Hank Shizzoe lernte wegen eines Mädchens Gitarre: «Es war Liebe auf den ersten Blick.»

Virtuos

Der Berner Gitarrenstilist nennt seine Top 5 der besten Saitenkünstler – und erklärt, weshalb er im Ranking Jimi Hendrix übergeht.

«Viele Musiker, die ich kenne, essen und kochen sehr gerne.»

«Viele Musiker, die ich kenne, essen und kochen sehr gerne.»
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Bei der Begrüssung in der «Parterre»-Bar in Bern stellt sich Hank Shizzoe vor: «Hallo, Hank.» Längst verwendet der 51-jährige Berner seinen Künstlernamen nicht nur auf dem Plattercover. Sogar seine Mutter nannte ihn irgendwann Hank, obwohl er eigentlich Thomas Erb heisst. «So ein ganz normaler Schweizer Name wäre jedoch im Ausland ein arges Handicap gewesen», sagt Shizzoe später im nahe gelegenen Studio.

Hier arbeitet Hank Shizzoe hart – und hat dennoch 365 Tage Ferien im Jahr. Wie passt das zusammen? «Ich habe das Glück, von dem leben zu können, was ich am liebsten tue», sagt der Singer-Songwriter und Gitarrenstilist, während er vor dem Mischpult sitzt, im Arm eine schön verzierte Gitarre. «Deshalb stört es mich nicht, dass die Arbeitstage oft 16 Stunden dauern und dies während sieben Tagen in der Woche.» So wie in den letzten Monaten, als der Vielbeschäftigte die Musik für das Theaterstück «Romeo und Julia am Gornergrat» komponierte, das ab Juli an den Freilichtspielen Zermatt aufgeführt wird.

Während des folgenden Gesprächs erweist sich Hank Shizzoe als engagierter Redner, der zwischendurch auf der akustischen Gitarre immer wieder ein paar Akkorde zum Besten gibt.

Hank Shizzoe, wie kommt man auf so einen coolen Namen?
Auf Hank kam ich wegen der Musikerlegende Hank Williams. Nun brauchte ich noch einen Nachnamen. Bei meiner ersten Platte arbeitete ich alleine spätnachts in einem Studio und setzte die einzelnen Instrumente zusammen, die ich selber einspielte. Woraufhin mein Bruder sagte: «Findest du das nicht etwas schizo, dass du morgens um drei Uhr alleine mit dir in einem Studio groovst?» Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf. So kam ich auf Hank Shizzoe.

Der Name ist nicht die einzige Fälschung in Ihrer Karriere.
Nein, fürs erste Album «Low Budget» 1994 haben wir bei der Pressemitteilung dick aufgetragen: Ich sei auf Hawaii geboren, mit einem Onkel auf einem Expeditionsschiff um die Welt gefahren und Ähnliches mehr. Für uns war das ein Spass. Wir dachten: Das kann ja niemand glauben! Ich sollte mich täuschen: In Amsterdam sass ich fünf Journalisten gegenüber, die sofort mehr über meinen Ursprung auf Hawaii wissen wollten. Ich habe das korrigiert, doch die Journalisten glaubten der Pressemitteilung mehr als mir. Es waren als schon damals Fakenews, die verbreitet wurden!

Wann haben Sie erstmals Gitarre gespielt?
Ich war 15 und im Skilager sehr an einem Mädchen interessiert. Es wollte mir unbedingt ein paar Akkorde auf der Gitarre beibringen.

Das klingt nach Liebe auf den ersten Blick.
Ja, ich bin mit der Gitarre nach Hause gegangen, nicht mit Irene.

