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Im Dörrhäuschen trocknen die Kastanien im oberen Teil, darunter brennt über Wochen Tag und Nacht ein Mottfeuer, das morgens und abends entfacht werden muss.

Heissi Marroni: Süsse Frucht, Harte Ernte

Im Bergell wächst einer der grössten Esskastanienwälder Europas. Ivana Engler-Picenoni setzt sich dafür ein, dass er nicht schrumpft.

Ivana Engler-Picenoni erntet mit ihrem Mann  Andreas Kastanien. Die Arbeit ist anstrengend.

Ivana Engler-Picenoni erntet mit ihrem Mann  Andreas Kastanien. Die Arbeit ist anstrengend.
http://www.coopzeitung.ch/Heissi+Marroni_+Suesse+Frucht_+Harte+Ernte Ivana Engler-Picenoni erntet mit ihrem Mann  Andreas Kastanien. Die Arbeit ist anstrengend.

Nach dem Dorf Maloja GR wird es wildromantisch: Herbstliche Nebelstreifen hängen an den Felsen. Links und rechts erheben sich über 3000 Meter hohe Gipfel. Die Strasse schlängelt sich – zum Teil in halsbrecherischen Haarnadelkurven – abwärts Richtung Italien, vorbei an Hütten und Dörfern. Und an Kastanienbäumen. Sie wachsen im südlichen Abschnitt des Tales. In diesen Wäldern sagen sich die sprichwörtlichen Füchse und Hasen Gute Nacht. Manchmal sogar Wölfe und Bären.

Gerade mal 1500 Menschen leben hier in elf Dörfern. Doch hinter dem Mond liegt das Bergell mitnichten. Es gibt sogar eine direkte Verbindung nach Zürich. Zumindest für den Strom. Denn im Dörfchen Castasegna GR, zuunterst im Tal, direkt an der italienischen Grenze, begegnet man plötzlich dem Logo «ewz». Das Elektrizitätswerk Zürich betreibt hier fünf Kraftwerke, das grösste in Castasegna. Das sorgt für Arbeit und einen gewissen Wohlstand.

Die Traditionen, die sie früher am Leben erhielten, haben die Bewohner von Castasegna aber nicht vergessen. Und zu den wichtigsten gehört die Pflege der Kastanienbäume. Hier steht nämlich einer der grössten Esskastanienwälder Europas. Das Gebiet heisst Brentan. Rund 500 Bäume gehören etwa 60 verschiedenen Familien. Viele Kastanienbäume werden jedoch nicht mehr gepflegt oder genutzt. «Denn das Ernten ist harte Arbeit», erzählt Ivana Engler-Picenoni (55). Sie ist mit diesen Bäumen aufgewachsen, auch ihre Familie pflegt sogenannte Selven, wo mehrere Bäume zusammenstehen. Diese Tradition reicht Generationen zurück. Eigentlich bis zu den Römern.

Sie siedelten in diesem Gebiet und brachten die Kastanien mit. Auch der Name des Tals soll von ihnen stammen: Bregaglia, den rätoromanischen Namen des Bergells, lässt sich von «Prae-Gallia» ableiten, was «vor Gallien» bedeutet. Castasegna hat seinen Ursprung im Wort Kastanie. Und auch das Elektrizitätswerk hat mit den Kastanien zu tun. Denn es hat sich immer wieder an der Förderung des Kastanienanbaus beteiligt

Gemeinsam für die Marroni

Immer wieder muss man sich bücken: Die aufwendige Ernte ist für die Familie Engler eine Leidenschaft. Finanziell lohnt sich die Arbeit jedoch nicht.

Immer wieder muss man sich bücken: Die aufwendige Ernte ist für die Familie Engler eine Leidenschaft. Finanziell lohnt sich die Arbeit jedoch nicht.
http://www.coopzeitung.ch/Heissi+Marroni_+Suesse+Frucht_+Harte+Ernte Immer wieder muss man sich bücken: Die aufwendige Ernte ist für die Familie Engler eine Leidenschaft. Finanziell lohnt sich die Arbeit jedoch nicht.

Andreas Engler (50) pocht trotzdem auf Unabhängigkeit: «Wir haben die Zürcher in der Hand, weil wir ihnen einfach den Strom abstellen können – und dann sitzen sie im Dunkeln!» Das sagt er natürlich nur als Scherz. Er hilft seiner Frau mit den Kastanien und ist froh um jede Unterstützung. «Die Bäume sind nicht einfach ein Hobby, sondern unsere Leidenschaft», erklärt er. «Und sie sind auch für das Dorfleben bedeutsam», ergänzt Ivana Engler-Picenoni. Denn die Familien gehen sich zur Hand bei der Verarbeitung.

