Gion Stump ist schon seit frühester Kindheit vom Dunklen fasziniert: «Logisch, das Helle sieht man ja schon.»

Grusel-Poet

Menschen erschrecken ist sein Hobby. Musik seine Passion. Worte sein Stilmittel. Gion Stump – ein geistreicher Mensch.

Als Journalist erlebt man so einiges. Ich beispielsweise hatte einmal das zweifelhafte Vergnügen, mit einem längst verstorbenen Menschen kommunizieren zu dürfen – einem Geist. Der war schon lange tot (also nicht der Geist, sondern der Mensch, den er einmal verkörperte).
Noch begeisternder aber ist es, mit einem lebenden Geist zu sprechen. Ja, das gibt es! Stump ist sein Name: Gion Stump. 25-jährig und kein klassisches Schlossgespenst mit weissem Leintuch über dem Kopf und Eisenkugel am Fussgelenk. Gion Stump hat eine Motorsäge in der Hand und versteckt sich in einer Geisterbahn. Er besitzt die Lizenz, seinen Opfern das Grauen in die Glieder zu treiben. Zusammengezählt etwa zwei Wochen im Jahr macht er das, auf Jahrmärkten hauptsächlich in der Deutschschweiz. «Ich will die Menschen an ihre Grenzen bringen», sagt er, der lebende Geist. Seine dunklen Augen funkeln bedrohlich – die schwarzen Augenbrauen geübt nach unten gezogen.
Ein harmloses «Buhuuu ...» gehört dort aber nicht zu seinem verbalen Repertoire. Der St. Galler mit dem Bündner Namen greift zu härteren Stilmitteln: Er mache es oft auf die Psychotour. «Ich rede mit den Menschen, ohne dass sie mich sehen.» Noch grusliger wird es, wenn er den Namen eines Besuchers aufschnappt. «Dann setze ich mich hinten aufs Wägelchen und flüstere ihm diesen während der Geisterbahnfahrt immer wieder ins Ohr.»

Beziehungstöter und Kuppler

Gion Stump ist stets aufs Neue von den Reaktionen seiner Opfer fasziniert. «Jeder Mensch reagiert anders.» Panikattacken, Tränen, Lachen – die ganze Palette menschlicher Gefühlsausbrüche. «Kinder erschrecken kurz und ziemlich heftig», erklärt Stump. Dann gebe er ihnen einen High five und diese erzählen danach stolz ihren Eltern: «Mami, Papi, der Geist hat mich abgeklatscht.»
Reizvoller sei es bei Teenagern. Vor allem bei jungen Männern, die sich beweisen wollen und vor ihren Freundinnen den coolen Macho spielen, dann jedoch die Memme raushängen. In diesem Sinne amtete Gion Stump auch schon als Beziehungstöter. Ein Mädchen gab seinem Freund nach der Fahrt den Laufpass. «Hätte ich gewusst, dass du ein solcher Hosenscheisser bist ...» – doch auch als Kuppler durfte sich der Ostschweizer schon auszeichnen lassen. Wiederum bei einem Teenager-Gespann: «Ich habe den Jungen erschreckt und dieser hatte eine solche Panik, dass er die Hand des Mädchens neben ihm im Wägelchen ergriff.» Diese deutete die Aktion als Annäherungsversuch und setzte ihrerseits zur Kussattacke an. «Seither sind sie ein Paar.»
Das Gespensterlis ging aber auch schon daneben. «Einmal setzte ich mich neben einen bulligen dunkelhäutigen Mann.» Dieser habe nur schallend gelacht und gesagt: «Oh boy ... ich habe im Irakkrieg gedient und Grauenhaftes gesehen, vor dir habe ich bestimmt keine Angst.»

«Das Dunkle kann man entdecken»

Menschen zu erschrecken ist aber nicht die einzige Passion des 25-Jährigen, der Englisch und Geschichte studiert. Seine wahre Leidenschaft gilt der Musik. Als Sänger und Gitarrist der fünfköpfigen Band «Gion Stump & The Lighthouse Project» hat er vor Kurzem das neue Album «Holy Darkness» veröffentlicht. Wie der Titel suggeriert, hat Gion Stump auch in der Musik ein Faible für die dunkle Seite. «Logisch», sagt er, «das Dunkle kann man noch entdecken, das Helle sieht man ja schon.»
Seine Texte hätten aber nichts mit Okkultismus zu tun. Vielmehr sind es menschliche Ängste, dunkle Machenschaften, Figuren am Rande der Gesellschaft oder auch Krieg, die dabei in den Mittelpunkt rücken. Letzteres war für Gion Stump auch Anlass, ein etwas spezielles Projekt zu realisieren. Vor rund drei Jahren vertonte er mit einem St. Galler Laien-Sinfonieorchester Anti-Kriegsgedichte. Die Texte dazu sammelte er auf der ganzen Welt, nachdem er per Zufall auf das Schriftstück eines Soldaten gestossen war, der darin den Abschied von seiner Familie beschreibt. «Das hat mich extrem berührt.» Der Ostschweizer suchte weiter, fand Texte aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, «aber auch aktuellere von Soldaten, die im Irakkrieg dienten.» Mit einigen trat er persönlich via Skype in Kontakt oder traf sie vor Ort. «Erschütternd war, wenn ein Soldat, den ich zum Gespräch getroffen hatte, kurz darauf starb.» Ihre Worte zu singen sei ihm extrem unter die Haut gegangen. Also habe er versucht, das Ganze zu einer Geschichte zu spannen mit dem Tod als Ende.
Mit seiner Band tritt Gion Stump diesen Sommer noch am Sommernachtsfest in Herisau (31. Juli) und am 2. September am Tüüfner Gassefescht auf. Danach widmet er sich in den Herbstmonaten wieder seiner Tätigkeit als lebender Geist. «Vielleicht werde ich die Geisterbahn auch mal besuchen», sage ich. Er entgegnet: «Schön, ich kenne ja jetzt deinen Namen.»

 

Drei Daten im Leben von Gion Stump

April 1999: In einer Geister-bahn wurde ich erschreckt und schwor Rache.

Mai 2004: Nach einem Peter- Gabriel-Konzert schrieb ich meinen ersten Song.

Juli 2012: Bei einem Konzert-Auftritt in England fiel ich von der Bühne.

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