Sie lieben sich: Frank Bodin und sein Flügel. Doch sie sind nur noch privat ein Paar.

Frank Bodin: «Der SBB-Jingle ist mein grosser Stolz»

Viele Menschen haben gar kein Talent, er hat jede Menge davon. Das kam ihm zugute, als plötzlich drei Frauen ernährt werden wollten.

Als Frank Bodin (53) von seinen Träumen, Konzertpianist und später Opernregisseur zu werden, Abschied nehmen musste, wurde er halt Werber. Heute ist er CEO von Havas Worldwide, der viertgrössten Schweizer Werbeagentur. In die Tasten greift er nur noch privat. Und in der Tonhalle Zürich wurde «enCore» aufgeführt, seine Komposition für Sinfonieorchester

Als Werber ist es Ihre Aufgabe, andere Leute zu überzeugen. Verführen Sie gern?
Wenn Sie mir diese Frage gestellt hätten, als ich zwanzig war, hätte ich die Vorstellung, dass aus mir ein Werber werden könnte, entrüstet von mir gewiesen. Ich war damals extrem in die Kunst vertieft und bewegte mich in einer sehr schöngeistigen Welt, fernab jeglichen oberflächlichen Konsums. Ich spielte Klavier und schrieb Gedichte. Ich kam mit 600 Franken im Monat aus.

Weshalb haben Sie den musikalischen Weg verlassen?
Die Berufswahl fiel mir sehr schwer, da ich vielseitig interessiert bin und zwei Seelen in meiner Brust wohnen. Ich habe eine hoch kreative, manchmal leicht chaotische und eine sehr analytische, mathematische Seite. So habe ich nach der Matura einer Familientradition entsprechend Jura studiert, träumte aber weiter von einer Pianisten-Karriere – bis ich mit 22 Jahren unverschuldet einen Vespa-Unfall erlitt.

Ein Pinguin, gebastelt von seiner Tochter Ayleen.

Ein Pinguin, gebastelt von seiner Tochter Ayleen.
Ein Pinguin, gebastelt von seiner Tochter Ayleen.

Mit welchen Konsequenzen?
Ich lag mit einem dreifachen Beinbruch im Spital und dachte zum ersten Mal darüber nach, was ich wirklich wollte, was ich kann, was nicht. Ich verpasste meine Zwischenprüfungen an der Uni, musste Konzerte absagen, die Wohnung war gekündigt und meine damalige Freundin machte auch noch Schluss. Am Nullpunkt angelangt, gestand ich mir ein, dass ich wohl nicht genügend Talent für den Spitzensport als Piano-Solist hatte.
 
Und wie kamen Sie wieder hoch?
Ich lernte zufällig Rolf Liebermann, den Intendanten der Staatsoper Hamburg, kennen und konnte ihm assistieren. Eine wunderbare Zeit! Daneben komponierte ich Musik, schrieb an einem Roman und studierte noch ein wenig Jura. Ich wäre wohl Opernregisseur geworden, wenn nicht meine damalige Lebenspartnerin angerufen hätte, sie sei eventuell schwanger. Und es würden Zwillinge. Da war mir klar, dass fundamentale Veränderungen nötig waren, denn es ging plötzlich nicht mehr darum, nur für mich, sondern für drei Frauen aufzukommen. Ich suchte mir einen Job als Texter bei einer Werbeagentur und lernte Auto fahren, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass man mit einem Doppelkinderwagen die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen kann.

In der Werbung machten Sie dann Karriere, wurden unter anderem Werber des Jahres. Bringen Sie als CEO noch eigene Ideen in Ihre Kampagnen ein?
Bei grossen Agenturen ist das eher selten. Bei einer wichtigen Neugeschäftschance wie damals, als wir uns bei Coop um die «Taten statt Worte»-Kampagne bewarben, bin ich jedoch Tag und Nacht präsent, um mich kreativ und strategisch ins Team einzubringen.

Alles zum Komponieren: Stift und Notenblatt.

Alles zum Komponieren: Stift und Notenblatt.
Alles zum Komponieren: Stift und Notenblatt.

Welche Rolle ist der Musik in Ihrem Leben geblieben?
Beim Klavierspielen vergesse ich meine Probleme. Mein selbstvergessenes Spielen, das unsere Nachbarn vielleicht weniger erfreut, ersetzt mir den Psychiater. Und das Komponieren für Orchester, das ich wiederentdeckt habe, als ich «enCore» schrieb, ist zwar extrem anstrengend und komplex, aber zugleich eine unheimlich spannende Auseinandersetzung mit der Musik.

Das hat den Vorteil, dass Sie die Musik für Ihre Werbespots gleich selber komponieren können?
Normalerweise trenne ich Freizeit und Beruf. Aber ich machte drei Ausnahmen, und auf eine bin ich besonders stolz: Das Signet, das man an allen Bahnhöfen und in allen Zügen hört, habe ich als Schlusspunkt für die Präsentation einer Kampagne erfunden, als mir auffiel, dass die neun Buchstaben SBB CFF FFS in der Musik auch für Töne stehen. Wenn ich diesem Jingle begegne, freue ich mich noch immer wie ein Kleinkind, weil eine Idee im sonst so flüchtigen Werbebusiness überlebt hat.

Auch Ihre Familie ist musikalisch!
Wir harmonieren gut, obwohl meine Partnerin Emel in R’&’B und Soul und meine Tochter Manon im Pop zu Hause sind. Mit «I Should Love You» hat es 2012 sogar ein Song auf ihr letztes Album geschafft, den Emel und ich gemeinsam geschrieben haben.

1992 Geburt der Zwillinge Manon und Leonie und beruflicher Wechsel in die Werbebranche.
2009 Ernennung zum Werber des Jahres – aber die Tochter erkrankt schwer und die Werbeagentur kriselt.
2010 Geburt von Tochter Ayleen, die ihm auch den unten stehenden Pinguin bastelte.

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 11.07.2016, 00:00 Uhr

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