Gitta Gsell in ihrer Wohnung im Zürcher Quartier Hottingen.

Gitta Gsell: «Materieller Luxus ist nicht wichtig»

Klangwelten Ihre Dokumentation «Bödälä» begeisterte das Publikum. Nun zeigt die Regisseurin, was Popcorn mit Jimmy Hendrix zu tun hat.

Kaum ein Kind widersteht der Verlockung, an einem Zaun entlang zu gehen ohne daran zu klappern. Dieses Spiel mit Klängen thematisiert der Film «Melody of Noise» über Klangkünstler wie Bruno Spörri, Stefan Heuss und Bubble Beatz. Was oft nur als Geräusch wahrgenommen wird, verwandelt die Zürcher Regisseurin Gitta Gsell (62) zu Rythmus und Melodie unserer Welt.

Was klingt wie Musik in Ihren Ohren?
Rhythmische Geräusche wie das «du-dum, du-dum, du-dum», das ich von meinen Reisen mit Nachtzügen kenne. Spannend finde ich auch die Geräusche von Skateboards, die viel über die Beschaffenheit des Untergrunds verraten, und von Kufen auf dem Eis, die man normalerweise kaum wahrnimmt.

Was hat Sie zu Ihrem neuen Film «Melody of Noise» inspiriert?
Mir fiel auf, dass wir heute kaum mehr im Moment hören, weil wir Kopfhörer tragen oder vom Smartphone abgelenkt sind. Ich wollte zeigen, wie unsere Welt eigentlich klingt, begann Künstler zu suchen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, und versuchte, in deren Universum einzutauchen.

Sie haben mehrere Filme über Musik gemacht. Wollten Sie nie Musikerin werden?
Musik ist seit meiner Kindheit ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich habe auch mal in einer Punkband Schlagzeug gespielt, aber ich bin nicht wahnsinnig musikalisch.

In «Melody of Noise» gibt es Künstler, die zwar keine grossen Komponisten sind, aber einen originellen Ansatz haben ...
Da sind wir bei der Frage, ob man immer urteilen muss, ob etwas hohe Kunst ist oder nicht. Ein Stefan Heuss ist wohl kein genialer Musiker, aber die skurrilen Maschinen, die er baut, um Klänge zu erzeugen, erleichtern den Zugang zu seiner Kunst, weil sie zum Schmunzeln anregen. Der Sound, den das Popcorn erzeugt, das aus der Pfanne auf die Saiten der E-Gitarre schiesst, tönt auch fast so heiss wie Jimi Hendrix! (lacht)

Wichtig: Reisen und an einem Ort verweilen …

Wichtig: Reisen und an einem Ort verweilen …
Wichtig: Reisen und an einem Ort verweilen …

Was interessiert Sie am Filmemachen?
Der gesamte Entstehungsprozess. Bei der Recherche habe ich etwa 50 Künstler und Künstlerinnen besucht. Danach musste ich mich entscheiden, was ich zeigen will und wer im Film vorkommen soll. Mit dem Drehbuch galt es dann, die Finanzierung sicherzustellen, was sich allerdings als sehr schwierig erwies ...

Trotz des Erfolgs mit «Bödälä – Dance The Rhythm», der 2010 an den Solothurner Filmtagen den Publikumspreis gewann?
In den Fördergremien schien die Meinung vorzuherrschen, dass «Melody of Noise» fürs Kino zu experimentell und nicht mehrheitsfähig wäre. Dabei geht er doch uns alle an, wir alle haben Ohren!

Wie konnten Sie ihn trotzdem realisieren?
Dank der Kantone St. Gallen, Bern und Appenzell Ausserrhoden und weil das Fernsehen SRF eingestiegen ist. Die Dreharbeiten zogen sich fast vier Jahre hin. Inzwischen führte ich deshalb bei der Produktion «Karambolage» über den Polizeifotografen Arnold Odermatt Regie.

