Leandro (4, links) spielt am liebsten mit seinem Papa: Familie Laura und Steve Tulleuda aus Ecublens VD.

Geschwister: Sie lieben sich, sie ärgern sich

Erziehung: Wenn die Familie wächst, wächst auch das Konfliktpotenzial. So bereiten Eltern ihre Kinder auf die jungen Geschwister vor.

Héloïse (viereinhalb Jahre) weint, weil Esteban (zweieinhalb Jahre) sie beim Spielen ärgert. Ein paar Minuten später ist alles vergessen und die beiden spielen vergnügt auf dem Balkon. Streiten, schmusen, lachen, schreien und weinen – all das gehört bei Geschwistern dazu, sagt Mutter Karine Maillard (40). So auch bei Cindy (28) und Vadim (30) Bertossa mit ihren beiden Mädchen Gioia (vier Monate) und Emily (zwei Jahre). Emily ist vertieft in ihr Spiel, bis ihr plötzlich einfällt, dass sie ja eine kleine Schwester hat. Beim Versuch, diese am Kopf zu streicheln, kratzt sie die Kleine im Übermut. Gioia kullern grosse Tränen über die rosa Wangen. «Eine alltägliche Situation im Haus», sagt Cindy und atmet tief durch.

«Mit Geschwistern können Kinder eine Bindung eingehen, die sehr bereichernd ist», stellt die Psychologin Nathalie Cherpillod fest. Um diese Beziehung aufzubauen, müsse man aber langsam, Schritt für Schritt, vorgehen. Beim ersten Kontakt mit dem neuen Geschwisterchen reagiere jedes Kind anders. «Es kann Nein sagen, eine gewisse Scheu zeigen, sich nicht für den Familienzuwachs interessieren, vor Staunen die Augen aufreissen oder das Neugeborene mit Küssen überhäufen.» Beim ersten Kennenlernen müssen die Eltern also Geschick und Einfallsreichtum beweisen. «Ich denke, nach der Entbindung ist es gut, wenn der grosse Bruder oder die grosse Schwester die Mama zuerst allein wiedersieht», rät die Psychotherapeutin. Denn ein Spital kann ja auch angsteinflössend wirken. Falls möglich, sollte die Mutter nicht im Bett liegen, wenn ihre älteren Kinder sie besuchen.

Im Alltag der Familien Maillard und Ernst (oben, aus Renens VD) und Bertossa (unten, aus Roveredo GR) geht es manchmal stürmisch zu, aber meist sehr liebevoll.

Im Alltag der Familien Maillard und Ernst (oben, aus Renens VD) und Bertossa (unten, aus Roveredo GR) geht es manchmal stürmisch zu, aber meist sehr liebevoll.
Im Alltag der Familien Maillard und Ernst (oben, aus Renens VD) und Bertossa (unten, aus Roveredo GR) geht es manchmal stürmisch zu, aber meist sehr liebevoll.

Die Praxis ist nicht immer leicht Karine, die Mutter von Héloïse und Esteban, ist erneut schwanger. In zwei Monaten wird das dritte Kind zur Welt kommen. Wird es ein Junge oder ein Mädchen? «Das wird nicht verraten», sagt Karine. Sie weiss es, aber der Vater, Philippe Ernst (41), möchte es lieber nicht wissen: «Ich glaube, ich war bisher für keines der Kinder wirklich bereit. Aber ich mag Überraschungen», sagt er lächelnd. Umsichtig mit dem Bruder Aufregung herrscht auch bei Familie Tulleuda. Laura (34) und Steve (35) haben zwei Buben: Leandro (4) und den vier Monate alten Jordan. Der Ältere ist von Anfang an sanft und umsichtig mit seinem kleinen Bruder umgegangen. Seine Eltern haben ihm beigebracht, dass er sich kurz allein beschäftigen muss, wenn sie Jordan füttern oder wickeln. «Er versteht, dass es für alles eine Zeit gibt. Lustig ist, dass er manchmal zu Jordan sagt, dass seine Eltern sich jetzt mal um ihn kümmern müssen», erzählt das Paar. Andererseits ist Leandro seiner Mama und seinem Papa gegenüber «ein bisschen störrischer» geworden.

«Das ist normal, denn auf diese Art reagiert er auf die Veränderung», erklärt Psychologin Nathalie Cherpillod. Häufig fallen ältere Geschwister in ihrer Entwicklung wieder etwas zurück, wenn die Familie Zuwachs bekommt. Nathalie Cherpillod hält es daher für ratsam, dem älteren Kind ganz bewusst Aufmerksamkeit zu schenken, wenn ein Geschwisterchen geboren wird. «Es ist wichtig, Zeit einzuplanen, die man nur mit dem älteren Kind verbringt. Zwanzig Minuten am Tag nur für den älteren Bruder oder die ältere Schwester da zu sein, ganz ohne Ablenkung, das reicht schon aus», erklärt sie.

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Nicht mehr Veränderung als nötig

Eine Geburt ist eine tief greifende Veränderung für die Eltern, aber auch für die älteren Geschwister. Die Tipps der Psychologin Nathalie Cherpillod:

  • Veränderungen frühzeitig planen und einige Zeit vor der Geburt umsetzen. Ist dies nicht möglich, sollte man dem älteren Kind erklären, was die Neuerungen an Gutem mit sich bringen.
  • Mit dem älteren Kind darüber sprechen, welche Spielzeuge es bereit ist abzugeben. Sie ihm wegzunehmen und ins Zimmer des Babys zu legen, kann – selbst wenn längst nicht mehr damit gespielt wird – für Ärger sorgen.
  • Selbstständigkeit anstreben: Will man, dass das Kind auch einmal warten kann, sollte man ihm das beibringen, bevor das Baby da ist.
  • Bei Konflikten möglichst nicht einem der beiden Kinder recht geben. Versuchen, Dinge verständlich zu machen. Wenn das Jüngere die Legotürme des älteren Bruders einreissen will, kann man diesem erklären, dass der kleine Bruder das tut, weil er so bauen möchte wie der Grosse, nur dass ihm das noch nicht gelingt.
  • Das Kind ab und zu einer nahestehenden Person anvertrauen, damit es sich daran gewöhnt, auch mal von seinen Eltern getrennt zu sein.
  • Sich vor Vergleichen hüten. Jedes Kind ist anders.

Anzahl Kinder pro Frau in der Schweiz

Quellen: Bundesamt für Statistik

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Text:
Joëlle Challandes
Illustration:
Jacob Kadrmas
Foto:
Annick Romanski, Darrin Vanselow
Veröffentlicht:
Montag 01.09.2014, 11:25 Uhr

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