Gemeinsam einsam

Die Kinder fliegen aus und sie landet unsanft.

Sybil Schreiber: Zum ersten Mal seit wir Eltern sind, verbringen wir mehr als eine Woche allein. Ohne unsere beiden Kinder. Ich träume jede Nacht die wildesten Geschichten: Träume, dass mir ein Bein amputiert wird und davongeht. Einfach so. Ich hüpfe meinem Bein hinterher, streichle es nochmals. Ein Teil von mir verlässt mich. Meine lieben Kinder!

Ich könnte heulen ... – versuche aber, mich zusammenzureissen. Schliesslich sind unsere Mädchen stark und gross. Schneider und ich hingegen sind nur gross. Also er ist nicht mal das, aber egal. Dafür ist er beim Frühstück in Plauderlaune: «So wird das in den nächsten Jahren öfter sein. Wir zwei allein beim Essen.»

«

Mir geht das alles zu schnell. Viel zu schnell.»

Ein Stich direkt in mein Herz: «Sag nicht so was! Es ist bloss Zufall, dass sie gleichzeitig in den Ferien sind.» «Später sind sie bei Freunden, im Ausgang oder schlafen bis am Mittag. Wir bereiten uns mal besser vor auf viele gemeinsame, einsame Stunden.»

«Also, ehrlich, das dauert ja wohl noch ein Weilchen», versuche ich mich zu beruhigen. Schneider sieht das anders: «Naja, du bist ja auch schon mit 17 von zu Hause ausgezogen. In Mutter-Zeitrechnung ist das übermorgen. – Äh, warum heulst du jetzt?» Weil mir das alles viel zu schnell geht.

Steven Schneider: Die Grössere ist im Blauring-Lager, die Kleinere wurde von den Nonnis zu Tennisferien eingeladen. Und wir sind allein. «Was wollen wir mit unserer Zeit anfangen, wenn die Kinder mal ausgeflogen sind?», frage ich beim Morgenessen Schreiber. 

Sie schneuzt ins Taschentuch, ich antworte selber:«Wir könnten doch Schundromane schreiben, wär doch was. Ich meine, die Abende sind lang ohne Kinder.»

«

Die Zeit läuft uns davon. Also nichts wie los.»

Sie fährt sich über die Augen. «Ich denke aber auch an ein Studium.» «Was?» Ihre roten Augen blicken ins Leere. «Geschichte, das würde mir gefallen. Oder noch besser: Drehbuchschreiben.»
«Ist das ein Studium? Wie kommst du darauf?»

«Weiss nicht. Ich habe Lust, etwas zu wagen. Die Zeit läuft uns davon, die Kinder auch, also nichts wie los, finde ich.» Sie schluckt: «Ich bin blockiert, alles dreht sich bei mir um unsere Mädchen. Könntest du bitte etwas Verständnis haben?», entrüstet sich Schreiber und ihr Kinn zittert. Muss aufpassen. «Ich denke doch gern an sie, wenn sie hier sind», sage ich sanft. «Aber wenn sie weg sind, ist das die Gelegenheit, in der wir an uns beide denken können.» Ich zweifle jedoch, ob Schreiber weiss, wer das ist: nur «wir beide».

 (Coopzeitung Nr. 30/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 21.07.2014, 00:00 Uhr

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