Handschrift: Ein persönlicher Ausdruck

Wann haben Sie das letzte Mal einen handgeschriebenen Brief bekommen? Und wann das letzte E-Mail? Auch wenn das Schreiben von Hand seltener geworden ist: Aufgeben sollte man es nicht.

Die Nachricht sorgte für Aufregung, als die Finnen Anfang Jahr bekannt gaben, dass das handschriftliche Schreiben ab Herbst 2016 nicht mehr Teil des Lehrplans der Grundschule sei. Die Kinder sollten zuerst lernen, auf dem Computer zu schreiben. «Flüssiges Tippen auf der Tastatur ist eine wichtige Fähigkeit», begründete die finnische Bildungsministerin Minna Harmanen den Entscheid. «Für schnelle Aufgaben ist ein Computer ohne Zweifel nützlich», sagt der Schweizer Neurologe Jürg Kesselring (64). Immerhin ist die Typografie gut lesbar und sieht ordentlich aus. Das ist im Berufsalltag von Vorteil.

Für Helena sind Papier und Stifte eine gute Alternative zu Bildschirm und Tastatur.

Für Helena sind Papier und Stifte eine gute Alternative zu Bildschirm und Tastatur.
http://www.coopzeitung.ch/Handschrift_+Ein+persoenlicher+Ausdruck Für Helena sind Papier und Stifte eine gute Alternative zu Bildschirm und Tastatur.
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Ich schreibe Briefe und Postkarten an meine Freundinnen.»

Helena (8), Schülerin

In der Schweiz lernen die Primarschüler die Handschrift noch, auch die achtjährige Helena aus Allschwil BL. In der Schule schreibe sie zwar nicht gerne, erklärt sie, privat dafür umso lieber. «Meine beste Freundin und ich schreiben uns manchmal Briefe», sagt sie. Und derzeit male sie Herbstkarten, auf die sie dann eine Nachricht an ihre Freundinnen aus der alten Klasse schreiben werde. «Aber natürlich bekomme ich auch gerne Karten und Briefe», betont die Schülerin. 

Handschrift vs. Digitalisierung

Dafür, die Handschrift auch in Zeiten der Digitalisierung nicht aufzugeben, gibt es durchaus Argumente. So fördert etwa das Schreiben von Hand die Aktivität der linken Gehirnhälfte. Sie ist verantwortlich für alles, was mit Sprache  zu tun hat, aber auch etwa für das analytische und  logische Denken. Auch für die Rechtschreibung ist das Schreiben von Hand förderlich. «Beim Schreiben mit dem Computer behindert die automatische Rechtschreibkorrektur den Erwerb der Rechtschreibung», sagt Maria Anna Zaramella (56), Schreibbewegungstherapeutin und Grafologin aus dem Tessin. Dass das Notizenmachen von Hand auch für das Verständnis hilft, zeigt eine Studie der Universität Princeton, die 2014 erschienen ist. Bei dem Abfragen reiner Fakten, etwa Jahreszahlen, schnitten beide Versuchsgruppen zwar gleich gut ab. Doch Studenten, die Notizen zu einer Vorlesung handschriftlich machten, konnten komplexere inhaltliche Fragen danach besser beantworten als jene, die auf dem Computer mitschrieben.  

 
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Ausdruck der Persönlichkeit

Was bei der Computerschrift fehle, sagt Neurologe Kesselring, sei die Haptik, das Be-Greifen, das man habe, wenn man die Formen selber nachahmen könne. «Bei der Handschrift gibt es eine Bewegung, eine Harmonie», so Kesselring. Die Bewegung könne man differenzieren, die Druckverteilung variieren. «Das alles verpasst man, wenn man mit der Tastatur schreibt», ist er überzeugt. «Die Handschrift ist ein Ausdruck der Gehirntätigkeit, wie auch die Redensart oder die Haltung eines Menschen. Sie ist Ausdruck der Persönlichkeit.» Dabei hat das Gehirn einen «Plan», den es auf die Outputkanäle leitet, also beispielsweise auf die Hand. Es kommt nicht so sehr auf die Art der gebrauchten Muskeln an, wie das Schriftbild aussieht: Wenn man einen Brief auf ein Blatt Papier schreibt, kommt die Bewegung aus dem Handgelenk. Schreibt man auf eine Wandtafel, kommt sie aus der Schulter und man braucht den ganzen Arm. Dieser Plan wandelt sich aber auch. Man kann die Handschrift immer wieder neu ausprobieren, sie verändern. «Kinder beginnen in der vierten oder fünften Klasse, ihre Handschrift zu individualisieren», weiss Maria Anna Zaramella. «Bei Jugendlichen kann sich die Handschrift häufig verändern. Normalerweise automatisiert und stabilisiert sich die Handschrift nach der Jugend.» Allerdings könne es vorkommen, dass sich die Schrift durch Ereignisse im Leben weiter verändert.

