Es lebe Kümmel!

Ist jeder Abschied auch ein Neuanfang? 

Steven Schneider: Kümmel ist gestorben. Als Letzte von unseren drei Rennmäusen. Vor zwei Monaten machte Flöckli den Anfang. Die Kinder begruben ihn im Garten, dekorierten das Grab, beteten für ihn und weinten.

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Allein mochte Kümmel nicht mehr leben.»

Dann, etwa sechs Wochen später, segnete Stupsi das Zeitliche. Übrig blieb Kümmel, der allein nicht mehr leben mochte und nun seinen beiden Brüdern in den Mäusehimmel folgte. Obschon sie alle doppelt so alt wurden, wie man uns prophezeit hatte, ist unsere Kleinere untröstlich. Sie liebt Tiere über alles. Sie hebt zerquetschte Regenwürmer auf und legt sie ins Gras. Sie baut sichere Gehege für Heuschrecken und winzige Raupen. Sie füttert Häuschen-Schnecken mit Salat. Kurz: Sie ist die Retterin der kleinen Wesen. Jetzt aber fliessen die Tränen und ihre Trauer ist gross. «Ich will nur noch Schildkröten und Papageien», verkündet sie und schnieft. «Warum denn das?», frage ich etwas irritiert. Ich will weder Echsen noch Grossvögel beherbergen. «Weil die viel älter werden, ich will sie nicht sterben sehen. Das tut mir so weh», erklärt sie, dann meint sie nachdenklich: «Papa, jetzt ist unser Terrarium so leer. Da könnten wir doch Rennmäuse aus dem Tierladen retten!»

Sybil Schreiber: Wie mich das Sterben unserer Rennmäuse gerührt hat! Eine nach der anderen wurde immer stiller, langsamer und dünner.

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Es waren vier tolle Jahre mit unseren drei kecken Nagern.»

Und jetzt hat es Kümmel erwischt, der mit grossem Eifer Gänge ins Sägemehl grub und sich gern streicheln liess. Was für ein freundliches Kerlchen! Ich muss mir die Tränen aus dem Gesicht wischen. Schneider lächelt mich mitfühlend an. «Die hatten doch ein tolles Leben», sagt er. Was vermutlich stimmt. Aber Abschied nehmen tut trotzdem weh. Es waren vier tolle Jahre mit unseren drei kecken Nagern. Wir werden ab sofort nachts nicht mehr von ihrem Geraschel und Getrappel gestört werden. Sie wohnten nämlich direkt vor unserem Schlafzimmer. Und ehrlich gesagt war es in erster Linie ich, die sich ums Füttern und Ausmisten gekümmert hatte. Ich habs gern getan, aber eine Pflicht weniger ist mir nicht unrecht. «Nun haben wir das Kapitel Mäuse hinter uns, es war ein sehr schönes», sage ich zu Schneider, der noch immer mitfühlend lächelt. Er räuspert sich: «War doch eine wichtige Erfahrung, die unsere Kinder jetzt gemacht haben, oder?» Ich nicke. Schneider fährt fort: «Genau. Und damit sie sehen, dass das Leben weitergeht, schenken wir ihnen neue Mäuse.» 

(Coopzeitung Nr 50/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 09.12.2013, 17:01 Uhr

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