Laurent (32) und Laetitia (28) geniessen ihren exklusiven Glamping-Aufenthalt.

Glamping: Glamour und Camping

Eine neue Touristengeneration liebt es, in der freien Natur zu übernachten, möchte jedoch auf Komfort oder gar Luxus nicht verzichten.

Laurent und Laetitia Gossauer, ein junges Elternpaar aus Travers NE, gehört zu den Neocampern: jüngere Menschen, welche die Authentizität und den abenteuerlichen Touch des Campierens der «klassischen» Nacht in einem Hotel vorziehen. Authentizität ja, aber in gediegenem Rahmen. «Ich hasse es, auf dem Boden zu schlafen», erzählt Laetitia, die mit dem traditionellen Camping nie viel am Hut hatte. Zelt, aufblasbare Matratze, Schlafsack, Pfannen und all das nötige Material mitschleppen – nein danke, Erholung sieht für sie anders aus. Das Paar zieht es vor, mit leichtem Gepäck anzureisen und von einem speziellen Ambiente mit einem richtigen Bett zu profitieren.

Glamping auf dem Campingplatz

  • In der Cabane, Sion VS
  • Im Pod, Vésenaz GE
  • Im Nostalgiewagen, Buochs NW
  • Im Tipi, Disentis GR
  • In der «SwissTube», Gwatt BE
 

Ein paar Kilometer von ihrem Wohnort entfernt befindet sich in La Coué im Val de Travers ein Familienbauernhof mit einem Zeltplatz. Die Bauernfamilie bietet dort seit Kurzem Übernachtungen in einem hochkomfortablen Zelt an. Dieses ist in den Bäumen aufgespannt und hatte sofort grossen Erfolg. Die Verantwortliche dieser unkonventionellen Unterkunft, Carole Beck, die den internationalen Trend kennt, hat ihr Angebot «Tree Glamping» getauft: «Tree» für Baum, «Glamping» für die Wortschöpfung aus Glamour und Camping. Familie Beck kann sich vor Reservationen kaum mehr retten – dank Plattformen wie Airbnb, die dem Angebot sowohl in der Schweiz als auch im Ausland eine starke Präsenz bieten. Der Hof der Becks ist seit rund zwei Jahrzehnten für das Schlafen im Stroh bekannt, das vor einigen Jahren ebenfalls einen Hype erlebte. Doch diese damals trendige Art zu übernachten ist heute nicht mehr in. «Seit etwa vier Jahren ist der Zeltplatz dafür umso beliebter. Immer mehr Gäste kommen mit ihrem Wohnmobil oder ihrem VW-Bus», bemerkt die Campingplatzbesitzerin Isabelle Beck.

Zunahme der Übernachtungen

Letztes Jahr verzeichneten die Schweizer Campingplätze gegenüber 2015 eine Zunahme der Anzahl Übernachtungen von 4,9 Prozent. Obwohl der Zuwachs an ausländischen Touristen gross ist (+ 14,4 Prozent), besteht die Mehrheit der Gäste aus Schweizern. Glamper – wie Laetitia und Laurent – tragen gemäss befragten Mitgliedern verschiedener Verbände von Campingplatzbesitzern sowie von Campingplatzbenutzern zu diesen erfreulichen Zahlen bei.


Schweizer Campingplätze bieten neben Wohnmobilen und Plätzen für die Zelte immer mehr komfortablere Übernachtungsmöglichkeiten. Pods (eine Art «Iglu»), Tipis, Lodges, Wohnwagen … die Formen variieren, aber das Ziel bleibt dasselbe: eine neue Kundschaft damit anzusprechen. Die wetterabhängigen Campingplätze erleiden – oder erlitten vielmehr – in regnerischen Sommern Einbussen bei der Besucherzahl. Doch mit den überaus trendigen neuen Übernachtungsmöglichkeiten haben die Neocamper ein zuverlässiges Dach über dem Kopf. Sie müssen nicht mehr mit ansehen, wie ihre Habseligkeiten durchnässt werden, weil das Zelt undicht ist oder gar vom Winde verweht wird. Aber der Komfort beschränkt sich nicht auf die speziellen Glampingangebote. Mary-Claude Eggen, Vorsteherin des waadtländischen Camping- und Caravaning-Clubs in Villeneuve VD, campiert schon seit 1981! Und sie beobachtet einen generellen Wandel in Richtung Individualität und Komfort: «Die Campingplätze erneuern ihre Infrastruktur. Auf den Plätzen wird immer mehr Raum für die Privatsphäre abgetrennt.»

