Ein nachdenklicher Autor: Hansjörg Schertenleib.

Hansjörg Schertenleib: «Ich bin offenbar ein alter Hippie»

Unangepasst Er schreibt über Menschen und was das Leben so aus ihnen macht. Auch im neuen Roman geht es um das Leben – und ums Überleben.

Schreiben ist sein Leben, seit 34 Jahren. Und er tut es verlässlich: Etwa alle zwei Jahre ein Roman, aber auch Stücke fürs Theater, Gedichte und Übersetzungen. Vor fast 20 Jahren nach Irland ausgewandert, lebt Hansjörg Schertenleib (57) nun die Hälfte des Jahres in der Nähe von Aarau, wo er sein privates Glück gefunden hat. Dort sprachen wir mit dem Autor aus Anlass des neuen Romans «Jawaka», der jetzt in den Buchhandel kommt.

Ihre Geschichten spielten bislang in der Gegenwart. Warum nun in der Zukunft?
Das hat einerseits damit zu tun, dass ich das Schreiben wieder als Abenteuer erleben wollte, indem ich mich in eine Welt begeben habe, die mir fremd ist, und Vorgänge beschreibe, die mir nicht geläufig sind. Die Geschichte hat dennoch mit der Realität zu tun: Dass unsere Welt auf einen kritischen Punkt zusteuert, ist unübersehbar.

Aber die Personen Ihrer Geschichte haben die Katastrophe überlebt?
Der sogenannte Zwischenfall ist nicht das Thema. Sondern: Wie gehen wir um mit der Welt, mit Natur und Mitmenschen, wenn wir leben wie in den Zeiten vor der industriellen Revolution. Und beim Schreiben merkte ich, dass mir die Welt, die ich da entwickelt hatte, viel besser gefällt als die Gegenwart. Ich habe mich unheimlich wohlgefühlt in diesem Dorf «Mudra», in dem mein Held mit den drei Namen lebt.

 
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Warum wird einer davon nie genannt?
Der geheime Name, den nur Vater und Sohn beziehungsweise Mutter und Tochter kennen, gehört nur diesen beiden Menschen, man soll ihn unbeschädigt lassen. Das führt natürlich auch dazu, dass diese Menschen eine ganz spezielle Beziehung haben.

War das bei Ihnen auch so?
Nein, ich bin meinem Vater nahe, aber da ist nichts Autobiografisches. Eher auf den beiden anderen Erzählebenen, die in Südafrika und Irland in der Gegenwart spielen. Dort geht es um das Schreiben, um das Leben eines Autors.

Zu jedem Buch gibt es auch ein Notizbuch.

Zu jedem Buch gibt es auch ein Notizbuch.
Zu jedem Buch gibt es auch ein Notizbuch.

Warum wollten Sie Schriftsteller werden?
Ich habe immer schon viel gelesen. Das erste Vorbild war meine lesende Mutter: Wenn ich an sie denke, sehe ich sie mit einem Buch in der Hand. Dann war meine ältere Schwester so begeistert von ihrer Lehre als Schriftsetzerin, dass auch ich diesen Beruf wählte. Als Autor kam ich mir anfangs oft überfordert vor, weil ich nur mit Leuten zu tun hatte, die akademisch gebildet waren. Aber es dauerte nicht lange, bis ich begriffen hatte, dass auch die nur mit Wasser kochen und dass der Weg über einen Beruf nicht der dümmste ist.

Und was gab Ihnen den Mut zu schreiben?
Es war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte keinen Verlag, nicht einmal ein fertiges Manuskript und auch keine reichen Eltern. Ich wollte ein selbstbestimmtes Leben führen. Musiker war auch ein Traum, aber da merkte ich schnell, dass ich nicht gut genug war. Zudem man auf andere Bandmitglieder angewiesen ist. Ich dagegen liebe es, für mich allein zu arbeiten.

«

Ich fürchte mich nicht vor Einsamkeit.»

Wollten Sie auch die Welt verändern?
Das will ich immer noch, so naiv das auch klingen mag. Das schwingt im Hintergrund immer mit, dass ein Buch vielleicht nicht die Welt, aber die Leserin und den Leser verändern kann. Wie die Musik übrigens auch: Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mit 17 zum ersten Mal Black Sabbath gehört habe – danach war ich ein anderer Mensch.

Die Musik der 1970er Jahre hat Sie bis heute begleitet?
Während des Schreibens von «Cowboysommer» – eine Geschichte, die 1974 spielt – habe ich mich selbst gezwungen, diese Musik wieder zu hören, die lange nicht mehr ganz in meiner Nähe lag. Das hat dazu geführt, dass ich seit fünf Jahren vor allem wieder Musik aus den 1970ern höre, gerne und begeistert: Jimi Hendrix, Black Sbbath, Led Zeppelin, Canned Heat, Pink Floyd. Als Lehrling habe ich viel amerikanische Musik gehört, Allman Brothers, Neil Young oder Leonhard Cohen, den ich auch als Lyriker sehr schätze.

Cover des Albums Waka/Jawaka von Frank Zappa (1972).

Cover des Albums Waka/Jawaka von Frank Zappa (1972).
Cover des Albums Waka/Jawaka von Frank Zappa (1972).

