Naturverbunden: Komponist und Dirigent Heinz Holliger in seinem Garten.

Heinz Holliger: «Musik ist wie ein Refugium»

Grenzgänger Der Langenthaler Oboist, Komponist und Dirigent, soeben mit dem Schweizer Musikpreis 2015 ausgezeichnet, lebt für die Musik.

Seine Weltkarriere begann 1959, als er in Genf den internationalen Oboenwettbewerb gewann. Heute gilt er als bedeutendster lebender Schweizer Komponist. Er lässt sich bei seinen Werken von Naturklängen oder Dialekten sowie Künstlern wie Robert Walser, Robert Schumann und Hölderlin inspirieren. Wenn Heinz Holliger (76) vom Musikmachen erzählt, lassen sein Wissen und seine Leidenschaft im Nu den Funken überspringen.

 
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Sie machen über 70 Jahre Musik – wie hat sich ihre Bedeutung für Sie verändert?
Musik zu machen ist für mich unverändert eine vitale Notwendigkeit. Sie ist integraler Bestandteil meines Lebens, ich brauche sie wie Luft zum Atmen. Sie hat einen wesentlichen Einfluss darauf, wie ich Dinge betrachte. Ich begann mit vier Jahren Blockflöte und mit sechs Klavier spielen zu lernen. Schon als Kind war ich überzeugt, dass die Musik für mich etwas ganz Wesentliches ist.

Haben Sie dabei das Kindsein verpasst?
Nein, absolut nicht! Ich hatte eine weitgehend undomestizierte, wilde Jugend mit vielen Bubenstreichen und sportlichen Wettkämpfen. Die Eltern machten mir kaum Vorschriften. Ich gehörte einer Kinderbande an, die sich im Wald mit einer anderen bekämpfte. Langenthal war ein kleiner Ort, in dem die Kinder quasi auf der Strasse aufwuchsen.

War klassische Musik da nicht beengend?
Ganz im Gegenteil! Musik lehrt einen frei, nicht manipulierbar und unabhängig von anderen zu sein. Für einen jungen Menschen ist sie wie ein eigenes Refugium, in dem er seine Probleme lösen kann. Da ich bis zur Matura in der Freizeit nach der Schule nicht büffeln musste, konnte ich durch den Wald toben, obwohl ich schon vor dem 10. Lebensjahr ein bis zwei Stunden täglich übte. Dann wollte ich unbedingt Oboe lernen, studierte aber weiterhin Klavier sowie Kompositionslehre. Dank hervorragenden Lehrern schaffte ich es, in der Matura-Woche auch noch alle musikalischen Abschlüsse zu machen.

Miniatur-Oboe – ein Geschenk aus Japan von einer Masterclass-Schülerin.

Miniatur-Oboe – ein Geschenk aus Japan von einer Masterclass-Schülerin.
Miniatur-Oboe – ein Geschenk aus Japan von einer Masterclass-Schülerin.

Was hat Sie an der Oboe fasziniert, mit der Sie dann als Solist berühmt wurden?
Mit elf oder zwölf Jahren begann ich in einem Kinderchor Bach-Kantaten zu singen – leider zu spät, denn schon bald kam ich in den Stimmbruch. So wurde die Oboe für mich zur «ewig haltenden» Sopranstimme. Dieses Instrument ist durch den Atem physisch mit meinem Körper verbunden und jede Musikphrase ist so lange wie ein Atemzug.

Was macht einen guten Oboisten aus?
Für mich ist ein Musiker dann gut, wenn man nach einigen Sekunden vergisst, welches Instrument er spielt, und nur der Geschichte lauscht, die er mit ihm erzählt.

«

Jede Note, die man notiert, wird Teil der Musikgeschichte, auch wenn sie nicht geglückt ist.»

Vor 40 Jahren komponierte er einen Kanon zu 36 Stimmen und notierte ihn auf einem Ei.

Vor 40 Jahren komponierte er einen Kanon zu 36 Stimmen und notierte ihn auf einem Ei.
Vor 40 Jahren komponierte er einen Kanon zu 36 Stimmen und notierte ihn auf einem Ei.

