Franziska und Thomas Leuenberger in ihrem Schrebergarten in Zürich. Hier tanken sie Kräfte für ihren strengen Arbeitsalltag.

Grünes Refugium: Die Oase in unserem Leben

Von einem Stück Natur mit Blumen, eigenem Gemüse und einer Laube träumen viele. Wir erkunden drei spannende, multikulturelle Schrebergärten.

Selber reden die Vereinsmitglieder von ihrem Familiengarten oder Kleingarten. Die Bezeichnung Schrebergarten ist eher verpönt. Sie geht auf den Leipziger Arzt Moritz Schreber (1808–1861) zurück, dem die Gesundheit der Jugend am Herzen lag – auf rückblickend etwas seltsame Art. Er tüftelte an Geräten zur Verhinderung des Masturbierens und wollte junge Städter durch Arbeit in Armengärten erziehen. Er hatte also klare Vorstellungen davon, wo starke Triebe willkommen sind und wo nicht. Jedenfalls wurde die erste solche Anlage nach ihm benannt.

Thomas Leuenberger kümmert das wenig. Fragt man den 33-Jährigen nach dem schönsten Ort Zürichs, lautet die Antwort «unser Schrebergarten», denn seine Frau Franziska ist so aktiv dabei wie er. Die Norddeutsche und der Zürcher lernten sich vor acht Jahren in einem Restaurant kennen und lieben, wo er als Koch, sie als Restaurationsfachfrau arbeitete. Bald zogen sie zusammen und schmiedeten Reisepläne. Als klar war, dass es für mehrere Monate von Neuseeland über den Pazifik in die USA gehen sollte, kam bei ihm – für sie sehr überraschend – der Wunsch nach einem eigenen Schrebergarten auf. «Das schien mir zu dem Zeitpunkt eine Schnapsidee!», erinnert sich die heute 32-Jährige. Als sie aber ihrem Masseur davon erzählte, stellte sich heraus, dass dieser Präsident des Familiengartenvereins Aussersihl war, in der Häuschen zu kaufen waren. So kamen die zwei 2012 fast schneller zur grünen Oase als erträumt. Ihre Weltreise, die in Las Vegas zur Hochzeitsreise wurde, überstand der Schrebergarten unter der Obhut von Freunden.

Familiengarten Aussersihl: Thomas Leuenberger serviert seiner Franziska selbst gemachten Kuchen.

Familiengarten Aussersihl: Thomas Leuenberger serviert seiner Franziska selbst gemachten Kuchen.
http://www.coopzeitung.ch/Gruenes+Refugium_+Die+Oase+in+unserem+Leben Familiengarten Aussersihl: Thomas Leuenberger serviert seiner Franziska selbst gemachten Kuchen.

Tomaten streicheln

Oft verbringt das Paar im Garten mit dem taubenblau gestrichenen Häuschen seine Freizeit  – wobei diese nicht allzu reich bemessen ist. Franziska ist Betriebsleiterin im Restaurant Limmathof und er hat das Lokal «Coffee Zürich» eröffnet. «Unsere Wohnung, der Garten und das Kaffee liegen zum Glück alle in Zürich Wiedikon», erklärt Thomas, der in seinem Lokal nicht nur Kaffeespezialitäten, sondern samstags auch einen Brunch anbietet und meist zehn bis zwölf Stunden arbeitet. «Schon als Koch in Toprestaurants merkte ich, wie gut ich im Garten abschalten kann», sagt er und holt Brombeeren vom Strauch, die als Dekor auf dem selbst gebackenen Quarkkuchen landen. Franziska schneidet junge Brombeerblätter, die sie zu Tee trocknet. Dem Paar ist die Erntezeit im Garten die liebste. Und zu ernten gibt es viel: Mangold, Bohnen, Chilis oder Rüebli. Thomas habe enorm Freude an den Tomaten, die er manchmal sogar streichle, verrät Franziska ein bisschen spöttisch. Darauf nennt er sie «Struppi» und erklärt, er prüfe nur, welche Tomaten demnächst aufplatzen. «Dann sind sie am allerbesten!», erfahren wir.

Leuenbergers geniessen auch den Austausch mit den Mitgärtnern. Sie rühmen, wie gut es zwischen den diversen Nationalitäten klappe und Berufsunterschiede würden ebenfalls keine Rolle spielen. «Ob Chefredaktor oder Büezer, im Garten sind wir alle gleich», bekräftigt Thomas, der wohl etwas mehr tätowiert ist als andere hier. Junge Gärtner seien übrigens voll im Anmarsch, das gelte aber auch für die deutlich weniger willkommenen Dachse. Die im Zürcher Stadtgebiet geschützten, nachtaktiven Räuber kennen sich bei den reifsten Erntestücken nur zu gut aus. «Vom Feigenbaum brachen sie einen Ast ab und verputzten alle Früchte», erinnert sich Franziska. Da kommt der ganze Kaffeesatz, der in Thomas’ Lokal anfällt, im Garten gerade recht: Den mögen die Dachse nämlich gar nicht!   

