Im Juli 2015 trat Katie Melua in Murten auf. An der Schweiz gefällt der 32-Jährigen die «eigenartig inspirierende Luft».

Grenzgängerin: «In Georgien gibt es keine Romantik»

Auf ihrem neuen Album mixt Katie Melua englischen Pop mit georgischem Chorgesang. Die Schweiz empfindet die Musikerin als «eigenartig inspirierend».

Katie Melua, als Erstes eine Frage aus einem Ihrer neuen Songs: «Wenn alle Ihre Träume brennen würden, welchen würden Sie retten?»
Aaaah (lacht)! Da müsste ich spontan antworten können – aber das ist nicht der Fall. (Überlegt eine Weile). Mist!

Vielleicht das Konzert im Weltraum, von dem Sie einst träumten?
Oh nein (winkt ab). Wenn ich es mir recht überlege, habe ich nur einen grossen Traum: Ich möchte als Komponistin und Lyrikerin wachsen.

Was haben Sie persönlich zum neuen Album beigesteuert?
Die vier neuen Eigenkompositionen sind alle von mir, auch wenn ich sie teilweise mithilfe von Musikerfreunden geschrieben habe. Die Lieder, in denen der Frauenchor zu hören ist, sind osteuropäische Traditionals. «The Little Swallow» war im Film «Kevin – Allein zu Haus» zu hören. Als ich entdeckte, dass es im Original ein ukrainisches Lied ist, wollte ich es unbedingt in dieser Sprache singen. Und «All-Night Vigil – Nunc Dimittis» von Rachmaninov ist eine der grössten Errungenschaften klassischer Chormusik.

Ihr neues Album ist stark von klassischer Musik geprägt und Sie singen erstmals in Ihrer Muttersprache. Wie kam das?
Als ich den Gori Women’s Choir in Georgien besuchte, war ich wie hypnotisiert von dessen Kraft und Präzision: 24 weibliche Stimmen klingen wie eine einzige. Aber mir war nicht klar, wie das zu meiner Musik passen könnte. Erst als ich wieder in England war und der Winter näher kam, realisierte ich, dass ich dieses Album machen muss, weil ich es unbedingt selber hören wollte.

Das Album klingt schwerer und dunkler als die bisherigen. Auch Ihre Cover-Version von Joni Mitchells «River» ist weniger hell und leicht als das Original.
Der Charakter georgischer Musik und Kunst ist dunkel und schwer. Landschaft und Berge sind dramatisch, die Sprache ist guttural. Das ist wie ein Gegenpol zur englischen Raffinesse, Feinheit und Höflichkeit. Meine vorherigen Alben waren stark von englischen Gedanken und Gefühlen geprägt. Das neue Album ist eine Art kulturelle Mischform.

Ist es das, was Ihre Fans hören möchten?
Darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Um ehrlich zu sein: Die Erwartungshaltung der Fans kann ganz schön beängstigend sein. Nur ein Roboter wäre davon nicht beeindruckt. Deshalb versuche ich vor einem neuen Album jeweils, mich in ein fiktives Ich zu versetzen, das weder auf das Vorantreiben einer Künstlerkarriere noch auf die Musikindustrie Rücksicht nehmen muss. Das ist mir dieses Mal gut gelungen.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie mit Musik keinen Erfolg gehabt hätten?
Ich würde sicher etwas machen, das mit Musik zu tun hat. Vielleicht in einem Musikladen arbeiten. Und ich wäre wohl Mitglied des Chors an meinem Wohnort. Aber wissen Sie was? Wenn ich nicht als Kind nach England gegangen wäre, hätte ich wohl kaum die Möglichkeit gehabt, mich als Musikerin zu etablieren. Ich dachte immer, in Georgien wäre meine Rolle auf die der Ehefrau, Mutter und Hausfrau beschränkt geblieben. Die Arbeit an meinem neuen Album hat mein Schwarz-Weiss-Bild dieses «parallelen Lebens» zunichtegemacht. In Georgien haben die Menschen eine ganz andere Art, Kunst und Kultur zu begegnen. Manches davon ist besser als das, was ich im Westen erlebt habe.

«

Musik macht uns einen Moment lang wieder zu Kindern.»

