Geständnis mit Gruppenschutz 

Sie: Was für ein vortrefflicher Abend! Schneider und ich sind eingeladen, unsere Gastgeber verwöhnen uns enorm: Ein köstlicher Mehrgänger, der Wein duftet nach Ferien, es brennen Kerzen, die Wohnung atmet Kreativität. 

 
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Herrlich! Und die Gastgeberin, die neue Freundin eines alten Freundes, lernen wir nun zum ersten Mal so richtig kennen. Wie lustig und offen die redet, toll! Aber das Beste: Sie ist herrlich selbstironisch. Für mich ist das eine der angenehmsten Charaktereigenschaften überhaupt. Ich amüsiere mich prächtig und trage ausser lautem Lachen und «mmmhhlecker» nicht viel zur Unterhaltung bei. Habe irgendwie nichts Originelles auf Lager. Oder doch? Ja, genau: «Wisst Ihr, was mir heute beim Rausparkieren passiert ist? Ich habe einen Holzpfosten umgefahren. Der stand da auf einmal, als ob er in Sekundenschnelle aus dem Boden gewachsen wäre. Wumms! Und weg war er.»

«

Wisst Ihr, was mir heute passiert ist …?»

Alle lachen. Ich pruste «kleine Beule» und verschluck mich fast. «Unser Auto hat ja schon so viele Dellen ...» Haha! «Sieht knuffig aus.» Hoho! Nur Schneider verzieht keine Miene. Stimmt, ich hatte es ihm ja noch gar nicht gesagt. Na, hoffentlich hat er so viel Takt, meine lustige Episode nicht mit Missmut zu versauen.

Er: Unsere Gastgeberin hat die gedämpften Rüeblischeiben in Herzform gestanzt. Es ist schön, wenn sich jemand so viel Mühe macht für mich. Denn diese Essenseinladung ist mein Geburtstagsgeschenk, und ich weiss das sehr zu schätzen. Zudem ist es auch ein toller, amüsanter Abend – bis zu dem Moment jedenfalls, als Schreiber auf einmal das Gefühl hat, die kleinen, ganz normalen Alltagskatastrophen im Leben unserer Gastgeberin, die sie mit sympathischer Selbstironie erzählt, übertreffen zu wollen. Kichernd erzählt sie nämlich, wie sie am Morgen mit unserem Auto einen Pfosten umgefahren hat. Das ist schlichtweg nicht lustig. Auch wenn das die anderen königlich amüsiert. Aber die müssen den Schaden ja auch nicht bezahlen.

«

Das ist schlichtweg nicht lustig.»

Ich frage mich, ob Schreiber den Zeitpunkt des Geständnisses mit Absicht gewählt hat: Schliesslich ist eine gesellige Runde bei einem schönen Essen nicht die Umgebung, um einen Streit zu beginnen. Ich frage mich, ob jetzt noch mehr Geständnisse kommen, weils grad passt: Etwa ein verflixt lustiger Schuhkauf für 400 Franken? Oder ein Hometrainer-Schnäppchenkauf im Internet für nur sagenhafte 999 Franken? Wenigstens kriege ich hier kostenlos zu essen.

 (Coopzeitung Nr. 26/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 22.06.2015, 13:01 Uhr

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