Filmtipp: «An Inconvenient Sequel»

Ja, die Wahrheit ist auch zwölf Jahre nach «An Inconvenient Truth» immer noch unbequem. Al Gore wird nicht müde, den Finger in die offenen Wunden unseres Planeten zu legen.

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Würde Al Gore für ein Produkt werben, dann wäre der Tenor: Oh nein, nicht schon wieder! Den Text kennen wir doch schon… Doch Al Gores «Produkt» ist nichts Geringeres als unser aller Heimat – die Erde. Ja, wir kennen seine Botschaft. Doch leben wir auch wirklich danach? Kann jeder von uns behaupten, er tue alles in seiner Macht stehende, um die globale Erwärmung nicht noch weiter voranzutreiben. Fahren Sie mit dem Auto zur Arbeit? Mit dem Zug anstatt dem Flugzeug in die Ferien? Recyceln Sie konsequent? Jeder hat wohl seine kleinen Umweltsünden, weshalb auch jeder etwas tun kann für Mutter Erde. Das ist die Botschaft von Al Gore.

Die Zahl und Heftigkeit der Stürme auf der Erde haben zugenommen.

Die Zahl und Heftigkeit der Stürme auf der Erde haben zugenommen.
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Der frühere US-Vizepräsident blickt zurück auf die zwölf Jahre, die seit «An Inconvenient Truth» vergangen sind. Seine Bilanz fällt zwiespältig aus, muss ja auch, sonst hätte er wohl kaum eine Fortsetzung gedreht. Die Reden und Präsentationen des heute 69-Jährigen haben nichts an ihrer Eindrücklichkeit verloren. Al Gore hat eine fast greifbare Präsenz. Die Erde kann sich keinen besseren Fürsprecher wünschen als den charismatischen Amerikaner. Dennoch gibt es noch viel zu tun, denn die Temperaturen auf der Erde steigen. «Na und?», werden viele Ignorante fragen. Für all jene, welche die Tragweite der Klimaerwärmung kleinreden wollen oder gar zu jener unsäglichen, von US-Präsident Donald Trump angeführten Gruppe der Klimaerwärmungs-Leugner gehören, hat Al Gore eine beeindruckende Kausalkette parat: 93 Prozent der Erwärmung geht in die Ozeane, wodurch es einerseits immer heftigere Stürme gibt, welche die Insel- und Küstenregionen mit verheerender Wucht treffen. Andererseits werden die extremen Wetterphänomene wie Dürren und Überschwemmungen immer häufiger. Weil es meistens die ohnehin schon ärmsten Regionen der Welt betrifft, steigt die soziale Unzufriedenheit, was wiederum zu Flüchtlingsströmen führt. Und spätestens hier bekommen es auch die wirtschaftlich gutgestellten Länder zu spüren.

Die Gletscher auf Grönland schmelzen immer schneller. Al Gore nimmt einen Augenschein vor Ort.

Die Gletscher auf Grönland schmelzen immer schneller. Al Gore nimmt einen Augenschein vor Ort.
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Um diesen selbstzerstörerischen Trend zu stoppen oder gar umzukehren, gilt es, die Ursache zu bekämpfen: den Schadstoffausstoss. Und da sind die grossen Player gefragt – bevölkerungsreiche Länder wie China, Indien, Russland, USA oder Brasilien. Al Gores Gespräche mit den Indern zeigen aber die andere Perspektive. Mit dem wirtschaftlichen Wohlstand im Rücken sei es für die westlichen Länder einfach, von Wind- und Wasserenergie zu sprechen, sagen sie. Indien könne es sich gar nicht leisten, auf die Kohlekraftwerke zu verzichten. «Und wie oft habt ihr heute schon die Sonne gesehen?», entgegnet Al Gore trocken und zeigt anhand des Smogs in Indien auf, warum die Luftqualität auch den Umweltsündern nicht egal sein kann.

Betroffenheit: Al Gore spricht mit dem Angehörigen von Opfern des Taifuns «Haiyan», der 2013 weite Teile der Philippinen verwüstete.

Betroffenheit: Al Gore spricht mit dem Angehörigen von Opfern des Taifuns «Haiyan», der 2013 weite Teile der Philippinen verwüstete.
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Spannung mit einem Dokumentarfilm zu erzeugen, ist eine Kunst. «An Inconvenient Sequel» baut diese Spannung mit der aufwühlenden Weltklimakonferenz in Paris 2015 auf. Im Schatten der Terroranschläge in der französischen Hauptstadt wird um das Abkommen gekämpft, Al Gore  als entscheidender Akteur für das Zustandekommen inszeniert. Ob er wirklich ausschlaggebend war, ist nicht belegt. Wie er jedoch mit den internationalen Entscheidungsträgern vernetzt ist, und welches Ansehen er geniesst, das macht Eindruck.

Auf du und du mit den Entscheidungsträgern: Al Gore und Kanadas Staatschef Justin Trudeau.

Auf du und du mit den Entscheidungsträgern: Al Gore und Kanadas Staatschef Justin Trudeau.
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Das Ende mussten die Filmemacher nach Abschluss des Films noch einmal umbauen. Neu bildet Donald Trumps Rückenschuss, seine Ankündigung, das Pariser Abkommen zu kündigen, den Abschluss. Doch Al Gore wäre nicht Al Gore, würde er sich davon ins Bockshorn jagen lassen. «Wir werden gewinnen», lautet seine Botschaft. «Wir», das ist die ganze Welt. Die Botschaft wird ziemlich pathetisch an den Mann gebracht. Zu pathetisch für jedes andere Produkt als die Erde. Unser Planet kann froh sein, dass Al Gore auch mit 69 Jahren immer noch voller Leidenschaft für seine Mission ist.

Credits:
Filmstart: ab 12. Oktober 2017 in den Deutschschweizer Kinos
Land: USA, 2017
Länge: 98 Minuten
Regie: Bonni Cohen, Jon Shenk

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Fabian Kern

Redaktor

Foto:
Keystone, Frenetic Films.
Veröffentlicht:
Montag 16.10.2017, 12:00 Uhr

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