Lionel räumt mit seinem Vater Roland das Zimmer auf – spielerisch funktioniert das bestens.

Erziehungskurse: Dipl. Papi

Die einen belächeln sie, die anderen meinen, nur überforderte Eltern brauchen sie. Und doch besuchen immer mehr Eltern solche Kurse.

Lionel (3) liebt es, mit Lego zu spielen. Er kann es allein, aber lieber noch tut er es mit Papa Roland. Auto fahren, Türme bauen, mit Tieren Zoo spielen. Egal was. Mit Papa Lego spielen ist das Grösste für einen Buben wie Lionel. Nur am Ende des Spiels, wenn es ans Aufräumen geht, hört bei Lionel der Spass auf. Wie motiviert man einen Dreijährigen, nach dem Spiel wieder aufzuräumen? Roland (37) und Daniela (40) wissen, dass dies nur geht, wenn sie es mit Lionel gemeinsam tun. «Das passiert spielerisch», sagt Roland, und wirft einen Duplostein in die grosse Kiste: «Getroffen!» Das kann Lionel nicht auf sich sitzen lassen – und auch er trifft mit einem Stein. So füllt sich die Kiste nach und nach. Natürlich funktioniere das nicht immer so, wie das Lehrbuch vorschreibt, sagt Mutter Daniela. Aber: «Es ist faszinierend, wie weit man kommt mit den richtigen Erziehungstricks.»

Das Kurs-Angebot ist riesig
Es gibt schweizweit über 4000 Angebote, die Eltern helfen sollen, sich bei der Kindererziehung zurechtzufinden. Das reicht von Wickelkursen über Verkehrskunde für Kinder bis zu Verhal-tenstipps. Immer mehr Eltern nehmen diese Angebote in Anspruch. 2005 besuchten gut 42 000 Personen eines der Angebote, 2011 waren es bereits über 64 000. Eltern tun jedoch gut daran, genau zu prüfen, was für ein Angebot sie nutzen. In der Schweiz sorgte vor drei Jahren der biblisch orientierte Erziehungsratgeber «Eltern – Hirten der Herzen» für Aufsehen. Er bildet die Grundlage von Erziehungskursen, die auch die Prügelstrafe bei Babys und Kleinkindern anwenden. Roland und Daniela haben einen Erziehungskurs bei Triple P besucht (siehe Kasten Seite 27). Wie jedes Kind ist auch Lionel nicht immer der Sonnenschein, den sich Eltern wünschen. Manchmal kann er richtig störrisch sein, bekommt Wutanfälle. Dann muss er auf die «stille Treppe». Die mag er gar nicht, sagt Lionel selber. Dort gibt es nichts zu tun für ihn. Er kann nur dasitzen und warten. «Das wirkt extrem gut», sagt Daniela. Lionel wird durch diese Massnahme aus seiner Situation herausgeholt. In nur zwei Minuten kommt er zur Ruhe.

Stille Zeit und logische Konsequenz
Die «stille Zeit» ist bei Triple P so etwas wie die Höchststrafe. Die Eltern sollen die Kinder zweimal auf ein unerwünschtes Verhalten aufmerksam machen. Reagiert das Kind auch beim zweiten Mal nicht, folgt die Strafe – wobei Strafe nicht der richtige Ausdruck ist: «Logische Konsequenz» heisst das bei Triple P. Wenn ein Kind aus Wut das Spielbrett umschmeisst, muss es das Spiel allein einräumen, will das Kind den Fernseher nicht wie abgesprochen ausschalten, tun das die Eltern und streichen vielleicht das Fernsehprogramm vom folgenden Tag et cetera. «Triple P verlangt von den Eltern eine gehörige Portion Kreativität, um stets eine passende logische Konsequenz zu finden», sagt Daniela und ergänzt lachend: «Natürlich gelingt das nicht immer.»

