Derf man eine Komödie zu Sterbehilfe und Freitod schreiben? Patrick Frey (vorne) findet, ja: «Wir versuchen nie durch Pietätslosigkeit zu provozieren.»

Freigeist

Patrick Frey (66) ist auf den Hund gekommen – und produktiver denn je: «Ich spüre nicht die geringste Ermüdung.»

«Ich bin kein Pessimist. Dafür bin ich viel zu depressiv.»

«Ich bin kein Pessimist. Dafür bin ich viel zu depressiv.»
http://www.coopzeitung.ch/Freigeist «Ich bin kein Pessimist. Dafür bin ich viel zu depressiv.»

Patrick Frey, Sie führten früher eine schwarze Liste, auf die unliebsame Journalisten kamen. Was müssen wir fragen, damit wir es auch auf die Liste schaffen?
Fragen Sie, ob das, was ich beruflich tue, ein Hobby sei.

Ist es denn kein Hobby?
Sie wandeln auf einem schmalen Pfad. (Lacht.) In der Schweiz wurde man bisher nur respektiert, wenn man etwas macht, für das man sich durch eine Lehre oder ein Studium qualifiziert hat. Erst mit der jüngeren Generation wächst das Verständnis, dass es Menschen wie mich gibt, die sich – professionell – auf verschiedenen Gebieten betätigen, und zwar aus Passion.

Sie tanzen tatsächlich auf vielen Hochzeiten, waren oder sind Kabarettist, Schauspieler, Verleger, Kunstkritiker und einiges mehr. Wie sehr half es Ihnen, dass Sie aus vermögendem Haus stammen?
Und noch eine Killerfrage! Ich habe grosse Mühe mit Menschen, die einfach nur reich sind, aber nichts damit anzufangen wissen. Geld allein macht nicht unglücklich, hat Hans Magnus Enzensberger mal gesagt. Ohne Geld hätte ich tatsächlich nicht die gleichen Möglichkeiten gehabt. Das Geld ermöglicht es mir, das zu machen, was ich möchte. Ich könnte es auch anders einsetzen und mir dafür Lamborghinis kaufen.

Sie haben aber keinen einzigen Lamborghini.
Nein, lieber gebe ich Kunstbücher heraus, für die ein rein kommerzieller Verlag kein Geld hätte – was nicht bedeu-  tet, dass wir nur drauflegen. Mir gefällt es, dass ich hier im Hintergrund arbeiten und Kreativität ermöglichen kann. Im Gegensatz dazu ist das Showbusiness extrem narzistisch. Der Verlag ist so etwas wie mein Rückzugsgebiet.

Sie und Katja Früh haben mit «Exit Retour» eine schwarze Komödie zum Thema Sterbehilfe und Freitod geschrieben. Darf man das?
Wir versuchen nie durch Pietätlosigkeit zu provozieren. Das Stück ist eine Gratwanderung zwischen Situationen, die sehr lustig oder aber sehr heavy sind, weil mit dem Wunsch nach Exit absurde Situationen entstehen können. Katja Früh hat das selber erlebt. Am geplanten Sterbetag ihrer Mutter schlug sie ihr vor, anstatt den Giftbecher zu trinken doch lieber in der Stadt ein Wiener Schnitzel zu essen. Die Mutter aber sagte: «Das geht nicht mehr, ich habe doch schon die Canapés für den Sterbehelfer und den Staatsanwalt bestellt!»

Wie können Sie mit dem Thema Freitod heute umgehen?
Sie meinen mit dem Suizid meines Vaters? (Lange Pause.) Meine Mutter erzählte es mir, als ich 14 Jahre alt war. Es ist noch nicht überwunden. Aber auch nicht mehr so akut. Und ich gehe nicht mehr so neurotisch damit um.

Inwiefern neurotisch?
Lange habe ich unsere Lebenswege miteinander verglichen: Wie alt war er, als es geschah? Wann hat er sein erstes Kind bekommen und wann ich? Ich hatte panische Angst. «Tue ich es irgendwann auch?», fragte ich mich, weil ich doch eine eher melancholische Person bin, die auch ihre Krisen hatte.

Der Tod spielt in Ihrem Soloprogramm «Dormicum» ebenfalls eine wichtige Rolle.
Ja, es geht auch dort um Sterbehilfe sowie ums Älterwerden und die damit verbundenen Beschwerden. Aber auch um Faltencremes und Problemhunde. Ich habe nicht dauernd düstere Gedanken. Ich bin kein Pessimist. Dafür bin ich viel zu depressiv. Nein, im Ernst: Ich kann auch heiter sein, lache extrem gerne.

Wen finden Sie lustig?
Dean Martin, wenn er sagte: «Das Wichtigste für einen Schauspieler: den Text nicht vergessen und nicht in die Möbel laufen!» Ich finde das wunderbar auf den Punkt gebracht. Heute finde ich Hazel Brugger wahnsinnig lustig. Ich mag Lara Stoll und Renato Kaiser. Und Fabian Unteregger. Wichtig ist, dass mir die Leute mit ihrem Humor und ihrer Grundhaltung sympathisch sind. So wie Franz Hohler. Es gefällt mir nicht alles, was er auf der Bühne macht, aber ich mag seine Haltung und Wortspielereien. Genauso wie Joachim Rittmeyer.