Für Ihre Kompositionen lassen Sie sich auch von Ihren Wanderungen inspirieren?
Wenn auf meinen Touren der Körper im regelmässigen Rhythmus schwingt, fliessen parallel dazu die Gedanken, wobei das Denken in dünner Bergluft anders funktioniert als im Flachland. Man hat eine Überklarheit im Kopf und hört in dieser Stille Klänge, die man sonst nicht wahrnimmt. Für mich sind auch Naturgeräusche Musik – Vogelrufe, raschelndes Laub oder fliessendes Wasser. Ich beobachte sogar meinen Herzschlag: Wie verändert er sich beim Musizieren mit der Atmung?

Weshalb komponieren Sie nur im avantgardistischen Stil?
Für mich war klar, dass ich nicht reproduzieren, sondern meine Gefühlswelt in Klänge übersetzen will. Dabei erfordert das Komponieren eine unglaubliche akustische Vorstellungskraft, da man im Gegensatz zu einem Maler nicht das ganze Werk vor sich hat und der kreative Prozess unendlich viel länger dauert als die spätere Aufführung.
 
Wo endet das Genie und beginnt das Handwerk?
Es ist ein verbreiteter Irrglaube, man könne einfach drauflos komponieren. Da steckt viel zerebrale, analytische Arbeit dahinter. Man bedenke: Von einer Note zur anderen habe ich etwa hundert Möglichkeiten. Deshalb sollte man das Metier von Grund auf lernen und so die Fähigkeit erwerben, das umzusetzen, was man sich vorstellt. Sonst muss man aufgrund fehlender Handwerkskunst Kompromisse machen.

Wenn Sie darüber sprechen glänzen Ihre Augen, als ob der Prozess für Sie dennoch lustvoll wäre …
Durchaus, er kann aber auch bis zur Selbstzerstörung führen, wenn es einem nicht gelingt, ein Stück so hinzubekommen, wie es einem vorschwebt. Ich setze mich deshalb nie vor ein leeres Blatt Papier, wenn ich die Komposition nicht schon weitgehend durchdacht habe. Jede Note, die man notiert, wird Teil der Musikgeschichte, auch wenn sie nicht geglückt ist. Hingegen ist man in der Imagination vollkommen frei und kann eine einstündige Komposition in einer Minute kreieren - wie jemand, der nach einem Unfall sein Leben in rasender Geschwindigkeit an sich vorüberziehen sieht. Das Ausbuchstabieren eines solchen Gedankenblitzes kann aber Monate dauern …


Was bedeutet Ihnen der Schweizer Musikpreis, den Sie 2015 bekamen?
Ich hatte kein Problem damit, ihn zu akzeptieren. Die Schweiz hat mich nie gehindert, das zu machen, was ich wollte. Selbst wenn ich extreme, wenig pflegeleichte Sachen machte. Unser Land ist – dank der Sprachenvielfalt – viel verrückter und liberaler als etwa Frankreich, wo mehr genormt ist. Die 1968er-Generation mit Mani Matter, Daniel Spoerri, Harald Szeemann und Jürg Wyttenbach, der heute noch die Revolution probt, war besonders stark.

Wie wichtig war, dass Ihre Gattin Ursula als Musikerin Zugang zu Ihrer Welt hatte?
Etwas anderes wäre völlig ausgeschlossen gewesen, denn mein ganzes Denken und Fühlen ist der Musik gewidmet. Wir beide waren Seelenverwandte. Eine Dichterin oder Malerin wäre auch noch vorstellbar gewesen, aber gewiss niemand fern der Kunst, denn kreative Menschen sind nicht leicht integrierbar in den normalen Gang des Lebens. Ein Komponist, der wie ich Grenzen auslotet, hat etwas Randständiges.

Ihre Tochter ist Geigerin – wie steht sie zu Ihrer Musik?
Sie hört sich vieles an und wir können gut darüber reden, aber manchmal findet sie meine Musik einfach zu kompliziert!

Porträt zu seinem 75. Geburtstag (SRF Kultur)

Vier Daten im Leben von Heinz Holliger

1956 Mit 17 erntet er Lob von Lehrmeister Sándor Veress für die ersten Kompositionen.
1978 Inspiration durch Robert Schumanns dramatisches Gedicht mit Musik «Manfred».
1993 Er erhält den Auftrag zur Komposition des Geigenkonzerts «Hommage à Louis Soutter».
1998 Am Zürcher Opernhaus kommt seine Oper «Schneewittchen» zur Uraufführung.

Heinz Holliger, Gewinner des Schweizer Grand Prix Musik 2015 »

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Stefan Bohrer
Veröffentlicht:
Montag 14.12.2015, 20:44 Uhr

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