Das Buch sieht so aus, wie man sich Heidis Kochbuch vorstellt.

Heidis verrücktes Kochbuch

Eine verrückte Idee – aber nicht finanzierbar, hiess es. Piroska Szönye blieb stur, investierte ihr ganzes Geld und wurde für den Mut belohnt: Ihr Buch «Heidi & Friends» hat schon zwei Preise gewonnen.

Piroska Szönye schwebt auf Wolke sieben, hat Tränen des Glücks in den Augen: «Jetzt weiss ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin! Das gibt mir Kraft für meine weiteren Projekte.» Vor Kurzem hat ihr Buch den International Design Award in Gold abgeräumt, und vor ein paar Tagen nun auch noch den Swiss Print Award in Silber. Grund zum Feiern also. Die 53-Jährige wirbelt durch ihre Churer Wohnung und erzählt, zeigt mal auf jenes, schnappt sich dieses.

Heute ist Siggi Tschurtschenthaler bei ihr zu Besuch. Der 37-jährige Spitzenkoch hat Petersilienknödel für sie zubereitet – als Hommage an Heidis Freund Geissenpeter. Das Rezept dazu findet sich in Pirosza Szönyes – alias Heidis – Kochbuch «Heidi & Friends» (siehe unten). Dazu gibts Südtiroler Schüttelbrot mit Kräutersalat aus Pimpernelle, Schafgarbe, Kamille,  Peterli, Lavendel und Radieschen, das Ganze an einer Sauce aus Zitronensaft, Walnussöl, Salz und Pfeffer, mit einem Marzipan-Edelweiss als Krönung. Ein kulinarisches Erlebnis, das auch die kleine Heidi geliebt hätte. «Es ist mir wichtig, dass beim Essen alle Sinne angeregt werden», sagt Tschurtschenthaler, der sich in seinem Restaurant «Adler» im bündnerischen Fläsch 14 Gault-Millau-Punkte erkocht hat.

Buchzeichen aus Bündnerfleisch

«Ich habe mich gefragt, wie es Heidi heute gehen würde,» erzählt Piroska Szönye. «Wie ihr Leben als erwachsene Frau aussähe. Was sie kochen würde.» Das war der Startschuss zu ihrem «Koch-Kunst-Philosophie-Poesie-Buch», wie die Künstlerin es nennt. Das Buch ist alles – ausser gewöhnlich. Kein normales, sondern ein gefülltes Buch: eine Collage aus Lebenserfahrung, Schweizer Kultur und Eigenarten, Humor und jeder Menge Kulinarik. Es soll Heidis Buch sein – darum kommt auch der Name Piroska Szönye nirgends  vor –, mit vielen Notizen, eingelegten Blättern und Zetteln. Hier eine Portion Philosophie, da eine Prise Alpidyll, dort ein Löffel (im wahrsten Sinne des Wortes!) Kochwissen. Ungewöhnlich sind auch die Buchzeichen: je eine eingeschweisste Tranche Speck und Bündnerfleisch.

Auch die Herstellung gestaltete sich aussergewöhnlich: Gemeinsam mit der Buchbinderei Bubu und der Druckerei Wolfau fand man ganz neue Wege. So landeten Käserezepte auf Käsepapier, Butterrezepte auf Butterpapier, Brotrezepte auf Brotpapier und Fleischrezepte auf Fleischpapier. Dieses Werk hat also Fleisch am Knochen.

Und was für welches! Denn Piroska Szönye konnte Spitzenköche für ihr Projekt begeistern: Neben Tschurtschenthaler unter anderen Andreas Caminada (41, «Schloss Schauenstein», Fürstenau GR), Peter Jörimann (58,  «Zum Schneggen», Reinach AG), Rebecca Clopath (30, «Lichthof», Lohn GR) sowie Stefan Heilemann (36, «Ecco», Zürich). Jeder von ihnen hat das Rezept von Hand niedergeschrieben. «Peter Jörimann hat sein Rezept sogar in allen 4444 Büchern eigenhändig signiert», erzählt Szönye. Die Starkoch-Schätze finden sich in einem mit Schleifpapier eingefassten Dossier. Die anderen Rezepte sind oft alte Anleitungen von Grossmüttern, Urgrossmüttern oder aus Museen. Szönye: «Ich wusste, dass ich kein Kochbuch schreiben, sondern Kochwissen aufleben lassen muss.»

