Fünf zu acht

Kritik und Lob im Wettstreit.

Sybil Schreiber: Regelmässig gönne ich mir ein Gespräch mit meiner klugen Therapeutin. Ich schätze es, meine Gedanken und Probleme mit ihr in Ruhe zu besprechen. Tut gut, dieser Blick von aussen auf mein Inneres. Angeregt erzähle ich Schneider von der letzten Sitzung: «Ich hab ihr gesagt, dass mich mein eigenes Rumgezicke nervt.» «Nicht nur dich.» «Ich mag es nicht, dass ich so oft an den Kindern herummeckere.» «Nicht nur an ihnen.» «Kannst du mich mal ausreden lassen, bitte?»

«

Tut gut, der Blick von aussen.»

Er nickt. «Meine Seelenfrau hatte folgenden Vorschlag: maximal fünf Kritiken täglich, dafür mindestens acht Mal Lob.» So simpel und so hilfreich! Also kein Dauergemecker von mir. Ich erkläre Schneider das Rezept: «Also kein: ‹Versorgt die Schuhe im Gang, räumt die Klamotten weg und die Spülmaschine aus!› Stattdessen sollte ich positive Dinge betonen: dass die Mädchen kreativ sind, einander helfen, toll klettern, malen und Gedichte schreiben können.» Ich seufze beim Gedanken an meine Töchter und sage: «Weisst du, ich will ihnen zeigen, wie wunderbare Glücksmomente sie mir schenken.» Er fragt: «Und ich?» «Was du?» «Na, was findest du an mir gut?» Ich lächle ihn an: «Dass du trotz allem mit mir zusammen bist?»

Steven Schneider: Schreiber besucht mehrmals im Jahr eine Therapeutin. Würde ich nie tun. Aber unterdessen finde ich das sehr gut, und wenn sie nach Hause kommt, will ich immer alles genau wissen. Denn ihre «Seelenfrau» hat stets verblüffende Lösungen, die Schreiber meist gleich in ihren Alltag einbaut. Das mach ich auch – freilich ganz heimlich. Eigentlich könnte die Therapeutin doppeltes Honorar verlangen. Denn es stimmt schon: Die Meinung von einem Aussenstehenden, gepaart mit Lebenserfahrung, gesundem Menschenverstand und weisem Wissen, hilft meist weiter.

«

Ich will immer alles ganz genau wissen.»

Natürlich mache auch ich mir Gedanken über Schreibers Verhalten. Und manchmal sage ich ganz vernünftige Dinge. Verblüffend vernünftige Dinge wie etwa: «Wenn du nach jedem Essen die Schüsseln auslöffelst, nimmst du nicht wirklich ab», oder: «Mach eine Liste, dann vergisst du nichts mehr», oder: «Versuch es mal mit Gelassenheit.» Kommt aber nicht gut an bei Schreiber. Denn statt einsichtig zu sein, reagiert sie ein ums andere Mal muffig. Aber ab sofort werde ich entgegnen: «Ich will dich daran erinnern, dass du heute genau noch drei Tadel anbringen kannst. Danach freue ich mich auf acht Portionen Lob.»

 (Coopzeitung Nr. 22/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 26.05.2014, 15:29 Uhr

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