Was bringen Erziehungskurse?
Roland und Daniela sind sich einig: «Man lernt grundsätzlich positiv zu formulieren. Das ist eine wichtige Basis», sagt Roland. «Und man merkt immer wieder selber, wenn man gegen dieses Prinzip verstösst.» Es sei fast wie ein Spiel mit sich selbst und gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin. Der kann die Erziehungsversuche des anderen Elternteils genüsslich beobachten und danach mit einem Lächeln bemerken: «Das war jetzt aber nicht so, wie wir es gelernt haben.» Wer darüber dann lachen kann, hat die wichtigste Botschaft auch verinnerlicht: Manchmal etwas mehr Humor und Ruhe, hilft den Kindern und den Eltern. lDie «stille Zeit» holt Kinder aus ihrer momentanen Lage auch physisch und emotional heraus. Das allein hilft.

Frage der Woche

«

Soll man heute anders erziehen als früher?»

Erziehen wir noch oder verhätscheln wir schon? Und was ist gute Erziehung?

Hier gehts zu weiteren Wochenfragen

In der Schweiz

Triple P ist das am besten evaluierte Programm. Es richtet sich an Eltern von Kindern zwischen 2 und 16 Jahren. Die hohe Wirksamkeit und Zufriedenheit der Eltern ist seit den 80er-Jahren wissenschaftlich belegt.

Triple P

«Starke Eltern – Starke Kinder» will Mütter und Väter wie auch Grosseltern und Personen, die beruflich mit Kinder zu tun haben, in ihrer Aufgabe als Erziehende stärken. «Starke Eltern – Starke Kinder» wird in der Schweiz er von der Stiftung Kinderschutz Schweiz getragen.

Starke Eltern – Starke Kinder

Pekip ist das Prager-Eltern-Kind-Programm. Ziel ist es, Eltern und Babys im sensiblen Prozess des Zueinanderfindens zu unterstützen.

Pekip

Das Gordon-Modell ist ein Kommunikations-Modell zur Lösung von Konflikten. Es wurde erstmals vom US-Psychologen Thomas Gordon beschrieben.

Gordon-Training

Step, das Systematische Training für Eltern und Pädagogen, ist ein ganzheitliches pädagogisches Konzept für alle Altersstufen.

Instep-online

Stark durch Erziehung ist kein Erziehungskurs, sondern eine nationale Kampagne. Ziel ist die Förderung der Erziehungskompetenzen von Eltern und Personen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

e-e-e
Das Kind... ... bekommt einen Wutanfall
No-Go Ohrfeige
So könnte es gehen: Ruhig bleiben. Das Kind aus der Situation herausnehmen und sich selbstständig beruhigen lassen. Danach wieder in die Familie einbeziehen. 
 
 
Das Kind... ... räumt die Spielsachen nicht auf
No-Go Ohne Znacht ins Bett
So könnte es gehen: Je nach Alter, mit dem Kind gemeinsam aufräumen oder positive Aktivität nachher wird gestrichen. 
 
 
Das Kind... ... hat Geschwister geschlagen
No-Go Klaps auf den Hintern, damit es spürt, wie schmerzhaft Schläge sind
So könnte es gehen: Nahe zum Kind gehen, Augenkontakt gewinnen, sagen was nicht ok war und was es nun tun soll (z.B. sich entschuldigen).
 
 
Das Kind... ... dreht den Fernseher nicht ab trotz mehrmaliger Anweisung
No-Go Drohung, „dann gehen wir nicht in den Zoo“
So könnte es gehen: Fernseher selber ausstellen und als Konsequenz für eine angemessene bestimmte Zeit Fernsehverbot.  
 
 
Das Kind... ... spielt mit dem Essen
No-Go Auf die Finger schlagen
So könnte es gehen: Dem Kind ruhig und deutlich sagen mit was es aufhören und was es stattdessen tun soll. Wenn es weiterspielt, Teller für eine gewisse Zeit wegstellen.
 