86 Merkmale für ein Profil

Doch auch wenn die Handschrift ein persönlicher Ausdruck ist, so gilt noch lange nicht: Zeige mir, wie du schreibst, und ich sage dir, wer du bist. «Ein seriöser Grafologe ist kein Hellseher», betont Maria Anna Zaramella. So könne man weder Alter noch Geschlecht an der Handschrift festmachen. «Es gibt zwar bestimmte Merkmale, die für eine weibliche Handschrift typisch sind – so ist sie meist runder und präziser als die männliche –, aber die Handschrift von Männern kann durchaus dieselben Eigenschaften aufweisen.» Doch man sehe einer Handschrift durchaus an, ob jemand introvertiert oder extrovertiert ist, unter Spannung steht oder entspannt ist. Die Aufgabe des Grafologen sei es, alle Merkmale einer Handschrift – etwa den Abstand zwischen den Buchstaben und Wörtern – in ihrem Zusammenspiel zu analysieren. «Man kann nicht sagen, dass zum Beispiel eine kleine Handschrift auf mangelndes Selbstvertrauen hinweist», so Zaramella. Insgesamt basiert ein grafologisches Profil auf 86 Merkmalen, die betrachtet werden. Die Grafologin kann nach 25-jähriger Berufserfahrung sagen: «Ein sorgfältig erstelltes grafologisches Profil beschreibt die Persönlichkeit zu 60 Prozent richtig.» Von der Grafologie überzeugt ist auch Neurologe Kesselring. «Wenn sie seriös betrieben wird, kann man daraus durchaus einen Erkenntnisgewinn ziehen.» 

Es geht um Wertigkeit

Die Handschrift kann also nicht einfach mit der Computerschrift ersetzt werden. Die Individualität bliebe dabei auf der Strecke, würden wir alle nur noch «Cambria», «Arial» und «New Times» schreiben. «Der digitale Schriftverkehr verliert an Persönlichkeit», findet daher Cécile von Mutzenbecher (50), Stilberaterin aus Basel. Was von Hand geschrieben ist, wird oft als persönlicher empfunden. Die Handschrift ist darum vor allem im privaten Schriftverkehr immer noch wichtig. Botschaften etwa wie sie Helena verschickt, gehören laut der Stilberaterin auch heute noch von Hand geschrieben – auch Geburtstagswünsche, Postkarten oder Glückwünsche zur Hochzeit. «Vor allem die Beileidskarte sollte man unbedingt von Hand schreiben. Ein Beileids-SMS oder -Mail geht gar nicht», macht sie deutlich. «Letztendlich geht es um Wertigkeit, und diese ist unbezahlbar.» Durch die Einzigartigkeit eines handschriftlichen Schriftstücks sei auch dessen Verbreitung schwieriger als bei einem digitalen Text. «Oft neigt man mit dem Computer zum unsorgfältigen Weiterverbreiten von Infos durch Einkopieren anderer Personen oder Weiterleiten einer Nachricht, was man bei einer von Hand geschriebenen Nachricht nicht machen kann.» Die Handschrift sei damit weniger öffentlich. «Wenn jemand von Hand schreibt, schaut man ihm weniger über die Schulter als auf den Bildschirm.» 

Fazit: Um das Schreiben mit dem Computer kommt man in der Berufswelt nicht herum. Auch privat ist es bisweilen einfacher, ein Mail zu schreiben – für den schnellen Austausch. Doch eine handgeschriebene Postkarte oder ein Brief ist und bleibt etwas Persönliches – und ist somit ungleich wertvoller.

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Renate Marxer (55) 

Hausfrau und Mutter aus Eschen FL

«Ich schreibe Feriengrusskarten, Beileidskarten, Geburtstagskarten, diverse Gratulationen – zur Matura, zum bestandenen Führerschein, Lehrabschluss etc. – von Hand. Weiter notiere ich seit ich 16 Jahre alt bin in schön verzierten und gebundenen Büchern tiefgründige und besinnliche Gedanken und Sprüche. Für jede meiner Gratulationen verwende ich daraus dann wiederum den passenden Vers.»

 

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Walter Irniger (82)

Pensionierter Landarzt aus Urnäsch AR

«Ich schreibe Briefe von Hand vor allem an gute Freunde, Familien-mitglieder und speziell gerne an meine Enkel. Dies bei wichtigen Ereignissen wie Geburtstag oder bestandene Prüfungen. Ich finde, dass ein Brief mehr Bestand hat als ein Mail: Ich konzentriere mich besser auf mein Gegenüber und es ist für mich ein Zeichen der Wertschätzung. Der Empfänger kann einen Brief in der Hand halten und sich so körperlich und sinnlich berühren lassen, was den Kontakt intensiver gestaltet.»