Können Sie ein Beispiel nennen?
Englische Kultur und ihre Musik beeinflusst zweifellos die Welt. Aber nach meiner Erfahrung setzt man einem künstlerischen Problem zu wenig Logik oder Kreativität entgegen. Man denkt, Talent ist etwas Gottgegebenes und nicht etwas, das man sich hart erarbeiten muss. In Georgien gibt es da keine Romantik: Es gibt nur eine Methode, und die beginnt mit Disziplin. Diese Vorgehensweise ermöglicht eine Hoffnung und ein Licht, wie ich sie bisher bei meinem eigenen kreativen Schaffen nicht erlebt hatte.

Ihr Vater war früher Herzchirurg. Sie können mit Ihrer Musik vielleicht gebrochene Herzen heilen. Haben Sie über diese Verbindung schon einmal nachgedacht?
Ein sehr schöner Gedanke. Aber ich muss Ihnen sagen: Als ich 13 Jahre alt war, nahm mich mein Vater in Belfast am Vater-Tochter-Tag mit ins Spital und liess mich bei einer Bypass-Operation am offenen Herzen zuschauen. Das sieht nicht hübsch aus und ist alles andere als romantisch.

Verlassen wir die Musik. Sie probieren gerne lokale Spezialitäten aus. Was aus der Schweizer Küche hat Sie begeistert?
Es wäre toll, wenn das mit dem Probieren immer klappen würde. Was mir an der Schweiz aber besonders gefällt, ist diese eigenartig inspirierende Luft. Das ist mir erst klar geworden, als ich über Rachmaninovs Leben gelesen habe. Er wurde in eine gut situierte russische Familie geboren. Als 1917 die Revolution das ganze Land veränderte, flüchtete seine Familie auf einem Schlitten durch Skandinavien und gelangte nach Amerika. Dort jedoch wurde Rachmaninov depressiv und litt unter einer starken Schreibblockade. Erst als er in die Schweiz zog, kam seine Muse zurück. Auch der Dichter Rilke schrieb einige seiner besten Stücke in der Schweiz. Aber welches Essen würden Sie mir denn empfehlen?

Nun, Sie sind ja eine Käse-Liebhaberin. Da muss Ihnen die Schweiz wie das Paradies vorkommen.
Oh yes, Cheeeeeese! Den mag ich wirklich sehr gerne.

Ihr Kindheitsidol war Schauspielerin Sigourney Weaver, und zwar wegen ihrer Rolle im Science-Fiction-Horror-Klassiker «Alien». Wussten Sie, dass das Design des Filmmonsters vom 2014 verstorbenen Schweizer Künstler H. R. Giger stammt?
Ehrlich? Wow, das wusste ich nicht … Was ich an diesem Film so faszinierend finde, ist Sigourney Weavers Rolle. Sie spielt eine unglaublich powervolle Feministin – und sie tötet die 
Alien-Mutter und auch alle ihre kleinen Babys. Das ist ein starkes Symbol für die weibliche Revolution im 20. Jahrhundert.

Wenn Sie einen Ausserirdischen treffen würden – einen umgänglicheren als den im Film! – wie würden Sie ihm Ihre Musik beschreiben?
Ich hätte wohl schon Mühe, Musik im Allgemeinen zu beschreiben. Ich glaube, Musik ist eines dieser Dinge, die uns wieder zu Kindern macht, während wir sie hören. Musik wirkt auf der Ebene der Fantasie. Es handelt sich um ein Wechselspiel zwischen einem selber und dem Lied, das man hört. Dabei sind der Fantasie absolut keine Grenzen gesetzt. Das ist jedenfalls, was ich mit meiner Musik zu erreichen versuche.

Praktizieren Sie immer noch so wilde Sachen wie Skydiving und Bungee-Jumping?
Nein, das war früher einmal. In meinen Zwanzigern habe ich oft solche Dinge gemacht. Aber jetzt bin ich 32 ...

… und kein Adrenalin-Junkie mehr?
Nun, ich bin noch Adrenalin-Junkie genug, um immer wieder die Konzertbühne zu erklimmen (lacht).

Ihre georgischen Wurzeln sind Teil ihrer Musik: Katie Melua.

Ihre georgischen Wurzeln sind Teil ihrer Musik: Katie Melua.
Ihre georgischen Wurzeln sind Teil ihrer Musik: Katie Melua.

Katie Melua (32) hat über zehn Millionen Alben und mehr als eine Million Konzerttickets verkauft. Jetzt kommt die englische Sängerin in die Schweiz: Am 19. November spielt sie im Musical-Theater Basel und am 20. November im Kongresshaus Zürich. Mit im Gepäck ihr siebtes Album «In Winter», mit dem sie musikalisch neue Wege beschreitet und zu ihren georgischen Wurzeln zurückkehrt. 

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