Die Sehnsucht nach einer grünen Oase kam in der Schweiz im Zuge der Industrialisierung um 1900 auf. Viele Menschen zogen vom Land in eine Stadt, um in Fabriken zu arbeiten. Weil sie nicht auf eigenes Gemüse verzichten wollten, hielten sie Ausschau nach Gärten. So entstanden um Städte wie Zürich und Basel die ersten Schrebergartenanlagen. Die Parzellen werden von Vereinen verwaltet und günstig verpachtet. Der 1925 gegründete Schweizerische Kleingärtnerverband zählt heute 24 500 Mitglieder.

Giuseppe und Lidia Assante im Bottigenmoos in Bümpliz. Im Dokumentarfilm «Unser Garten Eden» erlebte man ihn als Schrebergartenvereinspräsident.

Giuseppe und Lidia Assante im Bottigenmoos in Bümpliz. Im Dokumentarfilm «Unser Garten Eden» erlebte man ihn als Schrebergartenvereinspräsident.
http://www.coopzeitung.ch/Gruenes+Refugium_+Die+Oase+in+unserem+Leben Giuseppe und Lidia Assante im Bottigenmoos in Bümpliz. Im Dokumentarfilm «Unser Garten Eden» erlebte man ihn als Schrebergartenvereinspräsident.
«

Der Coiffeur mit italienischen Wurzeln verkörpert meisterlich die Kontrolle der Gartenordnung»,»

Der Film-Präsident

Das vielleicht berühmteste Schrebergartenmitglied ist in der Schweiz Giuseppe Assante. Als der Film «Unser Garten Eden» 2010 im Kino lief, kam es vor, dass er auf dem Berner Bundesplatz um Autogramme gebeten wurde. Denn als Präsident der Schrebergartensiedlung Bottigenmoos in Bern Bümpliz hatte er im Dokumentarfilm eine tragende Rolle. Gedreht hat diesen der kurdisch-syrische Filmer Mano Khalil, der auf ebendiesem Areal selber einen Garten hatte. Was als 20-minütige Reportage vorgesehen war, überzeugte die Fernsehchefs so sehr, dass Khalil einen ganzen Film daraus machen konnte. «In Brüssel gewann Mano sogar einen europäischen Filmpreis», erinnert sich der heute 68-jährige Giuseppe Assante. Er brachte im Film viele Zuschauer zum Lachen. «Der Coiffeur mit italienischen Wurzeln verkörpert meisterlich die Kontrolle der Gartenordnung», schrieb lobend «Der Bund» in Bern. Etliche seiner Mitgärtner fanden das nicht ganz so lustig und liessen es ihn spüren.

Die Kunden bekommen Gemüse

Es gibt immer etwas zu tun: Franziska Leuenberger in ihrer Oase in Aussersihl.

Es gibt immer etwas zu tun: Franziska Leuenberger in ihrer Oase in Aussersihl.
http://www.coopzeitung.ch/Gruenes+Refugium_+Die+Oase+in+unserem+Leben Es gibt immer etwas zu tun: Franziska Leuenberger in ihrer Oase in Aussersihl.

2011 sind Giuseppe und seine Frau Lidia von allen Ämtern zurückgetreten. Sie kümmern sich im Bottigenmoos um ihre Pflanzen, die sie in Ruhe und mit Vogelgezwitscher geniessen. Sie haben jedoch nichts mehr mit dem Übertreten der Vereinsregeln zu tun, die von den Mitgärtnern aus 28 Ländern oft genug nicht eingehalten wurden. Giuseppes präsidialer Auftritt ist heute nur noch zu erleben, wenn der Film auf SFR wieder gezeigt wird oder auf der DVD, die Assantes in ihrem Coiffeurgeschäft feilbieten.

Wegen dieses Salons sind die beiden auf der Parzelle fast immer sehr elegant gekleidet. «Wir wohnen in Münsingen, der Laden ist wie der Garten in Bümpliz, und wir fahren nach der Arbeit direkt hierher», erklärt Lidia Assante, 63. Dass sie einen Garten haben, merken ihre Kunden daran, dass sie im Sommer Gemüse geschenkt bekommen. «Heute bin ich nur noch Präsident der Tomaten», sagt der seit 50 Jahren in der Schweiz lebende Giuseppe Assante lächelnd. In der Laube, die gemäss Reglement auf einer Seite offen ist, erfahren wir, dass er auch als Coiffeur Furore gemacht hat: 1978 war er Schweizermeister im Herrenhaarschnitt. Den «Coup Hardy» beherrschte er wie kaum einer vor oder nach ihm.

Sie können Tag und Nacht hier sein

Markus und Ruth Müller mit Enkel Kilian und Hund vor ihrem Chalet im Lettenmattgarten in Oberwil.

Markus und Ruth Müller mit Enkel Kilian und Hund vor ihrem Chalet im Lettenmattgarten in Oberwil.
http://www.coopzeitung.ch/Gruenes+Refugium_+Die+Oase+in+unserem+Leben Markus und Ruth Müller mit Enkel Kilian und Hund vor ihrem Chalet im Lettenmattgarten in Oberwil.

