Fan und forsch

Schneider: Vor Wochen trat ein Mann vor mich hin und hielt mir sein iPhone vor die Nase: «Sind Sie das?»

Ich sah schwarz. Dann sagte ich: «Vermutlich habe ich schon einige düstere Seiten, aber so sehr wohl auch nicht.» Der Mann verstand nicht, dann drehte er das Handy zu sich und sah ebenfalls schwarz. «Ach so! Ich muss da versehentlich auf eine Taste gekommen sein», sagte er, lachte, tippte auf seinem Mobiltelefon herum und dann tauchte auf einmal mein Gesicht auf dem Display auf. «Das sind Sie doch, oder? Meine Frau hat gemeint, sie steht übrigens da hinten, sie hat gemeint, Sie wären dieser schreibende Schneider. Stimmt das?»

«

Ich hab keine Angst, nur Hemmungen.»

Wieso mir jene Begegnung jetzt wieder einfällt? Weil mich Schreiber angestupst hat: «Mike Müller! Dort hinten!»

«Stimmt.»

«Komm, wir machen ein Foto mit ihm.» Sie wühlt in ihrer Handtasche.

«Der will lieber seine Ruhe haben.»

«Ach, du hast nur Schiss. Der ist prominent, der ist sich das gewöhnt!»

Ich hab keine Angst. Nur Hemmungen. Klar finde ich ihn auch gut, aber gleich ein Foto machen? Schreiber hingegen ist frei von Berührungsängsten: «Selber schuld, wenn du nicht mitkommst», sagt sie, und bahnt sich den Weg durch die Menge.

Mike Müller hat mein vollstes Mitgefühl.

Schreiber:  Tolle Veranstaltung! Auf der Bühne werden spannende Leute interviewt, etwa eine Frau, die früher ein Mann war, und der Bestatter. Also Mike Müller. Er erzählt, dass er endlos lange Philosophie studiert hat und sehr gerne auf dem Sofa sitzt und gar nichts tut. Gefällt mir! Er könnte Münchner sein, wie ich.

Als das Licht auf der Bühne ausgeht und Häppchen aufgetragen werden, fasse ich nicht nur ein Glas Prosecco, sondern auch einen Entschluss: Heute mach ich mein erstes Fan-Selfie! Mike Müller und ich! «Tus nicht, das ist peinlich!», ruft mir Schneider hinterher.

«

Ich habe mein Selfie, mein erstes Fan-Selfie.»

Ich zwänge mich durch die Menge auf Müller zu. Er ist mit ein paar Leuten im Gespräch, ich sage: «Hallo, tschuldigung die Störung», brabble was von total nett, toller Typ, echt beeindruckend, einfach suuuper! Mit jedem Wort mutiere ich mehr zum Teenager.


Dann drücke ich Mike Müller mein Handy in die Hand, er guckt freundlich, nimmt es, streckt seinen Arm aus und knipst. Hammer! Egal, dass er mich vermutlich gar nicht wahrgenommen hat, ich hab mein Selfie.

Ich recke den Hals, winke Schneider zu und deute mit dem Daumen nach oben. Er greift sich bestürzt an die Stirn. Es ist seine Sache, wenn er sich fremdschämen will.

 (Coopzeitung Nr. 47/2016) 

Die Kolumnisten live mit ihrem Programm «Spesen einer Ehe»: 25. November Langenthal; 1. Dezember Dinnerlesung im Hirschen Erlinsbach.

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 21.11.2016, 16:44 Uhr

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