Durch Nachahmen lernen Kinder – und nicht nur trinken. Eltern tun daher gut daran, gute Vorbilder zu sein.

So wird Hänschen zum Hans!

Wie bringt man dem Nachwuchs Manieren bei? Möglichst vorbildlich und zwanglos, raten Experten. Hier die wichtigsten Tipps für Eltern.

Bis 3 Jahre:

  • Beim Brei darf noch gekleckert werden. Kinder lernen aber, dass man nicht mit dem Essen spielt und es nicht anfasst und wieder zurücklegt.

  • «Bitte» und «Danke» sagen und einen Gruss freundlich erwidern

  • Beim Sprechen das Gegenüber anschauen
  • Vor dem Essen und nach dem Toilettengang die Hände waschen
  • Beim Gähnen, Niesen und Husten die Hand vor das Gesicht halten
  • Tiere und Pflanzen respektieren und nicht quälen
  • Eigenes und fremdes Eigentum respektvoll behandeln

4–7 Jahre:

  • Kinder können einfache Mahlzeiten fast kleckerfrei essen und kauen mit geschlossenem Mund.
  • Grüssen, wenn man kommt, und sich verabschieden, wenn man geht
  • Für die Dauer einer Mahlzeit am Tisch sitzen bleiben
  • Nach dem Essen die Zähne putzen
  • In der Öffentlichkeit nicht rülpsen, furzen oder in der Nase bohren 
  • Spielsachen teilen

8–12 Jahre:

  • Spaghetti sind keine Herausforderung mehr. Kinder können bei Tisch das Besteck korrekt halten und benutzen die Serviette.
  • Mitmenschen richtig grüssen und begrüssen können
  • Das Gegenüber aussprechen lassen und zuhören können
  • Die Anreden «Sie» und «Du» unterscheiden
  • Pünktlich sein und sich an Abmachungen halten
  • Älteren oder behinderten Menschen den Sitzplatz in öffentlichen Verkehrsmitteln anbieten
  • Geräuschlos essen

13–17 Jahre:

  • Nun sind auch komplexere Menüs kein Problem mehr. Die Jugendlichen kennen die Tischmanieren und pflegen sie.
  • Eine gepflegte Umgangssprache einsetzen
  • Mitmenschen vorstellen können
  • Um die Wirkung der eigenen Kleidung und Körperhygiene wissen
  • Eine gute Körperhaltung einnehmen
  • Handy- und Raucher-Regeln kennen und beachten



Frage der Woche

«

Benimm-Kurs in der Schule oder Zuhause?»

Sollte das Fach «Benehmen» in Schweizer Schulen unterrichtet werden? Oder ist das einzig Sache der Eltern?

Hier gehts zu weiteren Wochenfragen

Spaghetti wandern von Hand in den mit Tomatensosse umrahmten Mund. Die Wurst beim Metzger wird kommentarlos entgegengenommen, um danach umso lauter weggeschmatzt zu werden. Und nach der Familienfeier streckt der Junior Onkel Paul erst nach so vielen Aufforderungen die Hand entgegen, dass man denken könnte, dieser habe eine ansteckende Krankheit. Eltern kennen solche peinlichen Szenen und fragen sich: Was mach ich falsch, dass meine ansonsten normalen Kinder manche Umgangsformen partout nicht lernen?

Fachleute sind sich einig: Wer möchte, dass sich der Nachwuchs ordentlich benimmt, muss es vormachen. «Sozialisiert werden Kinder ausschliesslich über Vorbilder», sagt Remo Largo, Schweizer Kinderarzt und Autor diverser Erziehungsbücher. «Die Eltern sollten also sich selbst hinterfragen, wenn das Kind nicht so will, wie sie möchten.» Doch das mit dem Vorbild klingt einfacher, als es ist, denn die Vorbildrolle hat viel mit dauerhafter Glaubwürdigkeit, Überzeugungskraft und Konsequenz zu tun. Wenn es Erwachsene mit den Manieren auch nur ab und zu locker nehmen, hat das Folgen. Nicht ohne Grund lieben es Kinder, wenn sie Erwachsene beim Rülpsen oder Nasebohren «erwischen».

Wie sage ich es meinem Kind?

Selbst wenn das eigene Verhalten tadellos ist: Was man seinen Kindern an Benimmregeln zutrauen kann, hängt auch vom Alter ab (siehe «Was sollen Kinder am Tisch können?»). So verfügt ein Dreijähriger noch gar nicht über die nötigen motorischen Fähigkeiten, die Gabel kniggekonform zu halten. Von einem Neunjährigen dagegen kann man durchaus erwarten, dass er den Mund beim Kauen schliesst. Hier ist also immer auch elterliches Augenmass gefordert, sagt Katrin Künzle, Knigge-Trainerin für Kinder und Erwachsene.