Auf allen vier Seiten geschlossen ist hingegen das Chalet von Ruth und Markus Müller im Familiengarten Lettenmatt in Oberwil BL. Es ist ein richtiges Wohnhäuschen, denn hier darf man im Unterschied zu den meisten Anlagen zwar nicht offiziell wohnen, aber übernachten. Müllers tun das, wenn es beim Grillieren spät wird. Sie sind prima eingerichtet. Höchstens der selbst fabrizierte Fotovoltaik-Strom versiege mal – meist gerade, wenns beim Fernsehschauen spannend werde. Kochherd und Kühlschrank funktionieren mit Gasflaschen, geheizt wird mit Öl.
Das Paar erstand das 1939 gebaute Häuschen erst vor sechs Jahren. Da es mit 40 Quadratmetern Wohnfläche etwas grösser ist als heute erlaubt, bezahlen sie neben der normalen Pacht jährlich 200 Franken Strafgebühr. Der Wunsch nach einer Laube kam auf, als sie ihr Einfamilienhaus mit Garten verkauften und in eine Wohnung nach Therwil zogen.

Ihre Liebe gilt den Pflanzen

Im Chalet prüft Markus Müller, ob der Fernseher funktioniert.

Im Chalet prüft Markus Müller, ob der Fernseher funktioniert.
http://www.coopzeitung.ch/Gruenes+Refugium_+Die+Oase+in+unserem+Leben Im Chalet prüft Markus Müller, ob der Fernseher funktioniert.

Ein Leben ohne eigenen Garten konnte sich vor allem Ruth Müller nicht vorstellen. Die 49-jährige Emmentalerin ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Bis zur Geburt des einzigen Sohns arbeitete sie bei Thomy + Franck, wo ihr Mann Markus (64) bis zur Pensionierung als Maschinen-Ingenieur angestellt war. In der Lettenmatt richtete er sich eine Werkstatt ein und baute den Sichtschutz, das Hochbeet und anderes mehr. «Neben dem Technischen schaut er auch, dass etwas auf den Tisch kommt», fügt Ruth Müller an. Sie habe noch nie gern gekocht, umso lieber widmet sie sich ihren Pflanzen. Damit ist sie in guter Gesellschaft, wie die repräsentative Gartenumfrage der Coopzeitung von 2015 zeigte: Über 80 Prozent der Menschen in der Schweiz beschäftigen sich auf die eine oder andere Art mit Gartenarbeit.

Ruth Müller im Teich des Familiengartens Lettenmatt beim Entfernen der fauligen Blätter.

Ruth Müller im Teich des Familiengartens Lettenmatt beim Entfernen der fauligen Blätter.
http://www.coopzeitung.ch/Gruenes+Refugium_+Die+Oase+in+unserem+Leben Ruth Müller im Teich des Familiengartens Lettenmatt beim Entfernen der fauligen Blätter.

Heute kümmert sich Ruth Müller um ihre Wasserpflanzen: Sie will den Teich im Garten von gelben oder braunen Seerosenblättern befreien. Dazu steht sie mit Gummistiefeln im Wasser. «Da ist noch ein ganz grusiges Blatt», ruft vom Ufer Enkel Kilian (4), der mithelfen will. Gern sitzen Müllers in ihrem Lettenmatt-Paradies, wo fast alle Pächter Schweizer sind, gemütlich im Liegestuhl, spielen mit Hund Micki oder blicken ins Feuer. Apropos Feuer: Die von Tüftler Markus fabrizierte Kupferschale war im vorherigen Leben eine Waschmaschine.

Jeder Verein hat Regeln, die sich um die Nutzung drehen: Wie viel Fläche kann wie bebaut werden und wie gross muss der Anteil an Gemüse oder Obst, an Blumen oder Rasen sein. Da das naturnahe Gärtnern gefördert wird, kann (wie etwa in den Städten Basel und Zürich) vorgeschrieben sein, dass biologisch anzubauen ist.

Es kann Vorschriften geben, wie man die eigene Parzelle vor unerwünschtem Einblick von Passanten schützt. Ein gewisser Sichtschutz ist empfehlenswert.

Für die abendliche Beleuchtung des Lauben-Sitzplatzes oder den Betrieb einer Kaffeemaschine empfiehlt sich ein Elektroanschluss – oder Sonnenkollektoren. Regeln gibt es auch zu den Mittags- und Nachtruhezeiten. Hier stimmen Schweizer und fremdländische Vorstellungen vom Feiern nicht immer überein.

Wenn Sie im Sommer nicht täglich giessen gehen können, sollten Sie entsprechend robuste Pflanzen auswählen. Oder Sie setzen auf automatische Bewässerung. Eine Regenwassertonne und Giesskannen sind so oder so nötig, oft darf nicht via Wasserschlauch gegossen werden.

Um überhaupt eine Schrebergarten-Parzelle zu finden, wenden Sie sich an einen Vereinin Ihrer Nähe: www.familiengarten.ch oder www.familiengaertner.ch

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Eva Nydegger

Redaktorin der Coopzeitung

Foto:
Kostas Maros
Veröffentlicht:
Montag 21.08.2017, 10:11 Uhr

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