Beim Glamping im Val de Travers darf natürlich auch eine Absinth-Degustation auf dem Hof von François Beck (links) nicht fehlen.

Beim Glamping im Val de Travers darf natürlich auch eine Absinth-Degustation auf dem Hof von François Beck (links) nicht fehlen.
http://www.coopzeitung.ch/Glamping_+Glamour+und+Camping Beim Glamping im Val de Travers darf natürlich auch eine Absinth-Degustation auf dem Hof von François Beck (links) nicht fehlen.
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Ihre Unterkunft bietet Ihnen garantiert mehr Sterne als jede Herberge oder jedes Palace Hotel.»

Campingplatz oder Hotel?

Die Nacht in einem Luxuszelt hat ihren Preis. In La Coué zahlt man für zwei Personen mit Frühstück unter der Woche 240 und an Wochenenden sowie Feiertagen 280 Franken pro Nacht. Warum also kein Hotelzimmer, wenn die Preise doch vergleichbar sind? «Es ist ein Geschenk, das man sich von Zeit zu Zeit gönnt», erklärt Laurent. Laetitia wirft ihrem Mann einen zustimmenden Blick zu: «Ein Hotel finde ich unpersönlich und meist ist es in der Stadt. Wir lieben es, in der Natur und im Sommer mit dem Velo unterwegs zu sein oder im Winter die Schneeschuhe anzuschnallen.» In bequemer Kleidung und mit leichtem Gepäck nimmt das Paar den Weg über einen kleinen Hügel in Angriff, der sie zu ihrem behaglichen Nest führt. Über eine Leiter gelangen sie ins Zelt in den Bäumen. Die aufgehängte Konstruktion ist nichts für Menschen mit Höhenangst, denn sie befindet sich mehrere Meter über dem Boden und bietet ein 360-Grad-Panorama. Ein Aufenthaltsbereich unter freiem Himmel sowie ein grosses Bett warten auf die beiden Verliebten.

Sinnlich und romantisch: das Baumzelt in La Coué im Val de Travers.

Sinnlich und romantisch: das Baumzelt in La Coué im Val de Travers.
http://www.coopzeitung.ch/Glamping_+Glamour+und+Camping Sinnlich und romantisch: das Baumzelt in La Coué im Val de Travers.

Der Glamping-Trend ist international. Der Begriff umfasst sowohl eine günstige Unterkunft mit nur gerade einer Matratze als auch eine Nacht in einem höchst luxuriösen Zelt mit Aufenthaltsbereich, Schlafbereich, Terrasse etc. Eine Spitzenposition nehmen in der Schweiz die Whitepods in Les Giettes im Wallis (290 bis 590 Franken pro Pod im Sommer, 390 bis 690 Franken im Winter) und der Glasdiamant von La Pinte du Vieux Manoir am Murtensee (830 Franken für zwei Personen in der Hochsaison) ein. Weitere Angebote finden Sie bei MySwitzerland, klicken Sie dazu auf «Unterkunft» und wählen Sie «Campingplätze» unter www.myswitzerland.com/de

Ob nur komfortabel oder schon luxuriös – wie auch immer Glamping definiert wird: In diesem Sektor hinkt die Schweiz den Nachbarländern noch hinterher. Doch nicht mehr lange, wenn man das rasant wachsende Angebot auf den traditionellen Campingplätzen in Betracht zieht oder einen Blick auf die neuen ehrgeizigen Projekte wirft, wie zum Beispiel auf die Hütten und Baumhäuser des Camping Saignelégier JU, die schon 2018 bezugsbereit sein dürften.

