, so ein Teil, abgesehen davon, dass Schneider, selbst wenn es Mammuts noch geben würde, lieber beim Metzger jagt, respektive sich etwas einpacken lässt. Mag sein, dass Männer trainiert haben, mit Brutalität umzugehen – aber genau das ist der Punkt: Mit Brutalität umgehen heisst noch nicht, diese auch ertragen können. Vielleicht trinken Männer dann einfach mehr, verstummen oder starren stundenlang ins Feuer – und verarbeiten damit, was sie vordergründig nicht zu verarbeiten glauben müssen.

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