Rebellische Rockröhre: Gianna Nannini tourt durch die Schweiz.

Gianna Nannini: «Ich wollte nie nur Sängerin sein»

Ungebremst Ihre Stimme ist unverkennbar, ebenso wie ihre Abneigung gegen Konventionen. Auf der Bühne ist sie die Rockröhre – zu Hause liest sie Märli.

Die raue Stimme ist sofort im Ohr, denkt man nur an «Bello e impossibile». Jetzt kommt Gianna Nannini (61) mit der aktuellen CD «Hitalia» in die Schweiz. Zwischen den Openairs in Zürich (3.7.) und Locarno (12.7.) tritt sie am 5. Juli in Kestenholz SO auf beim von Coop unterstützten Festival «St. Peter at Sunset».

Sie wurden vor fünf Jahren Mutter, sind aber offenbar künstlerisch ebenso aktiv wie vorher. Wie schaffen Sie das?
Mir bleibt zwar weniger Zeit für mich als früher, doch ich gebe weiter mindestens 100 Prozent! Und ich bin sicher: Die Energie, die das Musikmachen in mir freisetzt, kommt auch Penelope zugute.

In Ihrem Lied «Ninna Nein» war Penelopes Stimme schon einmal zu hören. Ist aus ihr inzwischen schon eine Sängerin geworden?
Sie hat sich schon enorm weiterentwickelt, aber ich sage zu ihrem Gesang nie allzu viel, weil ich sie nicht beeinflussen will. Vor dem Schlafengehen singt sie manchmal meine Lieder, oder sie erfindet eigene Songs.

Wofür interessiert sie sich momentan besonders?
Fürs Malen und Theaterspielen. Und sie bringt anderen gerne etwas bei. In einer Gruppe von Kindern übernimmt sie oft die Mutterrolle und gibt dann eine richtige kleine Chefin. Sie mag auch schöne Frauenkleider – und High Heels!

 
Jede Woche die neusten Themen im Newsletter! Hier abonnieren »
 

Welchen Einfluss hat Ihre Tochter auf Sie?
Das grösste Gefühl, das man in seinem Leben haben kann, ist die Liebe zu seinem Kind. Besonders spannend finde ich es gerade, mit Penelope wieder in die Welt der Märchen einzutauchen, die ich noch aus meiner Kindheit kenne, aber schon sehr lange nicht mehr gelesen hatte.

Auf der neuen CD haben Sie eine rockige Version des Volkslieds «Mamma» Ihrer Mutter gewidmet. Was für ein Verhältnis hatten Sie zu ihr?
Meine Mutter hat ihr ganzes Leben lang nur meinen Vater geliebt. Sie war aber sehr glücklich, dass ich für das kämpfte, was ich wollte – obwohl meine Familie nie wirklich stolz darauf war, dass ich Rockmusikerin bin. Ich habe «Mamma» aufgenommen, da sie sich beklagt hatte, dass ich zuvor nur meinem Vater ein Lied gewidmet hatte. Kurz nachdem ich im Studio war, ist sie gestorben.

«Viva l'Oca e l’amore che ci unisce» – die Ente ist das Emblem ihrer Palio-Zunft in Siena.

«Viva l'Oca e l’amore che ci unisce» – die Ente ist das Emblem ihrer Palio-Zunft in Siena.
«Viva l'Oca e l’amore che ci unisce» – die Ente ist das Emblem ihrer Palio-Zunft in Siena.
«

Musik machen setzt Energie in mir frei.»

Nach welchen Kriterien haben Sie die anderen Lieder für «Hitalia» ausgewählt?
Es sind alles Lieder, die für mich ebenso wie für Italien wichtig waren und die sich in Rocksongs verwandeln liessen. Bei «Con te partiro» von Andrea Bocelli etwa wäre das nicht einmal möglich gewesen, wenn wir ein ganz neues Arrangement geschrieben hätten.

Weshalb kein einziges von einer Frau?
Es gibt in Italien nur wenige Frauen, die ihre Lieder selber schreiben. Ich habe es mit einem Lied von Carmen Consoli versucht, doch es passte nicht zu meinem Stimmumfang. Entscheidend waren am Ende einfach Qualität und Kompatibilität – ungeachtet des Geschlechts.

Dennoch erstaunlich – bei der Künstlerin, die den Feminismus in die italienische Rockmusik brachte …
Das ist etwas übertrieben, ein Klischee! Mir ging es immer in erster Linie um Selbstbestimmung. Natürlich, als ich mit 18 Jahren zu Hause auszog, war dies mein erster feministischer Akt. Und mein Debütalbum war psychoanalytisch die Beichte einer Jugendlichen, die zur Frau wurde. Dank der Musik konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen, statt sie für mich behalten zu müssen.

