Filmwesen

Sie: Schneider besucht immer noch seinen Drehbuchkurs, und nach jedem Kursabend ist er völlig aufgekratzt. Irgendwie lebt er gegenwärtig in einer echten und einer künstlichen – er würde sagen «künstlerischen» – Parallelwelt, die nur auf der Leinwand existiert. Mit mir bewegt er sich im Augenblick bevorzugt in dieser Parallelwelt. Manchmal finde ich das auch ganz anregend.
«Das Interessante ist ja, dass sich der wahre Charakter einer Figur erst entpuppt», palavert er ungefragt drauflos, «wenn sie unter grossem Druck Entscheidungen fällen muss.»

 
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Er bewegt sich in einer Parallelwelt.»

«Ob ich kurz vor Ladenschluss zum Beispiel diese oder jene schwarzen Schuhe kaufen soll?» «Mach dich nicht lustig! Je grösser der Druck, umso grösser die Enthüllung. Freundschaft, Lüge, Liebe, Treue, Leben oder Tod...» «Gell, du redest immer schön vom Film, nicht von unserem Leben?»
«Jedenfalls ist eine Filmfigur erst dann interessant und dreidimensional, wenn sie positive und negative Seiten hat und davon mindestens je drei!» «Aha, und was willst du mir damit sagen?», frage ich meinen Filmfachmann. «Dass es völlig in Ordnung, dass ich ein paar schlechte Eigenschaften habe. Erst die machen mich dreidimensional.»

Er: Und wieder war es mal spannend im Drehbuchkurs. Diesmal ging es um Figuren. Also um Menschen. Um dich und mich, sozusagen. Denn Filmfiguren sind manchmal wie wir. Das Geheimnis liegt darin, sie so zu modellieren, dass wir uns in ihnen spiegeln können, auch wenn sie uns nicht ähneln. Zum Beispiel kann ich mich wunderbar mit einem dünnen, schmächtigen, arbeitslosen Industriearbeiter aus England identifizieren, der sich, um Geld zu verdienen, als Chippendale-Verschnitt vor Frauen auszieht. Natürlich hoffe ich, dass ich das nie tun muss, aber verstehen kann ich ihn.

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Die Filmfiguren sind manchmal wie du und ich.»

«Das ist die grosse Kunst», sage ich zu Schreiber: «Eine Filmfigur zu schaffen, die fesselt. Die für etwas Grosses kämpft: ums Überleben etwa, um die Fortpflanzung…» – «Fortpflanzung?», fragt Schreiber? «Ja, um Liebe und Romantik und so, um Gerechtigkeit oder Selbstwerdung.» «Geht es denn jemals um etwas anderes im Leben als um Liebe?» «Äh, ja, nun, wie auch immer. Jedenfalls muss die Hauptfigur im Film aktiv sein, opferbereit, zielorientiert, sympathisch und willensstark. Das ist ihr Wesen.» «Dann haben wir ja Glück», sagt Schreiber, «denn all diese Eigenschaften brauch ich, um mit dir zusammen zu sein.»

 (Coopzeitung Nr. 38/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 14.09.2015, 00:00 Uhr

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