Frontmann: Alles andere als tote Hose

Als Sänger der Band „Die Toten Hosen“ steht Campino im Scheinwerferlicht. Hinter der Rampensau verbirgt sich ein feinfühliger Mensch, der jedoch konsequent für seine Ideale einsteht.

Campino, eigentlich Andreas Frege, wurde am 22. Juni 1962 in Düsseldorf als eines von sieben Geschwistern geboren. Durch einen älteren Bruder kam er Ende der siebziger Jahre mit dem Punkrock in Kontakt. Er war von 1978 bis 1982 Sänger der Band ZK und gründete danach „Die Toten Hosen“. Das Interview findet in Düsseldorf statt, in den Räumen der eigenen Plattenfirma. Diese befindet sich in einer alten, kleinen Fabrikhalle im Gewerbegebiet. Die Stimmung dort ist ungezwungen, das Team sympathisch. Von Schlendrian, Sex’n’drugs’and Rock’n’roll ist aber nichts zu spüren. Im Gegenteil, hier wird gearbeitet. „Die Toten Hosen“ sind nicht nur eine äusserst erfolgreiche Band, die bereits rund 15 Millionen Tonträger verkauft hat, sondern auch ein richtiges Unternehmen, mit allem was dazu gehört.

Campino erscheint mit zwanzig Minuten Verspätung und mit dem Handy am Ohr. Offensichtlich lässt das Gespräch keinen Aufschub zu, was er mir mit verschiedenen Gesten, zu verdeutlichen versucht. „Meine Schwester war das, und wenn ich die schon mal dran habe....“ erklärt er danach und führt mich in ein Sitzungszimmer. Nervosität ist fehl am Platz: Campino ist sympathisch, jegliche Staralluren scheinen ihm fremd. Er ist gross, schlank und wirkt auf mich zerbrechlicher, als ich ihn mir aufgrund seiner energiegeladenen und schweisstreibenden Bühnenshows vorgestellt habe. Im Interview entpuppt er sich als angenehmer Gesprächspartner, der sich viel Zeit zur Beantwortung der Fragen nimmt. Nach dem Ausschalten des Aufnahmegeräts bleibt sogar noch Zeit, mit ihm kurz über eigene musikalische Erfahrungen zu fachsimpeln.

Campino ist Ihr Künstlername. Gibt es Menschen, die Sie Andreas nennen?
Das Finanzamt und die Polizei, vielleicht auch noch ein alter Lehrer. Zu Lebzeiten natürlich meine Eltern. Aber in der Band ist das kein Thema, da gibt es schon genug Andis (Anm: drei der fünf Bandmitglieder heissen Andreas zum Vornamen). Wenn mich Fremde Andreas nennen, ist mir das schon fast zu intim.

Was in der Schweiz nicht so bekannt ist: Campino ist eine Bonbon-Marke. Ist das nicht ein wenig zu süss für einen Punkrocker?
Ach was, wenn man die hart an den Kopf geschmissen bekommt, ist das gar nicht mehr süss. Und früher habe ich mit den Dinger tatsächlich geworfen.

Ich habe Sie 1985 gesehen, wie Sie Ihre Fans mit den Fäusten gegen randalierende Skinheads verteidigt haben. Würden Sie das heute auch noch tun?
(Fragt nach, welches Konzert und lacht.) Ja, das war ein guter Tag, da haben endlich die Richtigen auf die Fresse bekommen! Heute haben wir bei unseren Konzerten zwar eine gute Security, aber wenn es sein müsste, würden wir das immer noch tun. Wir fühlen uns für unser Publikum verantwortlich. Und wenn einer von uns von der Bühne geht, um sich zu wehren, gehen alle. Das war bei uns immer eine stillschweigende Übereinkunft. Wer auf der Bühne bleibt, fliegt aus der Band!

Eure Konzerte in der Schweiz sind jeweils blitzartig ausverkauft. Ihr seid Superstars. Gefällt Ihnen das?
Es ist ja nicht so, dass der Erfolg über Nacht kam. Natürlich wäre ich nicht glücklich, wenn niemand zu unseren Konzerten käme. Es gibt nichts Schöneres, als vor einem vollen Haus zu spielen. Aber es sind die Medien, die einen zum Superstar machen. Das Klischee Rockstar muss ich nicht leben. Ich brauche keinen Rolls-Royce und keine Bodyguards; das hat mich nie interessiert.

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So ein Gemeinschaftsgrab ist übrigens auch ökonomisch sinnvoll.»

Sie engagieren Sich in der Öffentlichkeit auch gegen Rassismus, Darmkrebs, Armut in Afrika und vieles mehr. Sind Sie zu gut für diese Welt?
Nein, überhaupt nicht. Dass wir gegen Rechts sind, dürfte ja ohnehin eine klare Sache sein. Das Thema Darmkrebs ist mir ein persönliches Anliegen, da meine Eltern beide daran starben. Afrika wiederum liegt uns sehr am Herzen, seitdem uns die Hilfsorganisation Oxfam einlud, uns vor Ort einige ihrer Projekte anzusehen. Wenn man dieses Elend hautnah erlebt, müsste man aus Stein sein, um nicht helfen zu wollen. Je mehr man sich allerdings engagiert, desto mehr wird einem auch unterstellt, man tue das nur, um sich zu profilieren. Ist das nicht pervers?

