Ewigi Liebi: Zwischen Mythos und Realität

Die steigende Lebenserwartung und der Wertewandel in der Gesellschaft stellen Liebespaare vor grosse Herausforderungen.

Die zehn Pendeluhren an der Wohnzimmerwand von Hanni (77) und Max Krapf (83) ticken leise vor sich hin. Synchron sind sie nicht, aber doch irgendwie zusammen. Es scheint fast so, als würden die mechanischen Taktgeber das Eheleben des Zürcher Rentnerpaars widerspiegeln. «Denn das», erklären die beiden unisono, sei das Geheimnis ihrer langjährigen Liebe: «Gewisse Dinge unternehmen wir gemeinsam, gewähren dem Partner aber immer Freiraum für eigene Aktivitäten.» Das Sprichwort «Gleich und gleich gesellt sich gern» stimme aber schon, findet Max – Hanni nickt.

Start mit Gottes Segen

Während die Krapfs aus dem Erfahrungsfundus von 56 Ehejahren schöpfen, stützt sich Pasqualina Perrig-Chiello (66) auf wissenschaftliche Studien. Die emeritierte Professorin und Entwicklungspsychologin hat die Liebe erforscht. Über Jahre hinweg. «Wir haben über tausend langjährig Verheiratete mit einer durchschnittlichen Ehedauer von 21 Jahren nach ihrem Liebesrezept befragt», erklärt Perrig-Chiello. Das Resultat: Nicht Gegensätze ziehen sich an, sondern Gemeinsamkeiten. «Es müssen aber nicht unbedingt die gleichen Hobbys sein», präzisiert die Psychologin. Vielmehr gehe es um grundlegende Wertehaltungen wie etwa Treue, gegenseitiger Respekt oder Verlässlichkeit.

Was diese Werte betrifft, ticken Max und Hanni Krapf gleich. Und sie teilen seit jeher die Leidenschaft fürs Reisen. «Im Fernen Osten waren wir noch nie, sonst aber fast überall auf der Welt», sagt Max Krapf.

Die Zeit kann ihrer Liebe nichts anhaben. Hanni und Max Krapf sind seit 56 Jahren glücklich verheiratet.

Die Zeit kann ihrer Liebe nichts anhaben. Hanni und Max Krapf sind seit 56 Jahren glücklich verheiratet.
http://www.coopzeitung.ch/Ewigi+Liebi_+Zwischen+Mythos+und+Realitaet Die Zeit kann ihrer Liebe nichts anhaben. Hanni und Max Krapf sind seit 56 Jahren glücklich verheiratet.

Ihren gemeinsamen Lebenstrip starteten die beiden Ende der 50er-Jahre in der Jungen Kirche Zürich. Dort lernten sie sich kennen. Mit Gottes Segen, sozusagen. Max war 24, Hanni 18. «Noch nicht einmal volljährig», gibt sie mit einem Schmunzeln zu bedenken; damals galt erst als mündig, wer den 20. Geburtstag hinter sich hatte. Nach drei Jahren läuteten die Hochzeitsglocken. «Nicht ganz freiwillig», gibt Max zu. «Aber es ist nicht so, wie Sie jetzt vielleicht denken. Natürlich hätten wir ohnehin geheiratet, aber vielleicht nicht schon so früh.»

Die Story, die sich hinter der überstürzten Hochzeit verbirgt, sie würde heute wohl boulvardeske Schlagzeilen machen. Der gelernte Maschinenschlosser Max Krapf bewarb sich bei den Wasserwerken Zürich auf die ausgeschriebene Stelle als Maschinist. Gegen 50 Konkurrenten setzte er sich durch. Eine Dienstwohnung direkt neben der Arbeitsstelle gehörte zum attraktiven Gesamtpaket. «Wegen den Pikettdiensten», erklärt Krapf. Der Haken an der ganzen Sache: Die Wohnung wurde nur an verheiratete Paare vergeben. «Also fragte mich der Chef beim Bewerbungsgespräch, ob ich denn verheiratet sei. Ich sagte Nein, aber bald», erinnert sich der 83-Jährige und fährt fort: «Der Chef versprach, wenn Sie im Frühling verheiratet sind, erhalten Sie diese Stelle und auch die Wohnung.» 57 Jahre später sind Hanni und Max Krapf noch immer glücklich miteinander verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder und wohnen noch immer in der alten Dienstwohnung der Wasserwerke Zürich.

«

Die Liebe ist ein Gefühl und kann nicht verordnet werden.»

