Hansdampf in allen Gassen: Hannes Keller in seinem reich befrachteten Wohnzimmer.

Genial: Ein ereignisreiches Leben

Hannes Keller hat mit seinen Erfindungen die Welt verändert – am Computer und im Wasser.

Liesse sich das ganze Wissen der Menschheit in Büchern und Kunstwerken zusammenfassen, bei Hannes Keller zu Hause im zürcherischen Niederglatt wäre ein beträchtlicher Teil greifbar. Das Wohnzimmer des 82-jährigen Universalwissenschaftlers wirkt wie das Museum eines reich befrachteten Lebens, ein Sammelsurium zwischen Genie und Chaos. Eine grosse Buddha-Statue blickt in den Raum, an der Wand verschwindet ein Klavier unter einem Stapel von Büchern, und im Zentrum steht ein grosser Flügel: «Ich liebe das Klavierspielen, übe jeden Tag und nehme immer noch regelmässig Unterricht. Bald will ich wieder ein Konzert geben», sagt Keller.

Als Musiker ist der örtliche Gemeindesaal (oder die eigene Stube) seine Bühne, als Wissenschaftler, Erfinder und Entdecker hat er Spuren in der ganzen Welt hinterlassen. Dabei war das eigene Scheitern immer ein Schritt im Findungsprozess. Keller flog aus dem Gymnasium, weil ihm das Latein in die Quere kam. Später studierte er Mathematik, Physik und Philosophie: «Am liebsten beschäftige ich mich mit Dingen, von denen ich anfänglich keine Ahnung hatte», sagt er.

So wurde er in der Rekrutenschule von einem Kollegen auf das Thema Computer aufmerksam gemacht – zu einer Zeit, als schon der Taschenrechner als technologischer Durchbruch gefeiert wurde. Keller liess sich aus den USA die ersten Computer kommen: «Sie wurden in Plastikbeuteln geliefert und man musste sie selber zusammenschrauben.»

Unmögliches möglich machen

Keller fand den richtigen Dreh. Der Mann, der sagt, es sei wichtig, einfach «draufloszudenken», erfand die erste automatische Rechtschreibekorrektur und die ersten Schreib- und Übersetzungsprogramme. «Der Computer macht Unmögliches möglich. Mit dem Menschen bildet er eine perfekte Symbiose», sagt Keller mit der Begeisterung eines Teenagers. Die Motivation seines Schaffens sei stets das Sprengen von Grenzen gewesen. Der Kommerz hingegen sei ihm zutiefst zuwider: «Apple und Microsoft haben aus ihrem Geschäftsmodell eine Religion gemacht. Ihnen geht es nur darum, dass die Konsumenten die exklusiven Programme oder Zubehörteile kaufen.»
In seinem wunderbar verwilderten Garten offeriert Keller Vollmilch und Prosecco: «Die ganze Bandbreite des Angebots.» Im Hintergrund plätschert ein Brunnen in einen märchenhaften Teich. Das Wasser spiegelt Kellers zweite grosse Berufung: das Tauchen. Ebenfalls im Militär hörte er einen Kameraden von dessen Tauchgängen erzählen. Keller wurde noch in der Kaserne Frauenfeld vom Tiefenrausch gepackt: «Tauchen war für mich neu, spektakulär und gefährlich – das faszinierte mich.»

Er legte sich das Standardwerk «Tauch mit» von Len Kenyon zu – und realisierte schnell, dass das Grundwissen über diesen Sport nur sehr lückenhaft aufgezeichnet war. Also begann Keller im Selbstversuch zu experimentieren und schuf Tabellen, die das Tempo für gefahrloses Auftauchen aus grossen Tiefen definierte. «Im Zürichsee tauchte ich bis 120 Meter hinab. Die Theorie schrieb für diesen Bereich eine Auftauchphase von 20 Stunden vor – das war die totale Inkompetenz.» Keller korrigierte das Missverständnis. In der Neuauflage von «Tauch mit» sind seine Erkenntnisse in einem eigenen Kapitel niedergeschrieben. 1961 stellte er im Lago Maggiore mit 230 Metern einen neuen Tiefenrekord auf. Dabei ging er über die eigenen Grenzen hinaus. Beim Auftauchen verlor er das Bewusstsein, sein Begleiter Peter Small geriet in Panik, machte einen schweren Fehler und erstickte: «Noch heute plagen mich Schuldgefühle. Denn ich trug die Verantwortung für dieses Projekt.» Auch sein Bruder Albrecht starb später bei einem Tauchunfall: «Er wollte mich übertrumpfen – und das ist nie ein guter Ratgeber.»

Patent als Belohnung

Kellers Leben hört sich an wie eine ständige Horizonterweiterung – nebenbei half er in den 1970er-Jahren mit, den Sport zu revolutionieren. Zusammen mit dem Aerodynamik-Experten Hans Hess entwickelte er neuartige eng anliegende und wasserundurchlässige Tauchanzüge. Daraus leiteten die beiden Ganzkörperanzüge ab, die den Ski- und Radsport materialtechnisch auf ein neues Niveau hoben. «Ich habe Hans das Patent dieser Errungenschaft als Belohnung für seine tolle Arbeit geschenkt», sagt Keller.

Das ist Schnee von gestern. Sein aktuelles Projekt dreht sich um bildende Kunst. Auf seiner Homepage hat er 1,25 Millionen Bilder zusammengetragen, die er jedermann frei zugänglich macht: «Ich will Kunst zeigen, die intelligent ist. Hinter grosser Kunst muss eine Idee stecken – eine Idee, die den Künstler übermannt.» Und wie finanzierte Keller sein eigenes Leben? «Das Geld ist mir immer dann nachgerannt, als ich es nicht erwartet habe.» Er verdiente Millionen (etwa als er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Tauchen an Shell Oil verkaufte), gab das Geld aber auch wieder aus. Heute lebt er mit sich und der Welt im Reinen und ist dankbar, dass sein Sohn Severin im oberen Stock seines Hauses wohnt: «Wir sind Seelenverwandte – das ist bei Vater und Sohn nicht selbstverständlich.»

Zum Abschied drückt Keller dem Besucher ein Buch von Dalai Lama in die Hand: «Ethik ist wichtiger als Religion». «Das gebe ich allen mir wohlgesinnten Menschen. Dalai Lama beeindruckt mich tief. Er hat verstanden, dass Religion nie etwas Totalitäres sein darf – von ihm können wir ganz viel lernen.» Keller steht vor seinem efeubehangenen Haus und winkt zum Abschied. Auch von ihm können wir viel lernen.

… Musik: «Chopin ist mein Lieblingskomponist. Ich bewundere besonders die b-Moll-Sonate.»

... Computer: «Dieser ist wie der Mensch – grenzenlos. Und wenn man etwas in ihn eingibt, erhält man mehr zurück als zuvor.»

... den Tod seiner Frau: «Diesen Verlust kann ich nicht ver-kraften. Aber ich träume davon, wieder eine Frau zu treffen – als Gesprächspartnerin und Kollegin.»

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