Sie sind nicht nur mit Ihrer Band sehr engagiert; man sieht Sie auch in Filmen, in Opern und sogar als Journalist sind Sie tätig. Würden Sie sich selber als rastlos bezeichnen?
Das kann ich nicht behaupten, aber ich gehe mit offenen Augen durch die Welt und die Sachen fliegen auf mich zu. Wer wäre nicht dabei, wenn Klaus Maria Brandauer oder Wim Wenders anfragen? Das sind kleine Seitensprünge, die mich wachsen lassen, mich im Endeffekt aber auch immer wieder auf das Kerngeschäft, die Band, zurückbesinnen lassen. Ich habe es als Schauspieler nie bis zum Wohlfühlstadium gebracht. Wenn ich mit den Hosen auf der Bühne stehe, hat das für mich eine ganz andere Selbstverständlichkeit, da muss ich nie überlegen, was ich zu tun und zu lassen habe.  

Und was tun Sie, wenn Sie nichts tun? Verpennen Sie auch einmal einen Tag?
Das kommt selten vor. Wenn ich es tun würde, würde ich es aber geniessen. Die bessere Frage wäre wohl eher: Wie viel Blödsinn machst Du, wenn Du nichts zu tun hast? Ich fülle meine Zeit gerne mit Quatsch. Außerdem habe ich eine Saisonkarte für den Liverpool FC und bin auch mit Fortuna Düsseldorf verbunden. Das macht mir viel Spass.

Sie haben einen Sohn mit der Schauspielerin Karina Krawczyk. Kann ein Rockstar ein guter Vater sein?
Warum sollte sich das ausschliessen? Ich tu mein Bestes, damit ich seine Entwicklung miterlebe. Jeder Moment kommt ja nur einmal, da wäre es schade, ihn zu verpassen. Die Frage kann aber eigentlich nur mein Sohn selber beantworten. Ich versuche, für ihn da zu sein, man muss aber auch loslassen können. Die Kinder gehören einem ja nicht.

Was geben Sie ihm auf den Weg?
Das ist hier auf die Schnelle schwierig zu erklären. Ich versuche es vielleicht ein wenig so zu machen, wie meine Eltern. Wir waren sieben Geschwister (eins ist im Babyalter gestorben) und keines ist im Gefängnis gelandet. Das ist doch schon einmal eine sehr gute Bilanz für Eltern.

Unter uns Vätern: Meine Tochter ist gleich alt wie Ihr Sohn. Sie hört den ganzen Tag gewaltverherrlichenden deutschen Gangsta-Rap. Was habe ich falsch gemacht?
Nichts! Die Tochter ist einfach gut drauf. Sie hört, was heute angesagt ist. Die Texte sind genau das, womit sich die Kinder abgrenzen. Dort kommen die Eltern nicht mit. Das bisschen Sex und geprahlte Kleinkriminalität. Das Spiel mit der Grenzüberschreitung ist ja ganz wichtig für die Entwicklung. Hauptsache, sie hört Musik. Für mich scheint es gesund, wenn sie sich so abholen lässt. Die Grenze ist erst dann erreicht, wenn es politisch nicht mehr haltbar ist, wenn zum Beispiel rechtsradikale Inhalte propagiert werden. Abgesehen davon ist es ja auch nicht falsch, ein Querulant zu sein.

Wo Kinder, da Mütter; Sie sind ja Schauspielerinnen nicht abgeneigt, das weiss man seit Ihrer Beziehung zu Melanie Winiger auch in der Schweiz. Wie beziehungsfähig sind Sie?
Ich habe in diesem Bereich an mir nichts Unnormales feststellen können. Jede Beziehung war zu ihrem Zeitpunkt die Richtige. Allerdings ist der Beruf ein wichtiger Bestandteil im Leben und da muss man jemanden finden, der sich auf dieses Leben einlässt, einen starken und selbstbewussten Partner. Man wird im öffentlichen Raum ja auch ständig beobachtet, das ist nicht immer einfach.

Und wie ist Ihre Beziehung zu Ihrer Band? Ihr seid ja grösstenteils alte Schulfreunde; das schweisst zusammen. Aber überstehen Freundschaften auch 35 Jahre Rock’n’roll?
Was uns angeht, war es eine glückliche Fügung, dass wir uns kennengelernt haben. Je älter wir werden, desto mehr wissen wir das zu schätzen. Im Zweifelsfall ist es immer wichtiger, einen guten Freund als einen guten Musiker in der Band zu haben. Natürlich muss an jeder Beziehung gearbeitet werden. Man sollte sich gegenseitig nie selbstverständlich werden. Nach 35 Jahren muss man jetzt nicht mehr nach jeder Probe zusammen trinken gehen, aber wir fahren zum Beispiel regelmässig zusammen in den Skiurlaub.

Auf eurem aktuellen Album beschreiben Sie in den Texten auch das Älterwerden der Band. Im Song „wie viele Jahre“ werden aus Bier und Schnaps Bio-Snacks zum Geburtstag. Wann ist es genug?
Das kann ich nicht beantworten. Ich weiss ja nicht, was das Schicksal bereithält. Im Moment haben wir noch Kraft und Freude und das ist Existenzberechtigung genug.

Ihr habt ja auch bereits ein Gemeinschaftsgrab gepachtet. Haben Sie sich schon überlegt, neben wem Sie gerne liegen möchten?
Das ist völlig klar: Wir wollen in Bandformation liegen, so wie wir auf der Bühne stehen, der Schlagzeuger leicht erhöht! Diesen Gag sollten wir uns nicht nehmen lassen. So ein Gemeinschaftsgrab ist übrigens auch ökonomisch sinnvoll. Wer die Hosen besuchen will, muss nur einmal anreisen.

Kremiert oder Ganzkörperbestattung?
Das ist bei mir noch offen, ich tendiere zur Verbrennung.

«Die Toten Hosen» spielen am 10. und 11. November in Zürich und am 28. November in Basel. Alle Konzerte sind jedoch bereits ausverkauft.

Die nächste Gelegenheit, die Band in der Schweiz zu erleben, ist der 25. August 2018 auf der Allmend in Luzern.

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