Fabian Cancellara trainiert viel weniger als früher: «Deshalb stehe ich aktuell auch bei 90 Kilogramm ...»

Fabian Cancellara: «Das Resultat ist für mich Sekundär»

Fabian Cancellara (36) fährt immer noch Rennen – im Rahmen der Bike-Wochen, die er anbietet.

Fabian Cancellara, Sie sind nun regelmässig bei Bike-Wochen für Hobbyfahrer dabei, die sich am Ende mit Ihnen im Rennen «Chasing Cancellara» messen dürfen. Wie sehr schmerzt es Sie, wenn Sie verlieren?
Ehrgeizig bin ich immer noch, zumindest am Start. (Lacht.) Im Ernst: Das Resultat ist für mich sekundär. Wenn ich heute auf dem Velo zwei Stunden zügig unterwegs bin, spüre ich am Abend ein Ziehen in den Beinen. Ich will mit Chasing Cancellara möglichst vielen Velobegeisterten ein Erlebnis mit einem Hauch Rennfeeling ermöglichen. Das kommt gut an, wie die Rückmeldungen zeigen.

Wenn die Teilnehmer gegen Sie gewinnen, dann platzen sie sicher vor Stolz?
Ja klar. Aber auch die anderen gehen mit einem Lachen im Gesicht nach Hause. Wir keuchen, schwitzen und haben eine gute Zeit zusammen. Am Ende des Tages treffen wir uns beim Pastaessen.

Ihre eindrücklichste Begegnung mit einem Ihrer Fans an Chasing Cancellara?
Ich hatte schon ein Hochzeitspärchen, das seine Flitterwochen bei Chasing Cancellara verbrachte. Einmal war einer dabei, der mir ein Fotobuch schenkte. Er hatte an der Tour de France eine Startnummer von mir erhalten und war in Tränen ausgebrochen. Nun, als wir uns wieder begegneten, hatte er bereits wieder feuchte Augen. Das war berührend. Genau das ist mein Ziel heute: Ich möchte möglichst viele zum Sport animieren. Sie sollen sich mit mir messen, mich aber auch näher kennenlernen können. Spitzensport war gestern – heute interessiert mich vor allem der Breitensport. Und dass die Menschen gesund und fit sind.

   

Wollen Sie sich mit Fabian Cancellara messen? Hier die Daten der Schweizer Events

Chasing Cancellara

  • Solothurn/Bike Days 4. Mai
  • Disentis-Andermatt 24.6.
  • Aigle – Villars (Col de Mosses, Col du Pillon, Col de la Croix) 19.8.
  • Lugano (Finale) 23.9.

TriStar Triathlon

  • TriStar Rorschach 15. 7.
  

Fabian Cancellara: «Ich bin ein grosser Fan von E-Bikes.»

Fabian Cancellara: «Ich bin ein grosser Fan von E-Bikes.»
http://www.coopzeitung.ch/Fabian+Cancellara_+_Das+Resultat+ist+fuer+mich+Sekundaer_ Fabian Cancellara: «Ich bin ein grosser Fan von E-Bikes.»

Vermissen Sie den Profisport?
Nein, gar nicht. Ich hatte eine einmalige Karriere, die ich mit Olympia in Rio perfekt zu Ende bringen konnte. Es gibt keinen Grund zu jammern.

Wann wussten Sie, dass nun der Moment da war, um zurückzutreten?  
Wenn du voll in den Wettkämpfen oder im Training steckst, ist es schwierig, sich mit der Zukunft zu beschäftigen. Trotzdem wusste ich früh: 2016 ist mein letztes Jahr. Irgendwann sagte ich zu meiner Familie: «Wenn ich in Rio Gold hole, höre ich auf.» So kam es auch, es war ein Bilderbuch-Ende im Leben A. Nun befinde ich mich im Leben B.

Und wie sieht dieses Leben aus?
Ich stehe auf verschiedenen Standbeinen, bin unternehmerisch tätig mit der AG, Chasing Cancellara sowie dem «TriStar»-Triathlon mit ganz speziellen Distanzen.

Welche Disziplin bereitet Ihnen bei diesem Triathlon am meisten Mühe?
Das Problem ist eindeutig das Schwimmen. Nach einer halben Stunde im Wasser muss ich auf Brustschwimmen wechseln. Das ist tough, auch weil Schwimmen zu 80 Prozent aus Technik besteht.

Wie viele Velos stehen bei Ihnen noch zu Hause?
Ein Mountainbike, ein Bahnvelo, ein Strassenvelo, ein E-Bike und ein Cruiser.

Auch eines mit Kinderanhänger?
Nein, unsere Tochter kann schon selber fahren. Wir sind oft zusammen unterwegs. Ich bin ein Outdoor-Mensch. Ich könnte nicht den ganzen Tag im Büro sitzen, nach ein paar Stunden werde ich kribbelig.

Müssen Sie seit Ihrem Rücktritt auf Ihre Figur achten?
Auf jeden Fall. Ich bin etwas eitel und will nicht, dass es in der Bauchgegend ansetzt.