Finanziell hingegen lohnen sich die Kastanien nicht. Dafür ist die Ernte von Hand viel zu aufwendig. Schweizer Marroni sind auch deshalb ein rares Gut. Die jährliche Ernte bewegt sich im zweistelligen Tonnenbereich. Doch die Schweizerinnen und Schweizer essen pro Jahr rund 2000 Tonnen.

Auch Coop setzt sich für Schweizer Marroni ein und hat sie dieses Jahr zum ersten Mal ins Sortiment aufgenommen. Sie sind jetzt bereits ausverkauft. Es bräuchte eine viel grössere Ernte in der Schweiz, um den Bedarf zu decken. Früher hatten die Kastanien keine spezielle Förderung nötig. Sie sicherten das Überleben. Als Faustregel gilt, dass ein Baum einen Menschen ein Jahr lang satt machen kann. Die Ernte pro Exemplar liegt etwa bei 50 bis 150 Kilogramm. Esskastanien sind nicht nur schmackhaft, sondern auch nahrhaft. Sie enthalten viel Stärke und Nahrungsfasern. Gluten hingegen kommt in Kastanien nicht vor, sie sind also auch für Menschen mit einer Unverträglichkeit gegen dieses Kleber-Eiweiss geeignet.

Esskastanien: Diese Nährstoffe sind drin

Lange galt die Kastanie als Brot der Armen. Im 19. Jahrhundert wurde sie von Kartoffeln, Mais und Bohnen immer mehr verdrängt, nach dem Zweiten Weltkrieg verlor sie als wichtiges Grundnahrungsmittel für die Menschen fast gänzlich an Bedeutung. Man fütterte damit die Tiere auf dem Hof.

Nur die Marroniverkäufer hielten mit ihren Ständen die Esskastanie hoch. Doch seit den 80er-Jahren bemühen sich nicht nur im Bergell, sondern auch im Tessin und in der ganzen Schweiz Edelkastanien-Enthusiasten wie Ivana Engler-Picenoni um den Erhalt der imposanten Bäume und ihrer feinen Frucht in der Schweiz. Und dafür nehmen sie viel Arbeit auf sich. Die Lese beginnt im Oktober. «Die Igel öffnen sich und lassen die Kastanien fallen, zum Teil fallen die Kastanienigel auch mitsamt den Früchten. Diese müssen dann mühsam befreit werden», erklärt Ivana Engler-Picenoni. Bei uns heissen eigentlich nur die grösseren, süssen Früchte Marroni. Oft wird der Begriff auch allgemein für Esskastanien gebraucht. Im Bergell ist das anders. Es gibt vier Kastaniensorten. «Eine heisst Marun, das bedeutet Marroni. Wir sprechen sonst allgemein von Kastanien, also von Esskastanien.» Die grossen Früchte verkauft die Familie. Danach folgt die Lese der kleineren Kastanien.  

Am Schluss werden Laub und Igel zusammengerecht und direkt auf der Selve verbrannt. Damit ist die Arbeit jedoch noch nicht getan. Kastanien sind nicht lange haltbar, sie werden zum Teil zu Mehl verarbeitet und vorher gedörrt. Dies geschieht in den sogenannten Cascine, den historischen Dörrhäusern. Die Cascina von Andreas und Ivana befindet sich in Bondo, dem Nachbardorf von Castasegna, wo ihre Eltern wohnen. Das Elternhaus und die Cascina wurden glücklicherweise vom Murgang verschont.

Warme Hände, warmes Herz

Die Früchte, die botanisch übrigens zu den Nüssen gehören, werden gesammelt, Laub und Igel unter den Bäumen verbrannt.

Die Früchte, die botanisch übrigens zu den Nüssen gehören, werden gesammelt, Laub und Igel unter den Bäumen verbrannt.
http://www.coopzeitung.ch/Heissi+Marroni_+Suesse+Frucht_+Harte+Ernte Die Früchte, die botanisch übrigens zu den Nüssen gehören, werden gesammelt, Laub und Igel unter den Bäumen verbrannt.

Inzwischen kommen die Aufräumarbeiten gut voran. Die Cascina der Picenonis raucht schon wieder wie eh und je. Was einen Militäreinsatz ausgelöst hat. Die aufräumenden Truppen in Bondo wussten nichts von den Dörrhäuschen und wollten das Feuer löschen. Deshalb hat Andreas Engler eine Erklärung ans Häuschen gehängt.

Die Kastanien müssen mehrere Wochen dörren, bevor man sie in Säcken schlägt, um sie von den Schalen zu befreien. Nach dem Verlesen und Putzen werden die schönen Stücke als gedörrte Kastanien verkauft und die zersprungenen zu Mehl verarbeitet.