Pasqualina Perrig-Chiello (66), Entwicklungspsychologin und Liebesforscherin

Für Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello ist dies alles andere als selbstverständlich. «Durch die steigende Lebenserwartung kann heute eine Partnerschaft sechs oder sieben Jahrzehnte dauern.» Das sei eine grosse Herausforderung, die nicht alle Ehepaare so gut meistern wie Hanni und Max Krapf. «In früheren Generationen löste der Tod aufkommende Eheprobleme meist von selbst.»

Doch nicht nur die steigende Lebenserwartung kann das Eheleben vor Probleme stellen, «sondern auch der Wertewandel», gibt Perrig-Chiello zu bedenken. Die Individualisierung sei heute stark ausgeprägt – das Recht auf das persönliche Glück stehe im Vordergrund.

Pasqualina Perrig-Chiello hat über tausend langjährig Verheiratete nach ihrem Liebesrezept befragt.

Pasqualina Perrig-Chiello hat über tausend langjährig Verheiratete nach ihrem Liebesrezept befragt.
http://www.coopzeitung.ch/Ewigi+Liebi_+Zwischen+Mythos+und+Realitaet Pasqualina Perrig-Chiello hat über tausend langjährig Verheiratete nach ihrem Liebesrezept befragt.

Die emeritierte Professorin, unter anderem Leiterin der Senioren-Universität Bern, weiss auch aus eigener Erfahrung: «Dieser Wertewandel begann mit der 68er-Bewegung: Davor war das WIR – es soll UNS gut gehen.» Zudem galt: Ehefrau gleich Hausfrau und Anhängsel des Mannes. Mit der fortschreitenden Mobilität und beruflichen Flexibilität hat sich diese Einstellung seither aber grundlegend verändert. Frauen sind besser gebildet und berufsorientiert.

Diese Entwicklung sei enorm wichtig und richtig, findet Perrig-Chiello, warnt aber sogleich: «Das Spannungsfeld wächst. Die Gefahr besteht, dass sich ein Partner zu weit entfernt und das gemeinsame Fortkommen hinterherhinkt.» Im Gegensatz dazu steht, dass man sich nur noch über den Partner definiert – das WIR verdrängt die Eigenständigkeit. Auch das ist gefährlich, denn es entsteht eine Abhängigkeit, die dazu führt, dass man für den Partner nicht mehr attraktiv ist. «Denn», so die Professorin, «Umwerben und Werben gehören bis ganz zum Schluss dazu.» Selbstverständlichkeiten seien der Tod einer Beziehung.


Enge Bindung ist gesund

Was wir also schon lange wissen, bestätigt sich wieder einmal: Es ist kompliziert, das mit der Liebe. Eigentlich logisch, findet Perrig-Chiello: «Die Liebe ist ein Gefühl, das man nicht verordnen oder kontrollieren kann. Daher muss man sich auch immer mit einem möglichen Scheitern auseinandersetzen.» Ewige Liebe solle man nicht wollen, denn Liebe sei keine Konserve. «Liebe soll sich entwickeln.»

Von einer Ehe auf Zeit hält die Liebesforscherin hingegen nicht viel. «Die Menschen haben nach wie vor das innigste Bestreben, einen Partner für sich allein zu haben, und zwar auf ewig.» Auch in der heutigen, schnelllebigen Zeit bestehe der Wunsch nach enger Bindung. «Und es ist wissenschaftlich bewiesen, dass dies sogar gesundheitsfördernd ist – für Männer noch ein wenig mehr als für Frauen.»

Führen wir uns hier nochmals das Zürcher Rentnerpaar Max und Hanni Krapf vor Augen, hat dies wohl etwas Wahres. Auch in ihrem fortgeschrittenen Alter strotzen beide vor Lebensfreude, obwohl Hanni mit vereinzelten Gebrechen zu kämpfen hat. Vor einer nächsten gemeinsamen Reise hält sie dies aber nicht ab. Eine Flusskreuzfahrt auf dem Rhein im kommenden Sommer soll es sein.

  

Dos und Dont's

  • Nicht versuchen, den Partner zu verändern. Kleine Macken akzeptieren.
  • Den Partner nicht respektlos behandeln.
  • Keine Dauerkritik à la: «Immer machst du das so und so, statt so und so». Lieber sagen: «Jetzt im Moment stört mich das.»
  • Sich selber als eigenständige Person nicht aufgeben.
  • Mehr Realitätssinn statt Romantik (Unvollkommenheit ist die Regel und nicht die Ausnahme).
  • Gute Balance zwischen Selbstverwirklichung und Weiterentwicklung als Paar.

Liebe auf den ersten Klick!?

