Für einmal nur als Zuschauerin: Eva Vitija im Kinosaal des Toni-Areals, der Zürcher Hochschule der Künste.

Eva Vitija: «Glück kann man nicht festhalten»

Die Kamera ihres Vaters begleitete Eva Vitija durch die Kindheit. Für ihr Masterstudium führte sie selbst Regie und gewährte persönliche Einblicke in ihr Leben.

Seit dem 5. Mai ist der sehr persönliche Film «Das Leben drehen» der Drehbuchautorin Eva Vitija (42) in den Schweizer Kinos zu sehen. Der Film geht dem obsessiven Filmen ihres Vaters Joschy Scheidegger auf den Grund – und mahnt gleichzeitig die heutige inszenierfreudige Gesellschaft zur Vorsicht.

Laut eigener Aussage wollten Sie nie das Leben Ihres Vaters oder Ihrer Familie verfilmen. Warum sprechen wir dann heute über den Film «Das Leben drehen»?
Der Tod meines Vaters veranlasste mich dazu, sein enormes Filmarchiv durchzusehen und auch seine Kamera zu übernehmen. Vor seinem Tod wäre dieser Film für mich eher abstrus gewesen.

Von klein auf begleitete Ihr Vater Ihren Familienalltag mit der Kamera. Selbst Ihre Geburt gibt es auf Band. Fühlten Sie sich wie in einer «Reality-Show»?
Diesen Begriff kannte man damals nicht. Zu Beginn war alles eine Art Spiel und ich machte extra Faxen vor der Linse. Je älter ich wurde, desto beobachteter fühlte ich mich. Dies gab ich meinem Vater auch zu verstehen. Ich fand es schade, dass er viele gemeinsame Momente nur durch das Objektiv sah und sie nicht wirklich mit uns teilte.

Hatte das Verhalten Ihres Vaters Auswirkungen auf Ihren Freundeskreis?
Selbstverständlich filmte mein Vater nicht 24 Stunden am Tag. So konnten wir ganz normal Zeit mit Freunden verbringen.
 
Sie wollten mit diesem Film der Liebe Ihres Vaters zur Kamera auf den Grund gehen. Ist Ihnen das gelungen?
Es war seine Art, Freude auszudrücken. Nicht dass er nicht sagen konnte, wenn ihn etwas erfreute. Damit versuchte er lediglich die schönen Momente des Lebens festzuhalten. Es gab aber auch  Situationen, in denen er sich dadurch distanzieren konnte und die Kamera gebrauchte, um unangenehmen Themen auszuweichen.

Was für Themen waren dies?
Alles, was ihm naheging und nicht mit der heilen Welt übereinstimmte, die wir uns alle wünschten, wie zum Beispiel die Scheidung von meiner Mutter oder das Thema Tod, welches ihn stark beschäf-
tigte. Dieser Film half uns, über solche Themen zu sprechen, da wir uns bewusst damit beschäftigen mussten. Ich, als ich mir alle Bilder und Filme durchschaute, diemein Vater im Lauf des Lebens ange-
gesammelt hatte, und meine Familie durch die Interviews, die ich mit ihnen führte.

Der Fächer ist ihr ständiger Begleiter.

Der Fächer ist ihr ständiger Begleiter.
Der Fächer ist ihr ständiger Begleiter.

Ihre Familie war diesem Filmprojekt somit positiv gesinnt?
Grundsätzlich ja. Mein Bruder tat sich zu Beginn etwas schwer. Ihn ärgerte das Filmen meines Vater früher ebenfalls, und erneut vor der Kamera zu stehen, missfiel ihm zuerst. Mir zuliebe sagte er zu und mit der Zeit vergassen wir alle die Kameras um uns und konnten offen über die ganze Sache sprechen.

Dennoch hatten auch Sie Mühe, über persönliche Dinge zu sprechen.
Selbstverständlich. Über schmerzhafte Dinge zu sprechen ist nie leicht. In erster Linie wollte ich einen guten Film machen, dazu gehörte auch, über Dinge zu sprechen, die mich beschäftigten. Ironischerweise sind Sie unter anderem selbst Drehbuchautorin und Regisseurin. Ich redete mir lange selbst ein, dass es nichts mit meinem Vater zu tun hat. Doch ganz lässt sich dies wohl nicht leugnen, dass es auch mit seinem Beruf als Regisseur in Verbindung steht.

Ihre Taschenbücher.

Ihre Taschenbücher.
Ihre Taschenbücher.

Ist der Film auch eine Kritik an der heutigen Gesellschaft, die alles in Bild und Video festhält?
Zumindest sollte sich jeder fragen, was für einen Einfluss die neuen Medien auf sein Leben haben. Jeder inszeniert sich so, wie er sich selbst gerne sieht. Negatives wird oft ausgeblendet, was zu Unsicherheit führen kann. Es entsteht ein falsches Bild vom Gegenüber. Man könnte denken, dass es anderen nur gut geht, dass sie erfolgreicher und beliebter sind. Das beeinflusst unsere eigene Identität und unser Selbstbewusstsein. Ich sage nicht, dass dies prinzipiell schlecht ist. Aber es lohnt sich, einen Moment einfach mal zu geniessen und das Handy zur Seite zu legen.

Denken Sie persönlich, dass man das Glück festhalten kann?
Nein. Man kann einen erlebten Moment zwar auf einem Bild festhalten, doch das Glücksgefühl, das man damals verspürte, kann man nicht nochmals erleben. Glück kommt und geht, es ist leider sehr flüchtig.

Trailer

Zur Webseite »
Den Film können Sie z.B. im RIFFRAFF sehen »

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Loredana Steiner

Mediamatikerin / Onlineredaktion

Foto:
Markus Lamprecht, zVg
Veröffentlicht:
Montag 16.05.2016, 00:00 Uhr

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