 
Das Kind... ... schreit herum
No-Go Körperliche Züchtigung jeder Art
So könnte es gehen: Überlegen, warum das Kind schreit. Wenn es z.B.  zuwenig Aufmerksamkeit erhält, das Kind einbeziehen. Zeigen, wie es sich ausdrücken soll.

Ist die Zeit der Ohrfeige vorbei?

Coopzeitung: Ohrfeigen in der Erziehung sind unter Pädagogen verpönt. Sind sie auch verboten?
Guy Bodenmann (Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich): In Deutschland ja. Dort ist die körperliche Bestrafung von Kindern und Jugendlichen seit 2000 verboten und strafbar. In der Schweiz nicht, obwohl die Integrität des Kindes auch hier zu schützen sei. Doch rechtliche Regelungen sind das eine. Studien zeigen, dass die so genannte punitive Erziehung nicht wirksam ist. Bestrafung ist immer weniger wirksam als Belohnung. Körperstrafen gefährden eine gesunde, selbstbewusste Entwicklung des Kindes und führen stattdessen häufig zum "Bravheitssnydrom", zu Ängstlickeit und Überanpassung.

Was ist denn so schlecht an einer Ohrfeige oder einem Klaps auf den Hintern?
Es geht letztlich um die hinter dem punitiven Verhalten stehende Einstellung dem Kind gegenüber, welche für dessen Selbstwert und Entwicklung relevant ist. Gehört Schlagen selbstverständlich zum Erziehungsrepertoire der Eltern ist dies für Kinder schädlich.

Was können Eltern machen, deren Sprösslinge nicht so tun, wie sie wollen?
Zuerst sollte man mit dem Kind im gemeinsamen Gespräch die Gründe für sein unerwünschtes Verhalten erforschen und ihm deutlich machen, weshalb man ein bestimmtes Verhalten von ihm fordert. Braucht es danach noch Strafen, eignet sich die indirekte Bestrafung am besten, d.h. dem Kind den Fernseh- oder Internetkonsum befristet streichen oder kein Dessert geben. Abzuraten ist von Strafen, die die zwischenmenschliche Ebene betreffen wie Liebesentzug, nicht in den Zoo gehen, obschon es abgemacht war, gemeinsame Zeit streichen.

Warum sind Kinder manchmal ungezogen?
Aus einer verhaltensökonomischen Perspektive hat ein Kind a priori kein Interesse, sich ungezogen zu verhalten. Herumschreien, raufen, Dinge zerstören usw. brauchen Kraft und bedeuten Aufwand. Ein häufiger auftretendes Fehlverhalten ist immer ein Signal. Als Eltern sollte man sich überlegen, was der Grund für dieses Verhalten sein könnte. Erhält das Kind ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit, feinfühliges Eingehen auf seine Bedürfnisse, Liebe und Unterstützung, aber auch die benötigte Struktur und klare Grenzen?

Das klingt gut, ist aber in der Praxis nicht immer ganz einfach.
Ja, Stress und Mehrfachbelastungen, Erziehungsunsicherheiten, Partnerschaftsprobleme oder eine eigene schlechte Befindlichkeit erschweren häufig angemessenes Erziehungsverhalten. Nehmen Sie folgendes Beispiel. Man ist müde und ausgelaugt, froh, dass das Kind ruhig spielt und überlässt es sich selbst. Es erhält keine Beachtung für sein positives Verhalten. Reagiert es später gereizt oder zeigt Fehlverhalten, dann reagiert man, dann erhält das Kind unsere Aufmerksamkeit. Als Eltern reagiert man häufig erst auf Fehlverhalten. Besser wäre ein kurzes Lob während des Spielens, spontanes Eingehen aufs Kind, wenn es uns etwas fragt, etwas von uns braucht – Zuwendung und Zeit für das Kind zählen. Unter Stress reagieren Eltern zudem häufig inkonsistent oder unterlassen es, die Kinder angemessen zu beaufsichtigen.

Kommentare (15)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Yannick Andrea
Veröffentlicht:
Montag 22.09.2014, 17:40 Uhr

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:




Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?