 

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Simon Hirschhofer (23) 

Biologiestudent aus Oberentfelden AG

«Ich schreibe meine eigenen Rezepte – und diese nur von Hand. Zu den Rezepten schreibe ich jeweils eine kurze persönliche Notiz, etwa ein Erlebnis, das ich mit dem Gericht verbinde, und das Datum, an dem ich es aufschreibe. Auch das Tagebuch schreibe ich von Hand – und meine Notizen an der Uni.»

 

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Andréa Maria Ottiger (57) 

Head Corporate Communications aus Luzern

«Ich schreibe etwa 100 Geburtstagskarten im Jahr, ab und zu Briefe und Tagebuch (Jahresagenda) – seit ich 12 Jahre alt bin. Und ich habe alles aufbewahrt fürs Alter. Geburtstagskarten stossen auf grosse Freude, da meine oft die einzige nicht digitale im Briefkasten ist – auch Ferienpostkarten werden von meinem Umfeld sehr geschätzt.»

Cécile von Mutzenbecher (50), Stilberaterin

Cécile von Mutzenbecher (50), Stilberaterin
http://www.coopzeitung.ch/Handschrift_+Ein+persoenlicher+Ausdruck Cécile von Mutzenbecher (50), Stilberaterin

Guter Ton 

«Kulli ist nicht geschmacklos»

Was ist im Schriftverkehr erlaubt und was gehört sich nicht? Die Stilberaterin gibt einige Tipps.

Gehört eine saubere Handschrift zum guten Ton?
Ja, ganz klar. Wobei man sagen muss, dass sauber nicht gleich schön ist. Sauber ist auch, dass man zwischen Gross- und Kleinbuchstaben unterscheidet. 

Muss man auch in E-Mails und SMS auf Gross- und Kleinschreibung achten?
In einem SMS kann man von mir aus alles klein schreiben. Das Mail hingegen ist eine Korrespondenz wie ein Brief. Hier sollte man also auf die Orthografie achten. Alles andere wirkt schludrig.

Wenn man eine hässliche Handschrift hat, soll man eher darauf verzichten, sie zu verwenden
Die Handschrift wird nicht besser, wenn man sie nicht braucht. Es wäre schade, auf Handgeschriebenes zu verzichten, nur weil man mit der eigenen Handschrift nicht ganz zufrieden ist.

Womit soll man schreiben?
Eine Füllfeder ist ganz klar edler als ein Kugelschreiber. Ein Kulli ist aber nicht geschmacklos. Im persönlichen Gebrauch darf man auch mit Bleistift schreiben. Einen Brief schreibt man einfarbig. Gängige Farben sind Schwarz und Blau, also weder Rot noch Grün

Überleben sie?

Anzahl verschickter Postkarten in der Schweiz (in Millionen)


Quelle: Verband Schweizerischer Kartenverleger und -grossisten

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden nur wenige Postkarten verschickt. Die Blüte der Postkarte war in den 1960er-Jahren mit dem Aufkommen des Massentourismus. Ab 1974 sank die Anzahl stetig, mit einigen Ausschlägen nach oben.

Schreiben

Freude an Stift und Papier

Ein Füller, der gut in der Hand liegt, ein schönes Notizbuch mit noch leeren Seiten: Das macht richtig Lust, die beiden zusammenzuführen.

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Eleganz

Schreiben von Hand macht mit einem schönen Stift umso mehr Freude. Füllfeder von Parker, für Fr. 41.95 in ausgewählten Coop City.

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Ab die Post

Die bunten Schreibkarten mit Kuvert lassen sich verzieren – oder einfach so verschicken. Für Fr. 3.80 (A6/C6) resp. Fr. 4.50 (A5/C5) bei Coop, Coop City und Bau + Hobby.

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Festhalten!

Sprüche, Gedanken, Wünsche … alles findet Platz in diesem Buch (Teneues) mit magnetischem Verschluss. Für Fr. 12.95, in ausgewählten Coop City. 

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Klassiker

Die Notizbücher von Moleskine sind in schlichtem Schwarz gehalten, lassen sich aber umso vielseitiger füllen. Fr. 28.50 in grösseren Coop-Supermärkten und bei Coop City. 

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Es wird bunt

Stabilo (Pen 68, 1 mm Spitze) in diversen Farben für je Fr. 1.25 bei Coop City.

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Noëmi Kern

Redaktorin

Foto:
Heiner H. Schmitt, Christoph Kaminski, Beatrice Thommen-Stöckli, zVg
Veröffentlicht:
Montag 07.09.2015, 13:06 Uhr

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