Giulia Steingruber ist die erste Schweizer Kunstturnerin, die jemals eine Olympiamedaille gewonnen hat.

Explosiv: «Ich bin jetzt auch offen für neues»

Das Training verliess sie oft mit Tränen in den Augen. Der Weg an die Spitze war auch bei Kunstturnerin Giulia Steingruber mit Schmerzen verbunden – ihr Ehrgeiz aber siegte.

Giulia Steingruber, Sie haben ja ziemlich coole Eltern.
Das ist so. Aber ich nehme an, mit dieser Aussage zielen Sie auf etwas ganz Bestimmtes ab.

Ein Tattoo als Geburtstagsgeschenk von den eigenen Eltern ist doch sehr ungewöhnlich und ... cool. Normalerweise versuchen diese, so etwas eher zu verhindern.
(lacht ... ziemlich laut) Ja gut, das habe ich mir aber auch wirklich ganz fest gewünscht. Das war vor zwei Jahren, zu meinem 20. Geburtstag. Meinen Eltern war es aber wichtig, dass die Tätowierung für mich eine Bedeutung hat.

Und? Hat sie das?
Na klar! Es sind unter anderem die chinesischen Schriftzeichen, die für Liebe, Energie und Familie stehen. Sehr zentrale Sachen in meinem Leben.

Wie gibt Ihnen Ihre Familie Kraft?
Meine Eltern unterstützen mich in allem. Wären sie nicht immer für mich da, ich wäre überfordert.

Auch mit Ihrem Trainer Zoltan Jordanov verbindet Sie viel. Das Bild von den Olympischen Spielen in Rio, als Sie sich nach dem Gewinn der Bronze-medaille in den Armen lagen, ging um die Welt.
Es war für beide eine riesige Erleichterung – die Belohnung für jahrelange harte Arbeit. Ein wunderschönes Gefühl, kaum in Worte zu fassen. Er fühlte wohl dasselbe.

Zehren Sie noch immer von diesem Erfolg?
Sagen wir es so: Ich benötige immer noch Zeit, das Ganze zu verarbeiten.

Auch weil Sie wissen, dass Zoltan Jordanovs Vertrag mit dem Schweizerischen Turnverband Ende Jahr ausläuft?
Ein heikles Thema. Klar, er war acht Jahre lang mein Trainer und wir haben intensiv zusammengearbeitet ...

... aber?
Ich bin offen für Neues. Logisch, ich muss mich wieder neu orientieren. Aber ich denke, das ist nach einer so langen Zeit auch einmal gut. Trotzdem bin ich Zoltan unheimlich dankbar für alles.

Wissen Sie schon, wer ihn ersetzen wird?
Der bisherige Assistenztrainer wird neuer Chefcoach. Dazu kommen noch zwei weitere Coaches, die ich aber nicht kenne.

«

Ich merkte relativ früh, dass man mit Schlafmangel nicht gut turnen kann.»

Nach acht Jahren in einer Sportart, die nicht ungefährlich ist, Vertrauen in ein neues Trainergespann zu finden, ist nicht einfach.
Vor allem der Anfang wird wohl eine Herausforderung, obwohl ich den Assistenztrainer ja schon kenne. Aber ich freue mich darauf.

Ihre Paradedisziplin ist der Sprung, wie bei Ihrer Vorgängerin Ariella Käslin. Sie hatten denselben Trainer. Zufall oder Förderung?
Zufall. Ariella war auch am Balken sehr gut, wohingegen meine zweite Stärke das Bodenturnen ist. Beim Sprung ist es unsere Explosivität, die uns zu Spezialisten machte.

Ariella Käslin gab mit 23 Jahren ihren Rücktritt bekannt. Als Grund nannte sie den grossen Trainingsaufwand. Wie ist das bei Ihnen?
Es ist schon intensiv – man muss viele Opfer bringen. Doch es ist mein Job. Und dieser bereitet mir manchmal mehr und manchmal weniger Freude. In Zeiten des Erfolgs überwiegt das Positive.

Haben Sie Ihre Entscheidung pro Spitzensport jemals bereut?
Nein, nie!

Auch nie gedacht: hätte ich doch einen anderen Sport erlernt, dann würde ich viel mehr Geld verdienen?
Das ist eine schwierige Frage und aus dem Stegreif nicht zu beantworten. Aber ich denke, ich wäre trotzdem beim Turnen geblieben.

