Freigeist: «Ich wäre gerne Bauer geworden»

Auf der Strasse aufgewachsen, musste Zucchero zu Beginn seiner Karriere kämpfen, um seine Musik zu machen – heute füllt er die Stadien dieser Welt.

Sein Künstlername «Zucchero», das italienische Wort für Zucker, geht auf die Bezeichnung durch eine Primarschullehrerin zurück.

Sein Künstlername «Zucchero», das italienische Wort für Zucker, geht auf die Bezeichnung durch eine Primarschullehrerin zurück.
Sein Künstlername «Zucchero», das italienische Wort für Zucker, geht auf die Bezeichnung durch eine Primarschullehrerin zurück.

Zucchero, Ihr aktuelles Album heisst «Black Cat». Steckt da Aberglaube dahinter?
Nein, das hat nichts mit der berühmten schwarzen Katze zu tun. Dieses Album enthält mehr «schwarze» also afroamerikanische Musik als meine Vorgängeralben. Zudem kommt der Begriff «black cat» in vielen Songs von Blues- Vätern wie Robert Johnson und Muddy Waters vor. Sie singen vom Black Cat Bone, dem Knochen der schwarzen Katze, der bei ihnen – anders als bei uns – Glück bringt. Das hat mir gefallen.

Also doch ein bisschen Voodoo.
Nicht unbedingt, denn es ist vor allem das Tier – die Katze, die mich fasziniert. Ein freier Charakter, unabhängiger als der Hund und anarchischer. Um all das geht es auf dem Album und deshalb fand ich den Titel passend.

Fühlen Sie sich denn als Musiker auch im Fell einer Strassenkatze?
Ja, klar. Ich bin auf der Strasse aufgewachsen, in einem kleinen Dorf in der Reggio Emilia. Meine Eltern und vor allem mein Onkel waren gegen die Diktatur, waren Anti-Faschisten. Ja, ich fühle mich frei, anarchistisch – ein wenig wild. Ich mag keine Menschen, die politisch zu korrekt sind.

Da war es doch sicher auch schwierig, einen Beruf zu finden, der zu einem solchen Freigeist passt.
Ich wäre gerne Landwirt geworden und bin ja auch in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Auch heute lebe ich auf einem Bauernhof mit vielen Tieren. Der Bauer ist für mich ein freier Geist, trotz seiner anstrengenden Arbeit.

Doch Sie haben den oftmals noch steinigeren Weg, den des Musikers gewählt ...
Ja, ich musste hart kämpfen, um meine Musik machen zu können – meine künstlerische Freiheit mit dem Messer zwischen den Zähnen erkämpfen. Vor allem gegen die Plattenfirmen. Diese schickten mich zu Beginn meiner Karriere mit sehr melodiösen Liedern – typischer Italo-Touch halt, seicht und schlagerhaft – ans San Remo Festival. Das war gar nicht mein Ding. Es begann erst zu funktionieren, als ich meine eigene Musik machen konnte.

Wann war das?
Das war mit «Donne». Das Lied hat einen wunderschönen Text, geschrieben von Alberto Salerno. Der Rhythmus war bereits näher am Soul und Blues. Und obwohl ich damit beim San Remo Festival Zweitletzter wurde, begannen die Radios den Song zu spielen – machten einen Hit daraus. Ich hatte die letzte Chance genutzt, die mir die Plattenfirma gegeben hatte.

Ihre Alben klingen sehr verschieden. Suchen Sie diese Abwechslung?
Mir gefällt es, zu experimentieren. Ich kann nicht ein neues Album machen, das gleich tönt wie das letzte. Als ich «Misere» mit Pavarotti gemacht habe, waren sogar meine Fans perplex.

«

Heute ist Italien hässlich geworden, die Menschen sehen immer wütend aus.»

Legendär sind Ihre Duette mit anderen berühmten Musikern. Wie kommt es dazu?
Zu Beginn waren es zufällige Begegnungen. Miles Davis hat sich in einen meiner Songs verliebt, als er ihn in einem Restaurant auf seiner Italien-Tournee gehört hat. Eric Clapton wurde von seiner Freundin an eines meiner Konzerte geschleppt. Da sah er eine Band und eine Show, die ihm gefiel, und er fragte mich, ob ich ihn auf seiner Europa-Tour begleiten wolle.

