Filmtipp: «I, Tonya»

Eine Lebensgeschichte wie aus der Feder eines überdrehten Autors: Margot Robbie als gefallener Eiskunstlauf-Star Tonya Harding ist eine Wucht.

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Ich kann mich noch gut erinnern an jenen 25. Februar 1994. Ich war nie ein Fan von Eiskunstlauf, aber die Neuauflage des Duells Gut gegen Böse, die Schöne gegen das Biest, Nancy Kerrigan gegen Tonya Harding konnte ich mir nicht entgehen lassen. Nicht nach dieser Geschichte mit dem Anschlag auf Nancy Kerrigan, in den ihre Landsfrau Tonya Harding offensichtlich verwickelt war. Ich drückte die Daumen für «Everybody’s Darling», da ich an Tonya Harding nichts, aber auch gar nichts Sympathisches ausmachen konnte. Sie war ungehobelt, verbissen, verbittert. Was ich nicht kannte: Die erschütternde Lebensgeschichte des amerikanischen «Enfant terrible».

Knapp 24 Jahre später sitze ich im Kinosessel und ertappe mich dabei, wie ich Margot Robbie alias Tonya Harding die Daumen drücke. Wider alle physikalischen Gesetze, denn die Fakten sind bekannt und in den Geschichtsbüchern festgehalten: An den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer holte Nancy Kerrigan hinter der Ukrainerin Oksana Bajul die Silbermedaille im Eiskunstlauf, während Tonya Harding nach einem Drama um ihren gerissenen Schuhbändel in Tränen aufgelöst mit Platz 8 vorliebnehmen musste. Es war der letzte Wettkampf ihres Lebens, denn kurz danach wurde sie auf Lebenszeit gesperrt. Wegen der Beteiligung am Attentat auf Nancy Kerrigan. Tonya Hardings ohnehin schon auf wackligen Beinen gebaute Welt brach zusammen.

Tonya und der Tyrann: LaVona bringt ihre Tochter zum ersten Eislauftraining.

Tonya und der Tyrann: LaVona bringt ihre Tochter zum ersten Eislauftraining.
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Dabei hätte es das klassische Märchen werden können. Das Mädchen aus der Arbeiterschicht, das nach der Scheidung ihrer Eltern bei der ungeliebten Mutter bleiben musste und es zur besten amerikanischen Eiskunstläuferin schafft. Das war tatsächlich so. Trotz – oder vielleicht auch wegen –ihrer tyrannischen, zynischen, kettenrauchenden und handgreiflichen Mutter LaVona (Allison Janney) geht Tonya, dieses ursprünglich fröhliche Mädchen mit einer grenzenlosen Liebe zum Eislaufen, als erste amerikanische Frau in die Geschichte ein, die einen Dreifach-Axel stand. Doch der Weg dahin war lang und von Dornen gesäumt – und der Ruhm unverhältnismässig kurz.

Tonya Hardings Problem war, dass die Kampfrichter sie nicht mochten. Trotz all ihrer Abneigung gegen ihre Mutter, die sie mit seelischer Grausamkeit an ihre Grenzen trieb, ist sie eben doch deren Tochter. Tonya ist unbeherrscht, trotzig, raucht und beschimpft Gegnerinnen wie Kampfrichter gleichermassen. Kurzum: Sie hat nie gelernt, sich zu benehmen. Dass die Bewertung ihrer sportlichen Leistung darunter litt, ist zwar unfair, aber letztendlich nichts als logisch in einer Sportart, die ebenso von Ausstrahlung wie von Schwierigkeitsgraden lebt. Tonya konnte sich nie damit abfinden. Sie liess ihrer Wut freien Lauf, suchte die Schuld bei allen anderen ausser sich selbst. Der häufigste Satz, den Margot Robbie sagen musste, war: «Das war nicht meine Schuld.»

  • Schlüsselszene: Tonya Harding und die Selbstzweifel vor ihrem letzten Wettkampf.
  • Gelitten hat sie vor allem unter ihrer harten, unerbittlichen Mutter.
  • Ihr Talent und verbissenes Training brachte Tonya …
  • … bis an die Olympischen Spiele von Albertville.
  • Privat scheint sie ihr Glück mit Jeff gefunden zu haben.
  • Ihre Karriere geht zunächst steil nach oben.
  • Doch Tonya eckt immer wieder mit ihren schlechten Manieren und ihrem aufbrausenden Wesen an.
  • Der vermeintliche Traummann entpuppt sich als gewalttätiger Albtraum.
  • Jeff und sein unterbelichteter Freund Shawn hecken Verhängnisvolles aus.
  • Im Vorfeld von Lillehammer 1994 steht Tonya Harding im medialen Scheinwerferlicht.
  • Tonya kämpft vor ihrer wichtigsten Kür mit Materialproblemen.
  • Mutter LaVona beobachtet aus der Ferne, …
  • … wie das Schuhbändel-Drama seinen Lauf nimmt.
 

Eindringlich und authentisch: Margot Robbie als Tonya Harding.

Eindringlich und authentisch: Margot Robbie als Tonya Harding.
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In vielen Fällen hatte Tonya damit Recht, aber nicht in allem. So tauschte sie die scharfen Klauen ihrer Mutter gegen die Fäuste eines jähzornigen Manns. Die Ehe mit Jeff Gillooly (Sebastian Stan) war der Anfang ihres sportlichen Aufstiegs, aber auch des dramatischen Endes ihrer Karriere. Tonya Harding war nach Lillehammer erst 23 Jahre alt, hatte aber schon ein ganzes Leben an die Wand gefahren. Die grossartige und gleichzeitig tieftraurige Szene im Film vor ihrem Olympia-Wettkampf 1994, als Tonya in ihrer Garderobe sitzt und mit ihrem Spiegelbild um die Tränen kämpft, sagt alles. Einerseits über die herausragende schauspielerische Leistung von Margot Robbie, andererseits über die bestürzende Entwicklung eines Mädchens, das nichts anderes wollte als eislaufen.

Die Inszenierung ist meisterhaft. Durch die pseudo-dokumentarischen Einspieler, in denen die Protagonisten zurückblicken, verleihen dem Drama Leichtigkeit und eine komödiantische Note. Ein Oscar für Margot Robbie oder auch für die auf Augenhöhe agierende Allison Janney wäre absolut verdient. Der echten Tonya Harding, die sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, ist das Ganze wohl herzlich egal. Der Film wird ihren Ruf nie mehr herstellen können, aber er wird ihr viele Sympathien und im schlechtesten Fall Verständnis bringen. Denn die Geschichte mit so vielen dummen, brutalen und dilettantischen Menschen wirkt wie das Werk eines überdrehten Autors, ist aber leider wahr.


Credits:
Filmstart: ab 22. Februar 2018 in den Deutschschweizer Kinos
Land: USA, 2017
Länge: 119 Minuten
Regie: Craig Gillespie

Cast:
Tonya Harding – Margot Robbie
LaVona Golden – Allison Janney
Jeff Gillooly – Sebastian Stan

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Fabian Kern

Redaktor

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Veröffentlicht:
Montag 19.02.2018, 09:59 Uhr

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