Egal, ob Sie nun zu den hartgesottenen oder zu den anspruchsvolleren Campern gehören: Ihre Unterkunft bietet Ihnen garantiert mehr Sterne als jede Herberge oder jedes Palace Hotel.

Hocharchitektur in den Bäumen

Architekten aus aller Welt haben an der Gestaltung der Hütten und Baumhäuser auf dem Camping Saignelégier JU im Herzen der Freiberge mitgeholfen. Das Projekt mit Kosten von geschätzten 800 000 Franken befindet sich noch im Stand-by-Modus, könnte jedoch bereits nächstes Jahr realisiert werden. Die Hütten passen sich perfekt in den Wald ein und ermöglichen so ein neues Campingerlebnis.

Ein Baumhausprojekt, das auch stilistisch keinerlei Wünsche offen lassen wird.

Wer die Höhe scheut, findet auch architektonisch herausragende Waldhütten.

Olivier Grützner Leiter Tourismus & Freizeit beim TCS

Olivier Grützner Leiter Tourismus & Freizeit beim TCS
http://www.coopzeitung.ch/Glamping_+Glamour+und+Camping Olivier Grützner Leiter Tourismus & Freizeit beim TCS

Vom Zelt zur Luxushütte: Camping hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Wir sprachen darüber mit Olivier Grützner, Leiter Tourismus und Freizeit beim Touring Club Schweiz.

Seit wann beobachten Sie diesen Trend des Campings mit allem Komfort?
Die ersten möblierten Zelte und Bungalows tauchten schon vor mehr als zehn Jahren auf den TCS-Campingplätzen auf, aber der Trend hin zum Glamping zeichnet sich erst seit ein bisschen mehr als einem Jahr mit den Neocampern ab. Wie die traditionellen Camper den Verkauf von Campingwagen stark ankurbeln, mobil sind und in der ganzen Welt herumkommen, ermöglichen es die Neocamper, die dadurch entstandenen Einbussen bei den Übernachtungen in der Schweiz wettzumachen.

Sind Neocamper keine traditionellen Camper, die einfach ihre Gewohnheiten ändern?
Nein, es handelt sich dabei um eine neue Kundschaft. Es sind vor allem Familien mit kleineren Kindern, die in der Stadt wohnen.

Wie erklären Sie sich die Begeisterung für Glamping?
Jegliche Form des Campierens ist en vogue und gehört sogar zu den Megatrends. Die Leute suchen das Abenteuer. Diese Ferienart bietet viel Freiheit – man kann zum Beispiel in den Badehosen spazieren gehen – und vertieft die Beziehung zu Freunden und Familie. Neocamper können auf diese Weise Neues erleben, ohne auf Gratis-WiFi oder ein Restaurant verzichten zu müssen. Die ganze Infrastruktur ist darauf ausgelegt, ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Und das Wetter ist auch kein Problem mehr: Wenn es regnet, bleiben sie im Trockenen.

Wer campiert mehr? Die Romands oder die Deutschschweizer?
Die Deutschschweizer, denn sie sind in der Überzahl. Ausserdem campieren Romands nach meinen Beobachtungen oft in Frankreich, während Deutschschweizer ihre Ferien lieber im eigenen Land verbringen. Aber die Gästeschar der Campingplätze wird auch immer internationaler, zum Teil auch, weil die hochkomfortablen Unterkünfte über Plattformen wie booking.com online gebucht werden können.

Die Grenze zwischen Parahotellerie und Hotellerie verwischt immer mehr – wohl auch wegen der Preise der Übernachtungen, die sich angleichen …
Absolut. In Frankreich, wo Glamping am weitesten entwickelt ist, spricht man von «Open-Air-Hotellerie». Ich denke, dass dieser Begriff den neuen Trend perfekt umschreibt. Die Campingplätze verwandeln sich zunehmend in Feriendörfer.

Links zu Glampingangeboten

Mietunterkünfte beim TCS
Campingplätze auf MySwitzerland.com
Informationen zur Cabane dans les Arbres
Details zum Camping Saignelegier

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Text:
Jasmina Slacanin
Foto:
Charly Rappo, Infografik: Caroline Koella
Veröffentlicht:
Montag 07.08.2017, 09:00 Uhr

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