Man hört doch immer, dass man ein Musikinstrument möglichst früh erlernen soll. Ist 15 nicht etwas gar spät?
Ich finde eher, dass man zu früh beginnen kann. Zumindest auf der elektrischen Gitarre. Ich bin erstaunt, wenn bereits ein 10-Jähriger elektrische Gitarre spielt. Das ist schon rein anatomisch schwierig. Deshalb: immer mit der akustischen Gitarre beginnen! Wer sich daran hält, wird belohnt: Wer plötzlich auf der elektrischen Gitarre spielen darf, fühlt sich wie in den Ferien an einem schönen Ort.

Ranglisten sind «in». Nennen Sie Ihre Top 5 der Gitarristen!
Erstens und zweitens Ry Cooder. Er ist so gut, da reicht ein Platz alleine nicht, um ihm gerecht zu werden. Das breite Publikum kennt Ry Cooder von «Paris, Texas» oder «Buena Vista Social Club» her. Er hat eine technische Fähigkeit auf dem Instrument, die jenseits von Gut und Böse ist. Er ist extrem ausdrucksstark und löst etwas in dir aus – das Wichtigste, das Musik bewirken kann.

Wer folgt auf Rang 3?
Ende der siebziger Jahre kam das erste Album von den Dire Straits heraus, als die Punk- und New-Wave-Welle bereits wieder am Abflauen war. Ich dachte: Unglaublich, was man mit einer Gitarre anstellen kann. Also Mark Knopfler.

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Der Vinyl-Boom zeigt, dass Musik wieder wertgeschätzt wird.»

Und auf Platz 4 und 5?
Billy Gibbons von ZZ Top, der ebenfalls einen unverwechselbaren Sound produziert. Bei ihm beeindruckt mich auch der Gegensatz: Auf der einen Seite das grobschlächtige Image mit den Vollbärten, Autos und leichtbekleideten Mädchen, die auf den Motorhauben liegen. Andererseits spielt er mit reichlich Understatement Gitarre. Er ist gebildet und vielseitig, besitzt eine riesige afrikanische Kunstsammlung. Auf Platz 5 sehe ich Keith Richards. Viele finden seinen Stil schludrig, was seinem Können am Instrument aber nicht gerecht wird.

Was ist mit Jimi Hendrix?
Der läuft ausser Konkurrenz, denn er war ein Ausserirdischer. Es wird nie wieder einen Musiker geben, der derart mit seinem Instrument verschmolz wie er. Das ist eine Dimension, die für alle anderen Gitarristen nichts mehr mit der Realität zu tun hat.

Und Eric Clapton?
Der Vielgeschmähte! Gerade in Bern gibt es eine Kultur von Clapton-Hassern. Zu denen ich jedoch nie gehörte. Da heisst es, er mache immer nur die anderen nach. Buddy Guy zum Beispiel. Dabei hat jeder grosse Musiker Einflüsse, die man seiner Musik anhört. Ich finde, Clapton hat ein paar wahnsinnig tolle Sachen gemacht. Dazu gehört auch, dass er sich in den letzten Jahren zu einem guten Sänger entwickelt hat, was vorher nicht der Fall gewesen war. Ich habe Clapton auch schon live gesehen und da hat es mir die Schuhe abgezogen, weil er so gut war.

Ein letzter Name: Carlos Santana?
Mit ihm kann ich heute nur noch wenig anfangen. In den Siebziger Jahren hat er ein paar tolle Songs gemacht. Seit seinem kommerziellen Durchbruch muss ich jedoch weghören. Das klingt nach Gefiedel, nach Leistung auf der Gitarre, und das langweilt mich.

Auf welchen Platz gehört Hank Shizzoe?
Keine Ahnung, ich habe mir die Frage nie gestellt.

Das «Rolling-Stone»-Magazin sieht Sie sehr weit vorne: Hank Shizzoe sei der beste Roots Songwriter und Gitarrenstilist ausserhalb der USA.
Vielen Dank, kann ich nur sagen! (Lacht.) Ich selber sehe mich aber nicht in erster Linie als Gitarrist, sondern tatsächlich als Musiker, der Lieder schreibt. Leistung oder Sport auf der Gitarre hat mich nie interessiert.