Und welches davon ist ihr Lieblingsrezept? «Die Goldschnitte.» Für einen Moment wird ihr Gesicht etwas ernster: «Meine Familie hatte eine Zeit lang fast nichts und da gab es zwei Rezepte, die meine Kindheit prägten: Brotmöckli in Ovo sowie eine in aufgeschlagenem Ei mit Kräutern gewendete und in der Pfanne ausgebratene Brotscheibe. Die meisten kennen das als Fotzelschnitte, bei uns waren das Goldschnitten.»

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Freche Sprüche im Buch …

… und eine freche Verpackung drum herum – «Heidi and Friends» ist kein alltägliches Werk.

Viele gute Geister

Nachdem sich das Buchprojekt konkretisiert hatte, galt es Sachen und Sächeli für den Buchinhalt zu finden. Auch die Unterstützung von Gönnern brauchte es. Manche gaben Geld, andere Material, wieder andere ihre Arbeitskraft oder Räumlichkeiten. «Ich habe mit keinem meiner Sponsoren einen Vertrag», so Piroska. «Alle sagten: ‹Dieses Buch muss passieren› oder ‹Es ist mir eine Herzensangelegenheit›.» Unzählige Menschen halfen gratis und franko mit. Beispielsweise Szönyes Freunde, welche die Rezepte auf Englisch oder Französisch übersetzt haben. Maximilian Schneider (34), der Brand Designer von Kuhn-Rikon, gestaltete den Koffer samt Aufklebern. Und die gesamte Marketing-Abteilung der Firma Victorinox füllte einen Tag lang Bücher. Normalerweise macht das Heidi selbst.

Jedes Buch ist ein Unikat. Der gedruckte Mantel ist zwar derselbe, doch die Füllung ist individuell. Gewisse Teile werden von Churer Eingliederungswerkstätten vorgefertigt. Bilder und philosophische Sätze stammen aus Zeitschriften. «Alle Heftli, die meine Freundinnen nicht mehr brauchen, landen bei mir auf dem Seziertisch», sagt Heidi schmunzelnd. Beim Füllen, das etwa eine halbe Stunde pro Exemplar in Anspruch nimmt, gehe sie nach dem Zufallsprinzip vor. Dann geht es ab in den speziellen Koffer. Fertig ist das Koch-Kunst-Werk. Es mache jeden glücklich, der es sehe. Und es bringt auch Heidi selbst Glück. «Dieses Buch ist Magie», ist sie überzeugt.


Piroska Szönye lässt sich von Spitzenkoch Siggi Tschurtschenthaler Petersilienknödel servieren.

Der Lohn der Mühe

Sogar im Reich der Mitte hat Heidis Buch schon Freunde gefunden. Sowohl in der Schweizer Botschaft als auch im Snow Pear Kids Education Center in Liuzhou City, wo die Schülerinnen und Schüler mit dem Werk aus der Schweiz ihre eigene Kreativität entdecken sollen. Die Gründerin der Schule, Yilin Liao (35), hatte sich einst in Szönyes Airbnb-Zimmer in Chur eingemietet, das Buch gesehen und war begeistert.

China liebt das romantische Schweizer Bild der Heidi. Darum hat Heidi ihre Koffer gepackt und macht sich auf den Weg ins Land des Lächelns. Der Ruf aus China und nun auch noch zwei grosse Auszeichnungen. Piroska Szönye: «Hab ichs nicht gesagt? Dieses Buch ist Magie!»

  

Rezept von Spitzenkoch Siggi Tschurtschenthaler - Petersilienknödel

Für 10 Personen

Gesamtzeit: 30 Min.

DAS BRAUCHTS

  • 200 g altes Weissbrot, gewürfelt
  • 1 Zwiebel, gewürfelt
  • 2 EL Butter
  • 3 dl Milch
  • 4 Eier
  • 100 g Petersilie, fein gehackt
  • Salz und Pfeffer
  • nach Belieben
  • etwas Muskatabrieb
  • 1 EL Mehl

UND SO WIRDS GEMACHT
Weissbrot in eine Schüssel geben. Die Zwiebel mit Butter andünsten. Die Milch mit den Eiern verquirlen, Petersilie dazugeben. Mit Salz und Pfeffer sowie mit dem Muskat abschmecken. Alles mit den
Händen zu einer gleichmässigen Masse verarbeiten. Mit dem Mehl bestäuben und 30 Min. ruhen lassen.

Aus der Knödelmasse können nun die Knödel mit feuchten Händen geformt werden. In einem grossen Topf mit Salzwasser 10 Min. kochen.

Tipp: Geben Sie den Knödeln etwas Parmesan hinzu und/oder lassen Sie ein bisschen Butter darauf zergehen.


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Susanne Stettler

Freie Autorin

Foto:
Yannick Andrea
Veröffentlicht:
Montag 11.06.2018, 09:00 Uhr

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