Auch Brian May, der Gitarrist von Queen, soll ein grosser Fan von Ihnen sein.
Er hatte den Song «Senza una Donna» gehört und sich in die ganze Platte verliebt. Danach hat er mich besucht und ans Freddie Mercury Tribute Conzert eingeladen.

Und dann kam Bono, der Sänger von U2 ...
Bono wurde mir von meiner Plattenfirma vorgestellt, weil sie die englische Übersetzung von «Misere» machen wollten und Bono dafür angefragt hatten. Ich glaube, das Geheimnis der Duette ist die Musik. Was der andere Künstler macht, muss dir gefallen, wenn nicht, kannst du zwar befreundet sein, aber nicht zusammen arbeiten.

Besteht denn da keine Konkurrenz?
Nein, wir respektieren uns. Ausserdem strahle ich wohl Sicherheit aus, denn ich bin beispielsweise der Götti von Stings Tochter. Das gleiche «Amt» habe ich übrigens auch bei Paul Young. Gebeten habe ich sie nicht darum (lacht) – es ist auch eine Verantwortung.

Was für eine Beziehung haben Sie zur Schweiz?
Meine Partnerin Francesca Moser wurde in Genf geboren und ist dort aufgewachsen – ihr Vater war Schweizer, Genfer. Als sie 20 war, sind sie dann aber nach Lerici umgezogen. Dort führt sie bis heute eine Privatbucht mit Badeanstalt, Restaurant und Gästezimmern. In Genf besitzt Francesca noch ein Haus und ihre Familie lebt noch immer in der Schweiz.

Wie schwierig ist es für Ihre Partnerin, mit einem Weltstar zusammen zu sein?
Im Vergleich zu meiner ersten Frau, die sehr ... (sucht nach Worten), es war eine grosse Liebe, aber sie war sehr ... reserviert, verschlossen. Sie mochte es nicht, dass ich um die Welt reiste. Sie wollte mich bei sich, sie war sehr abhängig von mir.

Und Francesca?
Ist sehr unabhängig. Erstens weil sie Schweizerin ist (lacht), zweitens hat sie studiert – hat einen Master in International Management, sie spricht vier Sprachen, ist viel gereist und hat in New York und London gearbeitet. Zudem hat sie diesen wunderschönen Ort am Meer, den sie leiten muss. Sie sitzt nicht da und wartet auf mich.

Ihr Lied «Ti voglio sposare»: ein Heiratsantrag an Francesca?
Nein, es ist symbolisch. Aber eigentlich könnte es auch Francesca gewidmet sein. Schliesslich sind wir seit 21 Jahren zusammen und ... sie würde es verdienen. Sie fragt mich nicht danach, aber ich denke schon, dass es das Richtige sein wird, sie einmal zu heiraten. Auch um ihr Sicherheit zu geben. Ich weiss nicht, wie es in der Schweiz ist, aber in Italien ist es schwierig, wenn man nicht verheiratet ist. Wir sind etwas rückständig, die Kirche hat da Schaden angerichtet.

Nicht alles Rückständige muss schlecht sein. Nach Ihrem Konzert in Havanna haben Sie von der kubanischen Haupt-stadt geschwärmt. Erinnerungen an das frühere Italien?
Ja, an das der 60er-Jahre.

Das klingt nach Wehmut.
Das Italien der 60er-Jahre war romantisch, voller Ideale. Es war die Nachkriegszeit und man hatte Lust, sich vom Leid vergangener Jahre zu befreien. Alle waren sehr positiv, es war das Dolce Vita. Heute ist Italien hässlicher geworden, die Menschen sehen immer wütend aus, es gibt sehr viele arrogante Politiker, Leute schreien, anstatt zu sprechen.

Und jetzt klingt es nach Frust.
Ich spreche von den Politikern und jenen, die Italien repräsentieren sollten. Kein Leader, der vom Volk gewählt wurde, und Korruption – das macht den Menschen zu schaffen. Es ist schwierig geworden, Italien zu regieren.

Ein Fall für Zucchero?
Premierminister in Italien ... nein danke! (lacht).

Adelmo Fornaciari alias «Zucchero» wurde am 25. September 1955 in Roncocesi bei Reggio nell’Emilia geboren. Seine Musik ist ein Gemisch aus Gospel, Blues und Rock. In Italien stand er 13-mal an der Spitze der Albumcharts – in der Schweiz steht er am 31. Oktober und 1. November in Zürich und am 2. November in Genf auf der Bühne.

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