Wer hat Sie denn zum Schreiben eigener Lieder inspiriert?
Kein Mensch, sondern das Klavier meiner Tante. Wenn ich als Kind zu Besuch war, versuchte ich darauf meine eigenen Melodien zu finden. Domenico Modugno hat mich dann mit «Volare» auf die Idee gebracht, auch zu singen, aber ich wollte nie nur Sängerin sein, sondern meine Sachen selbst kreieren. Und Penelope scheint dieses Verlangen geerbt zu haben …

Wertvolle Erinnerung: Notizbuch aus ihren Teenager-Jahren.

Wertvolle Erinnerung: Notizbuch aus ihren Teenager-Jahren.
Wertvolle Erinnerung: Notizbuch aus ihren Teenager-Jahren.

Ist Italien für Sie auch ein Hit?
Ich bin viel gereist und liebe Italien aus vielen Gründen, insbesondere wegen seiner Küche und Kultur. Ich wünschte mir allerdings, dass wir im Ausland nicht nur für Mode und Opern berühmt wären, sondern auch wieder für unsere Popmusik. Wie in den Sechzigerjahren, als Stars wie Elvis Presley und Dusty Springfield englische Coverversionen von italienischen Liedern sangen.

Haben die Jahre unter Berlusconi der italienischen Kultur geschadet?
Alle reden immer über Berlusconi, dabei ist er nicht das italienische Volk, sondern nur eine Person, die ein bestimmtes Klischee von diesem Land perfekt verkörpert. Er wird deshalb – ebenso wie die Mafia – viel zu oft thematisiert. Dabei hat sich in Italien in den letzten 50 Jahren auch in seiner Zeit kaum etwas verändert!

Was verbindet Sie mit der Schweiz?
Mein Vater hat die Schweiz geliebt! Wenn wir zum Skifahren ins Engadin gefahren sind, schwärmte er unterwegs von der Präzision der Schweizer und von den Blumenkästen in den Fenstern. Zudem hat er regelmässig einen Konditor aus St. Moritz zum Austausch von Rezepten und Erfahrungen in unseren Betrieb nach Siena eingeladen.

Haben Sie nicht auch einen Teil Ihrer Schulzeit in der Schweiz verbracht?
Mein älterer Bruder Guido ist bei euch aufs Internat gegangen und deshalb ein sehr guter Skifahrer geworden. Ich war in Genf, um Französisch zu lernen, aber ich war auch dort eine grosse Rebellin. Nach einem Monat hat mich die Schulleitung nach Hause geschickt. Die Italienerin hat zu viel Lärm gemacht!

Vier Daten im Leben von Gianna Nannini

1954 Sie ist am 14. Juni in Siena geboren und stammt aus einer bekannten Konditorenfamilie.

1982 Der internationale Durchbruch kommt mit der «Rockpalast Nacht» und ihrer LP «Latin Lover».

1990 Mit Edoardo Bennato singt sie die offizielle Hymne zur Fussball-WM in Italien, «Un'estate Italiana».

2010 Geburt von Tochter Penelope. Auf dem Cover der CD «Io e te» zeigte sie sich mit Baby-Bauch.

2015 «Hitalia.rocks»-Tournee

Offizielle Website von Gianna Nannini »


Nächste Konzerte:

Freitag, 3. Juli, Zürich, «Live at Sunset»

Sonntag, 5. Juli, Kestenholz SO, «St.Peter at Sunset»

Sonntag, 12. Juli, Locarno, «Moon and Stars» (mit Santana)

Website des Festivals St. Peter at Sunset »

«Hitalia» – das neue Album von Gianna Nannini 

Vor bald 40 Jahren hat Gianna Nannini die italienische Pop-Bühne mit ihrem ersten Album betreten. Jetzt liegt ihr 19. Werk «Hitalia» vor. Sie beginnt mit dem 1967 entstandenen Protestsong «Dio è morto». Ihre Version klingt unglaublich, anfangs wähnt man sich in einer Kirche. Doch rasch wird der zarte Chor von Nanninis rauchiger Stimme übertönt. Die Rockröhre bringt uns die Seelenzustände der 50-plus-Bohème in Italo-Rock-Manier näher und fordert uns auf, gegen die weit verbreitete, falsche Wohlanständigkeit einzutreten. Wohlan! Nicht zufällig ist die Treibmine Gianna Nannini seit Jahrzehnten Italiens liebste Sängerin.

Kommentare (4)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Alex Majoli / Magnum Photos, zVg
Veröffentlicht:
Montag 15.06.2015, 17:01 Uhr

Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?