Dass die Esskastanienbäume heute erhalten werden, dass im Bergell sogar ein dreiwöchiges Kastanienfestival stattfindet, ist auch das Verdienst der «Associazione castanicoltori Bregaglia», die es seit zehn Jahren gibt. Ivana Engler-Picenoni ist Vorstandsmitglied, sie organisiert auch den Verkauf und den Vertrieb der Kastanien. «Unser Ziel ist, dass die Selven gepflegt werden. Wir wollen dem Edelkastanienbaum wieder eine Bedeutung geben.»

Offensichtlich kommen sie dem Ziel näher: Die Marroni wird immer beliebter. Ihr Duft, die einzigartige Süsse und die Wärme in den Händen gehören seit Jahrzehnten und Generationen fest zur kalten Jahreszeit. Da wird es einem auch gleich warm ums Herz.

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Berner Marroni

Zwei Drittel seiner Kunden seien Frauen, sagt Fritz Bleuer. Die kämen aber nicht wegen ihm, sondern weil sich Frauen bewusster ernähren.

Wer feine Marroni sucht und etwas über deren Wirkung wissen will, ist auf dem Berner Bärenplatz richtig. Seit 43 Jahren steht Fritz Bleuer hier jeden Winter seinen Mann. Aus Hildegard von Bingens Buch über Edelkastanien zitiert der 65-Jährige frei, und wie die Heilige verkündet er, dass Marroni uneingeschränkt gesund seien.  
Seine Ware wächst im piemontesischen Susa-Tal heran, das von Turin Richtung Frankreich führt. Der Stand steht seit 1870 am Bärenplatz, heute gehört er Marco Maletti, von dessen Vater Fritz Bleuer das Handwerk lernte. Im Sommer betreut der Marronimann als Audio- und Videotechniker die Festival-Leinwand auf der Piazza von Locarno, und «im Nebenberuf» sei er geschieden, ist zu erfahren. Seine Tochter (30) isst wie er immer noch gern Marroni. ENFritz Bleuer in Bern ist nur etwa halb so gefährlich, wie er aussieht.

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Der Marronimann vom Paradeplatz

Vorhang auf für Frido! Das Marronihäuschen ist seine Bühne, das Bräteln seine Berufung. Und seine Kunden kennt er beim Namen – kein Wunder, lieben sie ihn.

Menschen, die auf das Tram spurten, andere, die gemütlich von Geschäft zu Geschäft schlendern. Und mittendrin fliegt eine Marroni durch die Luft. Gekonnt wird sie mit der dreieckigen Tüte eingefangen und dem Kunden entgegengestreckt. Das ist Martin Zahn alias Frido – sein Künstlername! Seit er zwölf Jahre alt ist, brät er Marroni. «Es ist wie ein Theaterstück. Ich bin der Hauptdarsteller, und das hier ist meine Bühne», erzählt der Zürcher. Er hatte schon früh angefangen, seinem Vater beim Marronibraten zu helfen, als dieser durch einen Unfall körperlich beeinträchtigt war. Es dauerte dann aber noch 17 Jahre, bis er es geschafft hatte, sich seinen Traum vom Marronistand am Paradeplatz zu erfüllen. Da-rauf ist er stolz: «Das hier ist der schönste Marronistand auf der ganzen Welt!» Das scheint nicht nur Frido so zu sehen: Auch seine Kunden, von denen er den grössten Teil beim Namen kennt, freuen sich, dass die Saison endlich beginnt. Ein Herr kommt auf ihn zu und ruft schon von Weitem: «Willkommen zurück, Frido!»

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Zwischen Mässmogge und Maagebrot

Seit zehn Jahren trotzt die Riehenerin mit ihrem Marronistand während der Basler Herbstmesse der Konkurrenz von Mässmogge und Maagebrot.

«Zuerst muss man die gut eingeschnittenen Marroni kurz bei grosser Hitze rösten», erklärt Esther Steinwandt, «dann die Temperatur reduzieren.» Mit dieser Methode würden sie optimal aufplatzen und die Schale lasse sich problemlos lösen. Die Riehenerin weiss, wie es geht – muss sie auch. Denn die Konkurrenz an Gaumenfreuden ist gross an der Basler Herbstmesse. Während der zwei Messewochen findet man Esther Steinwandt mit ihrem Marronistand beim Petersplatz. Wobei sie präzisiert: «Es ist nicht mein eigener Stand. Ich bin angestellt bei einem ehemaligen Schulfreund meines Mannes.» Livio Campana heisst dieser und führt das «Unternehmen» in dritter Generation. Seine Grossmutter brachte die Marroni in den 1920er-Jahren von Italien her über die Alpen zuerst nach Colmar, dann nach Basel. AEBilderbuchmässig: Esther Steinwandt in ihrem «Retro»-Marronistand.

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Katalin Vereb

Redaktorin, Kolumnistin

Foto:
Sandro Bader, Getty Images
Veröffentlicht:
Montag 13.11.2017, 15:54 Uhr

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