Haben Sie denn zugenommen seit Ihrem Rücktritt vom Profisport?
Ja klar! Aktuell stehe ich bei 90 Kilos. Bei den Olympischen Spielen in Rio zeigte die Waage noch 78 an. Ich sass 16 Jahre lang tagein, tagaus auf dem Velosattel. Da ist es für den Körper eine gewaltige Umstellung, wenn man plötzlich nur noch zwei Stunden pro Woche trainiert. Ich esse immer noch wie ein Mähdrescher, aber jetzt werden die Kalorien halt nicht mehr so einfach verbrannt wie früher. Aber nur möglichst viel trainieren, damit ich meine Figur halten kann – das ist nicht mein Ding.

«

Möglichst viel trainieren, damit ich die Figur behalten kann – das ist nicht mein Ding.»

Ist das Essen für Sie heute mehr Genuss als früher, als Sie zwischen den Rennen zwei Teller Pasta in sich hineinstopfen mussten?
Klar. Als Velorennfahrer war es so: Wenn du nicht in dich hineinschaufelst, bringst du deine Leistung nicht. Du bist eine Maschine, die
gefüttert werden muss. Ich persönlich entdeckte dabei für mich die Papaya.

Warum gerade die Papaya?
Ich mochte einfach den Geschmack. Und es gehörte für mich zum Ritual, jeden Morgen eine solche zu verdrücken. Plötzlich fuhr das ganze Team auf die exotische Frucht ab. Als eines Morgens meine Papaya fehlte, musste ich dazwischenfahren und klar machen: So nicht, das ist meine Frucht! (Lacht.)

Schauen Sie sich die Olympischen Winterspiele in Südkorea an?
Sicher, auch wenn die Zeitverschiebung das Ganze nicht einfach macht. Da sind einige schon jetzt am Fluchen deswegen. Ich kenne den einen oder anderen Athleten, der mitmacht, und werde deshalb mitfiebern. Meine Skiferien hören genau dann auf, wenn es in Südkorea losgeht.

Nun dürfen Sie also Ski fahren!
Ja, darauf freue ich mich. In den letzten vier Jahren meiner Karriere war das laut Vertrag nicht erwünscht. Was keinen Sinn machte, denn passieren kann dir überall etwas – wenn du dich dumm anstellst. Vorher war das anders gewesen, da hatte mein Teamchef das Skifahren befürwortet. Er fand das eine willkommene Abwechslung und ein gutes Krafttraining für die Beinmuskulatur. Ich erinnere mich noch an einen Skitag, als ich aus der Stadtberner Nebelsuppe oben in die Sonne kam. Da kehrst du mit einem double smile auf dem Gesicht zurück und siehst unten wieder lauter frustrierte Menschen, weil sie im Nebel ausharren mussten.

Dann sollte einem Profi also alles erlaubt sein?
Ein Grümpelturnier geht für einen Profisportler gar nicht. Man weiss, wie hoch die Unfallrate dort ist. Okay, auch beim Skifahren kannst du einfädeln. Trotzdem scheint mir da die Unfallgefahr geringer, wenn du Vorsicht walten lässt.

Wenn Sie sich für ein Bewerbungsvideo für ein Rennen entscheiden müssten – welches würden Sie wählen?
(Überlegt lange.) Dann wähle ich Paris–Roubaix 2006. Es war mein erster grosser Klassiker, den ich gewann, obwohl ich nicht der grosse Favorit war. Und es war wahnsinnig spannend auf den letzten
30 Kilometern.

Zieleinfahrt von Fabian Cancellara - Paris-Roubaix 2006

Sie wurden in der Vergangenheit immer wieder des Elektrodopings beschuldigt: Sie seien nur dank eines eingebauten Motörchens schneller gefahren. Wie denken Sie heute darüber?
Ich besitze tatsächlich ein E-Bike und bin ein grosser Fan davon. Es ist eine Supersache, weil ich ja nicht verschwitzt an ein Meeting gehen möchte. Also steige ich aufs E-Bike, dann besteht die Gefahr nicht. Natürlich höre ich deswegen auch mal einen Spruch: Warum hat ausgerechnet der Cancellara ein Elektrovelo nötig? Im Rennsport habe ich jedoch nie auf einen Motor zurückgegriffen, das hätte ich traurig gefunden.

Es gab jedoch immer wieder Stimmen, die das Gegenteil behaupteten oder gar immer noch behaupten.
Im ersten Moment ist es ein Kompliment für mich, weil offenbar ein Grund dafür gesucht wird, weshalb ich mich manchmal so absetzen konnte. Je länger ich aber nachdenke, desto trauriger macht es mich. Neid und Eifersucht gibt es leider überall. Ich habe aber ein reines Gewissen, das ist das Wichtigste.

Fabian Cancellaras Webseite

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.










Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Fabian Kern

Redaktor

Text:
Philipp Neth, Andreas Eugster; Mitarbeit: Andreas. W. Schmid
Foto:
Daniel Aeschlimann, zvg
Veröffentlicht:
Montag 22.01.2018, 09:10 Uhr

Neuste Artikel:

Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?