Wie gefällt Ihnen Ed Sheeran, der als Songwriter durchstartet?
Er ist in der Hitparade derzeit die grosse Ausnahme, weil alles Hand und Fuss hat, was er macht. Er hat einen ganz eigenen Stil. Ich habe ihn bei den «Grammy Awards» gesehen. Da machte er mit einem Loop-Gerät drei Minuten lang alleine Musik. Ich habe ihm das abgenommen, was er spielte, weil er mit ganzem Herzen dabei war. Er ist ein klassischer Singer-Songwriter.

Das beste Album aller Zeiten?
«The Complete Recordings» von Robert Johnson, das lange nach seinem Tod veröffentlicht wurde. In der Kunst gibt es immer wieder Schlüsselwerke, die eine neue Epoche eingeläutet haben, die wegweisend waren. Mit Johnson wurde die Rockmusik erfunden – in den zwanziger und dreissiger Jahren. Er hat nur 29 Songs aufgenommen in seinem viel zu kurzen Leben, alle beinhart gespielt, auf einer einzigen akustischen Gitarre. Darunter hat es viele Klassiker, die nachher oft nachgespielt wurden. Auf einer einsamen Insel würde mich jedes Album nach drei Jahren sicher langweilen, dieses Album jedoch nicht. Davon kann man gar nie genug bekommen.

Ihre Alben sind alle als Platten erhältlich. Deshalb dürfte Sie der Vinyl-Boom freuen.
Mich gefällt vor allem, dass auch viele Jüngere Platten kaufen. Offenbar wollen sie wieder etwas Festes in der Hand halten, weil sie die Nase gestrichen voll haben von all den Streamings und dem Kurzfutter in der Musik.

Spüren Sie den Boom auch im Portemonnaie?
Ja, durchaus. Meine Platten liefen schon vorher nie schlecht. Aber dass sie nun ein solches Revival erleben, damit war nicht zu rechnen. Europäische Presswerke haben derzeit eine Wartezeit von acht bis zwölf Wochen, weil sie so ausgebucht sind. Für mich ist dies der Beweis, dass Musik wieder wertgeschätzt wird.

Der Vinyl-Boom ist erstaunlich, weil man sich doch gewohnt ist, dass Musik nichts mehr kostet.
Der englische Romancier Stephen Fry sagte: «Wir bezahlen die Künstler nicht, damit uns die Kunst gehört, sondern wir bezahlen sie, damit sie genug Zeit haben, um Kunst zu kreieren.» Die Menschen erkennen offenbar wieder vermehrt, weshalb gute Musik etwas kosten muss.

Vor ein paar Jahren hatten Sie grosse gesundheitliche Probleme: Vor einer Operation wussten Sie nicht, ob Sie nochmals aufwachen würden.
Ich lag sechs Wochen im Spital. Das war sehr grob. Aber gleichzeitig auch nicht nur unerfreulich. Man wird sich erst recht bewusst: Stelle etwas Sinnvolles mit deiner Zeit und deinen Talenten an! Nichts ärgert mich heute mehr, als wenn die Menschen mit ihren Talenten liederlich umgehen, weil sie zu bequem sind.

Sie kochen auch gerne und gut.
Damit bin ich keine Ausnahme im Musikgeschäft. Viele Musiker, die ich kenne, essen und kochen ausgesprochen gerne.

Weshalb ist dies so?
Die Töne in der Musik sind für alle die gleichen. Es liegt am Musiker, etwas Kreatives damit anzustellen. Beim Kochen ist es genau dasselbe: Die Zutaten stehen allen zur Verfügung, also liegt es am Koch, etwas Schlaues daraus zu kreieren. Musikern fällt das offenbar leichter.

Die Musik zu «Romeo und Julia am Gornergrat» finden Sie ab 6. Juli auf Hank Shizzoes Homepage.

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