Glückssache Aufbau

Eine Anleitung, viel Stoff und noch mehr Stangen.

Sybil Schreiber: Eine gute Idee, unser neues Buszelt vor den Ferien schon mal aufzubauen. Sozusagen als Hauptprobe. Wir fahren auf eine Waldlichtung. Vergnügt mahne ich: «Das ist ein Testlauf ohne Streit!»

Als Schneider das Zelt aus dem VW-Bus hievt, ächzt er und klagt, das sei für diese Grösse erstaunlich schwer. Ich schmunzle über die rein zufällige Ähnlichkeit mit ihm selbst.

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Auf der Anleitung sieht das aber ganz anders aus.»

Wir breiten eine Blache aus, die den Umfang eines Fallschirms hat. Habe ich das richtige Zelt gekauft? Sieht eher aus wie ein Zweitwohnsitz für eine Grossfamilie.
«Das ist die falsche Seite, das ist die Rückwand», sage ich. Schneider murrt: «Dieses Zelt hat keine Rückwand, es ist ein Buszelt.»
«Aber auf der Anleitung sieht das anders aus. Da stimmt was nicht.»
«Bei dir sind immer die anderen schuld», mosert er.
«Wir haben abgemacht, nicht zu streiten.»
«Ich streite nicht, ich versuche nur, dieses Ding hier aufzubauen», behauptet er und zerrt unsinnig an den Leinen. Da bläht ein Windstoss das Zelt am Boden jäh auf, derart heftig, dass Schneider hinterherrennen muss. Ich hechte zu ihm und wir landen samt Flugobjekt auf dem Acker.
«Das war knapp», ruft Schneider atemlos.
«Wenigstens liegt es jetzt richtig herum», sage ich.

Steven Schneider: Mit Schreiber ein Zelt aufzubauen ist schwieriger, als ein Zelt ohne sie aufzubauen. Ihr das zu sagen ist freilich auch nicht einfach. Und weil es ihr Geburtstagsgeschenk ist, baue ich es zähneknirschend zusammen mit ihr auf. Zu allem Übel gleichen die Teile, die wir jetzt in der Hand halten, keineswegs den Teilen in der Anleitung. Schreiber regt sich fürchterlich auf, fotografiert mit ihrem Handy jede einzelne Zeltstange und schimpft über den Hersteller. 

Ich sehe das anders: «Wir verstehen das Ganze noch nicht richtig.»
«Quatsch, die Zelttasche wurde nach dem Zufallsprinzip gefüllt! Von irgendeiner Dumpfbacke, die keine Ahnung von Camping hat!»
Ich sehe das anders: «Am besten drehst du mal eine Runde und ich mache hier alleine weiter.»

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Sie schnaubt. Aber sie geht. Endlich.»

Ich habe bisher jedes Ikea-Teil zusammengekriegt, es ist also nur eine Frage der Zeit und der Ruhe. Nach einer Stunde steht das Buszelt stramm am Auto. Auch Schreiber steht nun neben mir, die Hände eingestützt und sagt: «Da hat der Hersteller ja noch mal Glück gehabt.»
Ich sehe das anders: «Nein, du hast Glück gehabt. Mit mir! Die einen sind bloss Hersteller; ich aber bin ein Aufsteller!»

 (Coopzeitung Nr. 25/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 16.06.2014, 00:00 Uhr

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