«Jawaka» ist ja auch eine Anspielung auf ein Album von Frank Zappa …
Das ist eine grosse Verbeugung vor einem Musiker, der mir meine Jugend ermöglicht hat. Ich hätte vielleicht meine Lehre abgebrochen ohne Frank Zappa und ohne Black Sabbath. Es gab Musiker, die mir das Leben gerettet haben, buchstäblich. Wenn ich abend nach Hause kam, war es für mich immer das Erste, in mein Zimmer zu gehen, das ich mit meinen beiden Schwestern teilte, Tür zu und dann die Musik hören, die mir die Welt wegduscht. Zappa mit dieser komplizierten Musik, die sich nciht um Hörgewohnheiten schert, sich nicht anpasst, und mit Texten, die auch nicht danach fragen, worüber man sich lustig machen darf und worüber nicht – der war sehr wichtig für mich.

Sind Sie ein eher nostalgischer Mensch?

Ganz bestimmt, ja. Klar, nutze ich neue Techniken. Aber was Alltagsgegenstände betrifft oder Architektur, bin ich ein altmodischer Mensch. Mir tut das Herz weh, wenn man alte Häuser abreisst. Das Haus, in dem ich in Irland lebe, ist aus dem Jahr 1891. Und ich liebe dieses Haus über alles. Ich weiss, woher die Steine kommen und ich kannte zum Teil noch die Steinmetze, die daran gearbeitet hatten.

Was hat Sie nach Irland geführt?
Ich mag das Land, fühle mich auf merkwürdige Weise hingezogen zu seinen Menschen und seiner oft grauenhaften Geschichte. Und dann habe ich herausgefunden, dass ich das städtische Getriebe nicht brauche. Ich schaue lieber auf einen Wiesenhang als auf ein Hochhaus. Zürich ist mir unerträglich geworden. Ich bin offenbar ein alter Hippie. Man kann es vielleicht auch so sagen: Ich fürchte mich nicht vor Einsamkeit.

Ein Jugendtraum: Seine Les-Paul-Gitarre.

Ein Jugendtraum: Seine Les-Paul-Gitarre.
Ein Jugendtraum: Seine Les-Paul-Gitarre.

Nicht gerade ein Familienmensch …
Nein, ich wollte auch nie eigene Kinder. Aber ich geniesse es, dass ich jetzt die Töchter aus der ersten Ehe meiner Frau begleiten darf. Wenn ich in der Schweiz bin, bin ich zu 100 Prozent mit meiner Frau zusammen und mehr präsent als viele andere Menschen, die ich kenne.



Aber beim Schreiben führen Sie fast das Leben eines Mönchs.
Ja, das stimmt! Und die 7-jährigen Kinder meiner Nachbarsfamilie in Irland nennen mich auch Father John – Hansjörg kann sich dort niemand merken. Dass sie mich für einen Priester halten, liegt nur zum Teil daran, dass ich oft schwarz angezogen bin. Das Mönchische, das Einsiedlerische hat sicher etwas mit der Existenz des Schriftstellers zu tun.

Vier Daten im Leben von Hansjörg Schertenleib


1982
Sein Erzählband «Grip» erscheint – mit grosser Resonanz.

1996 Er wandert nach Irland aus. «Das Zimmer der Signora» wird Bestseller.

2003 Er erhält die irische Staatsbürgerschaft und ist seither Doppelbürger.

2012 Heirat mit Brigitte Haas. Nun lebt er die Hälfte des Jahres in der Schweiz.

Mehr über Hansjörg Schertenleib auf seiner Homepage »

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Aktuelle Lesungen

Mittwoch, 9. September, 19.30 Uhr, Zürich
Literaturhaus, Limmatquai 62

Montag, 14. September, 19 Uhr, Bern
Buchhandlung Haupt, Falkenplatz 14

Dienstag, 15. September, 20 Uhr, Aarau
Theater Tuchlaube, Metzgergasse 18

Freitag, 18. September, 20 Uhr, Flims
Das Gelbe Haus, Via Nova 60

Freitag, 9. Oktober, 19 Uhr, Braunwald
Bsinti Kulturraum, Dorfstr. 9

Jawaka

Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht länger. Die Zukunft des Jahres 2057 präsentiert sich nach einer globalen Katastrophe und der Grossen Transformation wie das finstere Mittelalter. Aus einem der abgeschiedenen Dörfer muss ein 21-Jähriger fliehen, weil er dem Liebhaber seiner Mutter ein Messer in die Brust gestossen hat. Hinter ihm befindet sich die schützende Gemeinschaft, vor ihm Eis, Schnee, unwegsames Gebirge und irgendwo vielleicht der verschwundene Vater. – Der Autor dieser düsteren Imagination feilt 2021 in Kapstadt an den letzten Korrekturen seines Romans. Überall mehren sich die Zeichen, dass man auf die Katastrophe zusteuert. Während ihn vor allem eine neue Geschichte beschäftigt, ahnt er nicht, wie nahe er selbst am Abgrund steht. Bisher hat er seine Figuren leiden lassen, nun leidet er.

Hansjörg Schertenleib, Jawaka, Aufbau Verlag, 384 Seiten
978-3-351-03605-8

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Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 17.08.2015, 17:00 Uhr

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