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Früher wars die Disco, noch früher der Tanzkurs. Doch heute suchen Millionen Singles im Internet nach der grossen Liebe.

Sie habe zuerst nicht an einen Erfolg geglaubt, gibt Corinne Hartmann offen zu. «Das Ganze kam mir ziemlich abstrakt vor.» Dennoch fasste sie Mut und meldete sich beim Onlineportal «Parship» an. «Bekannte haben mir dazu geraten», sagt sie. Das war vor rund einem halben Jahr. Zwei Monate später klopfte bereits das digitale Glück an ihren Posteingang. «Sie haben eine Mail», hiess es da, von André – 47 Jahre. André war aber nicht der Erste mit Interesse und auch nicht der Einzige.

«Ich war noch nicht einmal fertig mit dem Erstellen meines Profils, da flatterten schon die ersten Nachrichten potenzieller Partner über meinen Bildschirm», erinnert sich die 38-Jährige. Richtig gepasst hatte es aber noch nicht. Doch dann kam André. «Wir erzielten ein Matching-Resultat von 119 Punkten», erklärt dieser und fügt mit einem verschmitzten Seitenblick zu seiner Liebsten an: «Das ist ziemlich gut.» Das Maximum dieser angeklickten Übereinstimmungen seien 140 Punkte. Bis zum ersten realen Treffen dauerte es dann nochmals drei Wochen.

Vorab telefonierten die beiden täglich bis tief in die Nacht. «Das raubte uns sprichwörtlich den Schlaf», sagt André, darum habe er dann schon bald einmal auf ein Treffen gedrängt. Leichten Bammel hatten beide davor. Es sei halt schon komisch, wenn beim Charakter quasi alles passt, man aber nicht weiss, wie das Gegenüber in real aussieht. «Auf den meisten Portalen sind die Gesichter der Personen verpixelt», klären die Neuverliebten auf.

Bei Corinne und André hats gestimmt. Seit zwei Monaten sind sie offiziell ein Paar und würden diesen digitalen Weg vorbehaltlos weiterempfehlen. Ein wenig Glück brauche es natürlich auch dazu, aber diesem Glück half der Compi in diesem Fall auf die Sprünge.

Wenn Plan A nicht funktioniert

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Die Liebe ist ein Gefühl, das man nicht verordnen kann. Manchmal passt es einfach nicht.

Es wäre zu schön gewesen. Eine Dorfliebe, wie im Märchen. 2001 treffen sich Anita Kunz (18) und Ruedi Probst (28) erstmals. Der Turnverein in der Oberbaselbieter Gemeinde Hölstein waltet dabei als Kuppler. Aus dem gemeinsamen Turnen entwickelt sich schon bald einmal Liebe.

Ein Jahr später ziehen die beiden zusammen. 2008 folgt die Hochzeit. Dann das nächste Kapitel im Beziehungsbuch von Anita Kunz und Ruedi Probst – es  heisst: «Kinder und Haus». 2011 die Geburt des ersten Sohnes, 2014 folgt sein Bruder. In die Zeit der durchwachten Nächte und Erfahrungen als Neo-Eltern planen der mittlerweile 38-Jährige und seine 10 Jahre jüngere Ehefrau auch noch den Bau ihres  Einfamilienhauses. Ein Jobwechsel von Ruedi fällt ebenfalls in diese Periode. «Das war eine stressige Zeit», erinnert sich Anita, und Ruedi ergänzt: «Wir haben das unterschätzt.» Ein halbes Jahr nach der Geburt von Noel bemerken beide, dass es nicht mehr passt, wollen es aber zu Beginn nicht wahrhaben. Doch die Liebe sei da schon lange tot gewesen. «Wir lebten nur noch in einer Wohngemeinschaft», sagt Anita, und das wollten beide nicht. Im Sommer 2015 kommts zur Trennung, im Frühling 2016 folgt die Scheidung. Voraus gingen lange Gespräche – immer ohne Streit. Heute leben beide in einer neuen Partnerschaft. Dem Dorf, wo sie sich kennengelernt haben, sind sie aber treu geblieben – auch wegen der beiden Buben. Diese leben unter der Woche bei ihrer Mutter und an jedem zweiten Wochenende und jeden Sonntag bei ihrem Vater.

Paaren, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, raten Anita und Ruedi: «Sprecht miteinander und zieht einen Schlussstrich – lieber zu früh, als zu spät.»

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Andreas Eugster

Redaktor

Foto:
Kostas Maros, Heiner H. Schmitt; Video: Sara Lo Frano; Infografik: Caroline Koella
Veröffentlicht:
Montag 12.02.2018, 09:36 Uhr

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