Was halten Sie von den Schenkelklopfer-Comedians, die heute ganze Stadien füllen?
Das ist nicht mein Ding. Witze über doofe Bünzli oder dumpfe Machos interessieren mich nicht mehr. Ich möchte mich nicht mehr über die Probleme der anderen lustig machen. Das haben wir schon vor 20 oder 30 Jahren getan. Lieber will ich näher an die eigene soziokulturelle Schicht ran und uns selber hochnehmen. So wie in der Alters-WG-Komödie «Grundriss der Hoffnung», die ich ebenfalls mit Katja Früh geschrieben habe.

«

Witze über doofe Bünzli oder dumpfe Machos interessieren mich nicht mehr.»

2005 sorgten Sie in der Fernsehsendung «Roter Teppich für ...» für einen Skandal, als Sie die Nationalhymne umschrieben und Adolf Ogi hochnahmen. Würden Sie das heute nochmals so machen?
Jederzeit! (Lacht.) Das war sehr amüsant …

… führte aber dazu, dass Sie beim Schweizer Fernsehen zur Persona non grata erklärt wurden.
Ich war damals schockiert über die Reaktionen. Die ganze Geschichte war aber auch befreiend, weil ich mich so wieder vom Fernsehen lösen konnte. Es war absurd, dass sie die Szene rausgeschnitten haben. Heute heisst es, dass sie den Ausschnitt nicht mehr finden, was ich ziemlich peinlich finde. Und ihnen auch nicht glaube.

Vielleicht bräuchte es mal einen Whistleblower beim Schweizer Fernsehen …
Ich habe am selben Tag einen befreundeten Techniker gebeten, eine Kopie zu machen. Doch er hatte bereits keinen Zugriff mehr. Eigentlich habe ich ein Recht auf meine eigene Figur. Es war die bestmögliche Politsatire, weil die anderen mitgespielt und darauf reagiert haben – wenn auch ohne zu merken, was abläuft.

Ogi soll einer der wenigen gewesen sein, die sich von Ihnen verabschiedeten.
Ogi ist ein Pfundskerl, der später nie etwas gegen die Hymne sagte. Peinlich war, dass mich alle anderen nach dem Vorfall sofort schnitten. So auch Ingrid Deltenre, die Fernsehchefin. Oder Gabriela Amgarten, die damalige Unterhaltungschefin. Sie sagte im Vorbeigehen: «Wir schneiden es raus, du hast ja gesehen, dass es nicht lustig ist.» Dabei kugelten sich die Techniker hinter der Bühne vor Lachen. Auch Polo Hofer fand das total lustig. Er kam nachher zu mir und prophezeite, dass man bis ans Ende meiner Tage darüber sprechen wird.

Sie sagten einmal, dass Sie nie alleine Kabarett machen würden. Und nun treten Sie mit «Dormicum» doch mit einem Soloprogramm auf.
Ich hatte immer genügend Projekte, bei denen ich mit anderen Menschen zusammenarbeiten konnte. Natürlich war auch der Respekt davor da, den Abend ganz alleine zu schmeissen. Nun aber wollte ich wissen, ob es funktioniert, wenn ich solo auf der Bühne stehe. Auch weil ich von vielen immer zu hören bekommen hatte, dass beim «Kabarett Götterspass» Beat Schlatter fürs Deftig-Lustige zuständig gewesen sei, ich hingegen eher fürs Differenziert-Gehobene, was übrigens keineswegs zutraf.

Was verbindet Sie mit Beat Schlatter?
Der Humor. Da hatten wir immer die gleichen Ansichten.

Und was trennt Sie voneinander?
Die Eitelkeit. (Lacht.) Wir haben viel miteinander gefightet, auf und neben der Bühne. Das war wie bei Oliver Hardy und Stan Laurel. Diese Reibereien können befruchtend sein, aber auch belasten. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles explodiert. Schade, dass das Verhältnis heute so schwierig ist. Ich hätte gerne Frieden geschlossen, auch weil ich zwar impulsiv bis unbeherrscht, aber überhaupt nicht nachtragend bin.

2003 erhielten Sie bei der Bundesratswahl ein paar Stimmen. Wie wärs mit einem neuerlichen Versuch?
Das war nur ein Spass und kommt für mich überhaupt nicht mehr infrage. Ich denke immer wieder: Zum Glück gibt es Menschen wie Alain Berset, die so viel Esprit haben und sich zur Verfügung stellen. Da ziehe ich den Hut. Für mich aber wäre es unvorstellbar. Ich wäre ohnehin zu alt dafür.

Mit 66 ist doch noch lange nicht Schluss.
Tatsächlich habe ich das Gefühl, noch nie so viel gemacht zu haben wie jetzt. Dazu gehört auch, dass ich jeden Morgen zwei Stunden mit dem Hund spazieren gehe. Eine wunderbare Erfahrung, für Körper und Geist. Ich spüre nicht die geringste Form von Ermüdung.

Zu den Tourneedaten von Patrick Frey

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Text:
Andreas W. Schmid, Reinhold Hönle
Foto:
Casinotheater, Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 22.05.2017, 07:27 Uhr

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