Was fasziniert Sie denn so an dieser Sportart?
Das Gesamtpaket. Eleganz, Kraft, tänzerische Aspekte. Und die Faszination dieser unglaublichen Kontrolle über den eigenen Körper.

Stichwort Körper ... Vor allem in China werden schon kleine Kinder mit teils brutalen Trainingsmethoden gedrillt. Braucht es das, um erfolgreich zu sein?
Also, bei uns war es schon nicht ganz so krass. Aber vor allem wenn es um die Beweglichkeit geht, das Dehnen ... das haben auch wir nicht gern gemacht. Das schmerzt ja auch. Und als kleines Kind versteht man das nicht.

Also flossen auch bei Ihnen im Training die Tränen?
Ja, aber das war für mich nie ein Grund, um aufzuhören. Will jemand Profi-Snowboarder werden, stürzt er im Training auch des Öfteren und tut sich weh. Das sind halt die Opfer, die wir bringen müssen.

Sagten Sie Ihren Eltern nie: «ich will nicht mehr»?
Klar hat es solche Situationen gegeben. Vor allem bei meinem Umzug vom Elternhaus ins nationale Sportzentrum nach Magglingen. Aber ich denke, wenn ich dann abgebrochen hätte, hätte ich dies extrem bereut.

Wie alt waren Sie da? 
14 Jahre.

Machen wir einen Zeitsprung. Vor rund zwei Jahren litten Sie an einer Blockade, einem Phänomen, das auch als «Lost Move Syndrome» bekannt ist. 
Ja, bei den Schrauben fehlte mir vom einen Tag auf den anderen die Koordination.

Was war die Ursache?
Ein Sturz. Danach funktionierte es einfach nicht mehr. Ich wusste in der Luft nicht mehr, wo ich bin, und das kann dann natürlich auch gefährlich werden. Es ist schwierig zu erklären.

Wie haben Sie da wieder rausgefunden?
Ich musst quasi von vorne beginnen – angefangen mit einer halben Drehung, bis ich wieder bei zweieinhalb war, – plötzlich gings wieder. 

Auf Ihrer Webseite steht: «Zum Kunstturnen kam ich erst mit sieben». Spät für eine Karriere. Warum hat es doch geklappt?
Wahrscheinlich weil ich vorher schon im Geräteturnen war und von dort die Beweglichkeit mitbrachte.

Wann haben die Trainer Ihr Potenzial? erkannt?
Puhh, das müssen Sie die Trainer fragen. Aber ich war schon bei den Junioren relativ rasch erfolgreich, kam dann ins Nachwuchskader, später in die Junioren-Nati. Es ging Schritt für Schritt. Ein grosser Faktor dabei ist der Verlauf der Pubertät, vor allem bei den Frauen. Bei mir hat es gepasst.

Dann verlief Ihre Pubertät also einfach?
Nein, das nicht. Es war eine Zeit, in der ich mich mit vielen kleinen Verletzungen rumquälte. In Magglingen hat es mir dann aber schon gefallen, dass ich selber bestimmen konnte, wann es Schlafens- oder Aufräumzeit war. Dass es sich mit Schlafmangel aber nicht sonderlich gut turnen lässt und das Verletzungsrisiko dann ziemlich gross ist, das merkte ich relativ früh.

Verletzt sind Sie auch jetzt. Verpassen deswegen mit dem Swiss Cup Zürich den Saisonabschluss 2016 und mit der EM in Rumänien auch das erste Highlight im 2017. Wie geht es weiter?
Jetzt kann ich mich wenigstens auf die Schule (Matur) konzentrieren und beim Swiss Cup Zürich kann ich immerhin als Co-Moderatorin mit dabei sein. Was das Sportliche betrifft, schaue ich danach Jahr für Jahr. Top wäre es natürlich, wenn ich nochmals vier Jahre durchhalten könnte, um an den Olympischen Sommerspielen in Tokio teilzunehmen.

«Beim Kunstturnen muss man Opfer bringen.»

«Beim Kunstturnen muss man Opfer bringen.»
«Beim Kunstturnen muss man Opfer bringen.»

Die am 24. März 1994 in Gossau SG geborene Giulia Steingruber ist die erfolgreichste Kunstturnerin der Schweiz. Nach den EM-Titeln am Sprung (2013, 2014) gewinnt sie 2015 als erste Schweizerin EM-Gold im Mehrkampf. Bronze bei Olympia 2016 (Sprung) hebt sie in den Turnolymp. Beim Kidz Day in Wallisellen (3. November) haben Kinder die Möglichkeit, von ihr zu lernen. 

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