Fällige Korrekturen

Schreiber: Druck! Die Kinder gehen aus dem Haus und in die Schule, wir hechten an unsere Schreibtische und korrigieren die Druckfahne unseres neuen Buches. Eine an und für sich wunderbare Arbeit, aber wir sind arg in Verzug. Die Zeit fliegt, der Verlag schickt Mails, drängt uns, die letzten Korrekturen zuzusenden.

Schneider hantiert mit dem Rotstift und blickt streng. Nein, nicht nur streng, scheint mir, sondern auch sauer.

«Du, ist was?» frage ich, bevor ich mir noch länger einen Kopf mache, ob er schlechte Laune habe. Womöglich wegen mir? Weil ich die letzten Tage getrödelt habe und wir deshalb nicht früher mit der Korrektur beginnen konnten? Oder vielleicht wegen dem Chaos im ganzen Haus?

«Nein. Was soll sein?» «Das wüsste ich ja gerne. Du bist so muffig.» «Ich?»

«

Halt! Ich bin weder grimmig noch krank.»

Er blickt auf: «Muffig? Wenn schon, bist du es. Du schaust schon die ganze Zeit so», er sucht nach einem Wort, «so grimmig.» Das sitzt. «Ich? Grimmig?» 

«Ja, als ob dir etwas nicht passen würde. Oder als ob du krank wärst. Oder voller Vorwürfe.» Er kommt weiter in Fahrt: «Als ob du Kopfweh hättest oder genug von allem.»

Es reicht! «Halt! Ich bin weder grimmig noch krank.» Ich hole Luft: «Ich bin bloss nicht geschminkt!»

Schneider: «Los, du kommst jetzt mit», sagt Schreiber bestimmt. «Ich gehe nirgends hin! Wir müssen bis Mittag alle Korrekturen abgegeben haben.» Sie stellt sich neben mich, blickt auf mich herunter: «Du kennst mich seit einem Vierteljahrhundert. Zeit, eine weitere wichtige Lektion zu lernen.»

Mist, denke ich, was kommt jetzt? Sie ist ja eh schon schlecht drauf. Ein wandelnder Vorwurf. Drum habe ich mich diesen Morgen ihr gegenüber auch zurückgehalten. «Wir gehen ins Bad!» «Wozu?» «Ich zeige dir, was Lippenstift aus mir macht.» «Lippenstift?»

«

Was kommt wohl jetzt? Sie ist schlecht drauf.»

Wir gehen hoch, Schreiber öffnet die Mädel-Schublade neben dem Lavabo. Alles voll mit Pinseln, Döschen und Tuben. Nicht mein Reich. Sie greift nach passendem Werkzeug, bearbeitet Wangen und Lider, pudert ihre Nase, spachtelt eine Schicht Rot auf ihre Lippen, das dauert, küsst sie mit einem Papiertuch wieder weg, wuschelt ihre Haare zurecht und blickt mich strahlend an: «So! Ich bin dieselbe wie vorher, jetzt aber in Farbe.»

Tatsächlich! Was das bisschen Rot ausmacht! Sie sieht toll aus, so frisch aus der Revision. Was mich an die dringende Aufgabe an diesem Morgen erinnert: «Los, wieder runter! Unser neues Buch braucht auch noch etwas Rot!»

 (Coopzeitung Nr. 43/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 24.10.2016, 15:55 Uhr

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