Müssen Sie Opfer bringen, um Ihre Leidenschaft leben zu können?

So würde ich das nicht nennen. Natürlich bringt mir der Beruf keinen materiellen Luxus ein, aber der ist mir auch nicht wichtig. Ich empfinde es als unglaublichen Luxus, das tun zu können, was ich gerne mache.

.. sowie Rudern, frühmorgens auf dem Zürisee.

.. sowie Rudern, frühmorgens auf dem Zürisee.
.. sowie Rudern, frühmorgens auf dem Zürisee.

Wie kamen Sie zum Film?
Ich habe in Zürich und New York Fotografie und Kunst studiert, bevor ich auf die Idee kam, das Multimedia-Projekt meiner dortigen Theatergruppe zu filmen, um es europäischen Veranstaltern vorstellen zu können. Schliesslich entstand 1987 daraus mein erster Spielfilm «Don’t Stand on the Ocean».

Wie haben Sie die zehn Jahre, die Sie in New York lebten, geprägt?
Für die Tochter eines Taxichauffeurs und einer Verkäuferin im Zürcher Arbeiterquartier war es keineswegs selbstverständlich, dass ich Kunst zu meinem Beruf machen wollte. Deshalb war diese Luftveränderung unheimlich wichtig. In New York war es in den 80er-Jahren für jemand aus meinem Milieu und insbesondere für eine Frau viel selbstverständlicher, sich kreativ zu betätigen.

Hatten Sie dort mit anderen Ausland-Schweizern Kontakt?
Ich habe acht Jahre mit dem Filmemacher Peter Volkert zusammen gelebt, wollte ansonsten jedoch möglichst schnell Teil des Schmelztiegels New York werden. Später lernte ich Linda Geiser kennengelernt, die 2004 die Hauptrolle in «Lilo & Fredi» spielte.

Wo steht die Schweiz in Sachen Gleichberechtigung am Tag der Frau 2016?
Ich finde, dass sie noch lange nicht erreicht ist. Noch immer erhalten Frauen für die gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn und die Hürden, die sie auf dem Weg in die Chefetage überwinden müssen, sind noch immer viel höher. Ebenso werden Männern, die sich Teilzeit um ihre Kinder kümmern wollen, Steine in den Weg gelegt. Dazu passt, dass das Frauenstimmrecht bei uns erst 1971, kurz vor Bahrein, Oman und Kuweit eingeführt wurde.

Welche Erfahrungen machen Sie im Filmbusiness?
Ich hatte fast mehr mit meiner Herkunft zu kämpfen als mit dem Frausein. Allerdings ist statistisch erwiesen, dass Frauen weniger Geld aus den Filmtöpfen erhalten. Ich glaube auch, dass es ­bestimmte Themen, gerade ­solche, die vielleicht eher Frauen ansprechen, auch heute noch schwerer haben.

Haben Sie deshalb seit «Lilo & Fredi» keinen Spielfilm mehr gedreht?

Primär sind Spielfilme viel kostspieliger und deshalb schwieriger zu finanzieren als Dokumentarfilme. So konnte ich keines der Drehbücher, die ich in der Zwischenzeit geschrieben hatte, realisieren. Nun ist jedoch meine Adaption des Romans «Hochzeitsflug» von Yusuf Yesilöz auf gutem Weg. Er handelt vom schwierigen Coming-out eines 17-jährigen Secondos, der in seiner türkischen Heimat zwangsverheiratet wird. Eine Emanzipationsgeschichte der anderen Art.

Vier Daten im Leben von Gitta Gsell

1977 Beginn der Kunstschule F & F für experimentelle Gestaltung.
1980 Sie geht zum Kunst- und Fotografiestudium nach New York.
1990 Rückkehr nach Zürich – und der Liebe wegen geblieben.
2016 Am 10. März startet ihr neuer Dokurmtarfilm «Melody of Noise».

Trailer zum Dokumentarfilm «Melody of Noise»

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 07.03.2016, 15:00 Uhr

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