Mindestens so wichtig wie der geeignete Zeitpunkt sei die Art und Weise, wie gutes Benehmen vermittelt wird. Auf Sätze wie «Das macht man nicht!» sollte man besser verzichten. «Kinder wollen erfahren, warum man etwas nicht machen soll», erklärt Imageberaterin Lucia Bleuler, die seit fast 20 Jahren Knigge-Kurse für Kinder und Erwachsene durchführt.

Ausserdem, so Bleuler, sei es wichtig, den Vorteil von gutem Benehmen für das eigene Leben aufzuzeigen. Männliche Jugendliche interessierten sich zum Beispiel aktuell besonders für «Gentlemen-Rules», weil diese bei einem Date von Vorteil sein können.

Weniger ist mehr

Obwohl es wichtig ist, Kinder regelmässig an Benimmregeln zu erinnern, sollte man es nicht übertreiben. «Dauerndes Korrigieren führt zu Verkrampfung und schlechter Stimmung», sagt Katrin Künzle. «Ein Familienessen muss Spass machen und darf nicht zur Unterrichtslektion verkommen.» Einfache Regeln wie Händewaschen vor dem Essen, der Gebrauch der Serviette und das Vermeiden von Schmatzen und Schlürfen sollten im Vordergrund stehen. Manche Eltern hoffen, dass ihre Kinder in einem Knigge-Kurs gutes Benehmen lernen. Allerdings reicht ein einmaliger Kurs kaum aus, um aus einem Saulus einen Paulus zu machen. Auch eigneten sich derartige Trainings eher für Kinder, die bereits von Haus aus mit gewissen Umgangsformen vertraut sind, sagt Kinder- und Jugendpsychologe Walter Braun von der Erziehungsberatung Thun. «Für Kinder, die es nicht gewohnt sind, sich an Regeln des Umgangs zu halten und die ihre Bedürfnisse jederzeit befriedigen dürfen, wirkt ein solcher Kurs kaum nachhaltig.»

Auch Erwachsene tun sich schwer

Also müssen doch die Eltern ran, wenn es um die Erziehung der Sprösslinge geht. Allerdings sind Tischmanieren etwas, mit dem sich auch Erwachsene schwer tun, wenn sie es nicht als Kind gelernt haben, sagt Cécile von Mutzenbecher, Stilexpertin und Kolumnistin der Coopzeitung. Lernen würden Kinder dies jedoch nur, wenn sie es mit Höflichkeit vorgemacht bekommen, nicht wenn sie von den Eltern «angeschnauzt» werden. «Mit Höflichkeit kommt man weiter, auch bei Kindern.»

Kinder- und Jugendpsychologe Georges Steffen, Leiter der Schul- und Erziehungsberatung Graubünden.

Coopzeitung: Wie bringt man Kindern gutes Benehmen bei?
Georges Steffen: Eltern sollten erwünschtes Verhalten altersgerecht, liebevoll und klar benennen, ohne die Kinder unter Druck zu setzen. Lob ist wichtig, darf aber nicht übertrieben oder unpassend eingesetzt werden.

Wie häufig sollen Eltern ihre Kinder an gutes Benehmen erinnern?
Wiederholung gehört zum Erziehungsrepertoire. Erziehen benötigt Energie. Wenn man aber das Gleiche immer wieder sagen muss, fehlt es womöglich an Klarheit in der Kommunikation oder an möglichen Konsequenzen.

Was halten Sie von Knigge-Kursen für Kinder?
Das Vermitteln von sozialen Umgangsformen erachte ich primär als Aufgabe der Eltern. Es geht um persönliche Werte, die manchmal Auseinandersetzungen mit den Kindern nach sich ziehen. Diese sind wichtig und sollten nicht delegiert werden.

Sind es nur die Eltern, die das Benehmen der Kinder prägen?
Eltern stehen sicher an erster Stelle, aber auch ausserfamiliäre Einflüsse wie Krippenpersonal, Lehrpersonen, Freunde oder Medien spielen eine Rolle. Doch dies ist gut so, weil es für die Entwicklung des Kindes wichtig ist.

Stimmt der Spruch «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr»?
Nicht in jedem Fall. Früher hatte zum Beispiel das Grüssen von Erwachsenen einen hohen Stellenwert. Insbesondere Eltern, die das Grüssen-Müssen selber als stur erlebt haben, legen bei ihren Kindern möglicherweise wenig Wert darauf. Werden die Kinder grösser, reagiert aber die Umwelt auf nicht grüssende Kinder. Dann kann das Grüssen immer noch gelernt werden.

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Text: Gertrud Rall

Foto:
Getty Images
Veröffentlicht:
Montag 14.09.2015, 10:00 Uhr

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