Schauspieler und Kabarettist Hanspeter Müller-Drossaart im Gartenrestaurant des Casinotheaters Winterthur.

Hanspeter Müller-Drossaart: «Ich hielt mich für unverletzlich»

In «Ziemlich beste Freunde» verarbeitet der Obwaldner Schauspieler auch die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit.  

Hanspeter Müller-Drossaart (60), der den Mario Corti in «Grounding» und in «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» die Titelrolle spielte, hat sich von seiner notfallmässigen Herzoperation gut erholt. Nun nimmt er die Herausforderung an, in der Bühneninszenierung des Kinohits «Ziemlich beste Freunde («Les Intouchables)» im Casinotheater Winterthur (1. September bis 8. Oktober) die Hauptrolle des gelähmten Millionärs zu verkörpern.

Wie geht es Ihnen?
Heute geht es mir wieder sehr gut – ein Jahr nach meiner zweiten Geburt. Damals registrierte ich während den Aufnahmen eines Hörbuchs ein Stechen in der Herzgegend und lieferte mich gleich selbst ins Krankenhaus ein. Dort diagnostizierte man, dass ich knapp vor einem Infarkt stand und rettete mich mit einer vierstündigen Notoperation, bei der mir zwei Bypässe gesetzt wurden.

Wie hat Sie diese Erfahrung verändert?
Es dauerte relativ lange, bis ich den Schrecken über das, was hätte sein können, verarbeitet hatte. Ich bin naiv und blauäugig in diese Beinahe-Katastrophe hineingeschlittert, obwohl eine genetische Veranlagung besteht. Mein Vater hatte einen Herzinfarkt, mein Bruder schwere Herzoperationen. Doch ich wähnte mich in Sicherheit, weil 20 Jahre zuvor eine Untersuchung keinen Befund ergeben hatte. Das war wirklich sorglos!

Und bestimmt ein Schock für Ihre Familie.
Es war unverantwortlich, was ich mir geleistet hatte. Meine Ignoranz hat mich mit Scham erfüllt. Ich dachte, ich wäre immer noch unverletzlich: Siegfried, der Drachentöter, den niemand besiegen kann. Das Positive daran ist, dass wir uns nun alle noch viel mehr schätzen und den Moment geniessen. Man redet ja immer davon, dass man sich der Endlichkeit des irdischen Lebens bewusst sei, aber bis man ihr selbst nahe gekommen ist, sind alles nur leere Worte.

Erinnerung an das Datum der Notoperation.

Erinnerung an das Datum der Notoperation.
Erinnerung an das Datum der Notoperation.

Verlief die körperliche Erholung schneller als die mentale?
Nicht wirklich. Auf dem ersten Spaziergang in der Reha in Gais hatte ich schon nach 100 Metern das Gefühl: «Das geht ja gar nicht, ich ruf die Rega!» Der Ernährungsberater sagte mir dann auf den Kopf zu: «Das war kein Schuss vor den Bug, sondern ein Volltreffer. Sie sind nur nicht untergegangen.» Da wusste ich, was die Stunde geschlagen hatte.

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?
Ich mache zweimal pro Woche Fitness und ernähre mich anders. Ich esse mehr Gemüse und weniger Fett. Um auch noch den Stress abzubauen, müsste ich mir allerdings einen anderen Beruf su-chen! Wenn du freiberuflich arbeitest, schaust du ständig, wo auf dem Marktplatz welche Gurke verkauft wird. Ich müsste schwindeln, wenn ich behaupten würde, dass ich diesbezüglich schon gelassener geworden wäre. Aber ich werde es noch lernen müssen.

Was bedeutet Ihnen die Hauptrolle des Philippe in «Ziemlich beste Freunde»?
Stück und Film basieren auf der Autobiografie des früheren Pommery-Geschäftsführers Philippe Pozzo di Borgo, der 1993 beim Paragliding abstürzte und seither Tetraplegiker ist. Sie trägt den Titel «Le second souffle» und handelt von seiner Schwierigkeit, sich auf dieses zweite Leben einzulassen. Es ist gut, dass ich mich durch diese Rolle nochmals mit meiner eigenen Erfahrung auseinandersetzen kann.

«Beinhaus» des Innerschweizer Bildhauers Kurt Sigrist.

«Beinhaus» des Innerschweizer Bildhauers Kurt Sigrist.
«Beinhaus» des Innerschweizer Bildhauers Kurt Sigrist.

Wie fordert Sie das?
Als ich die Biografie las, musste ich manchmal schon nach zehn Seiten pausieren. Sie warf mich zu sehr auf die Zeit im Spital zurück, als ich morgens erwachte, an mehreren Schläuchen hing und mich nicht bewegen konnte, da es sonst so furchtbar geschmerzt hätte. Daher bin ich froh, dass unsere Angst vor einer Behinderung, aber auch vor dem Fremden, in einer Komödie thematisiert wird. Es ist befreiend, dass man bei allem Tiefgang auch viel lachen kann.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich habe die diagnostischen Aspekte der Tetraplegie gegoogelt und mir dann vorgestellt, wie sich meine Sprache als Philippe nicht in meine Gliedmassen fortsetzt, weil er nicht mit Händen und Füssen reden kann.

Haben Sie schon zu Hause eine besondere Mimik und Stimme ausprobiert?
Nein, man macht sich zwar Gedanken, aber im stillen Kämmerchen lässt sich niemals die Dynamik erzeugen, welche ich gerade wieder an den ersten beiden Probetagen im Casinotheater erlebt habe, als alle Beteiligten ihre Ideen in einen Topf warfen. Das wäre, als wollte man ein Steak über einem Zündholz grillieren statt über heisser Glut.

... im Leben von Hanspeter Müller-Drossaart 

1968 Geburtsjahr seiner Ehefrau Franziska

2000 Geburtsjahr von Tochter Daphne

2005 Geburtsjahr des Sohns Livius

2015 «Mein zweites Geburtsjahr»

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 08.08.2016, 10:00 Uhr

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