Herzklopfen im Bett

Sie: Es ist so weit: Morgen fliegen wir nach Venedig. Nur Schneider und ich. Unsere Hochzeitsreise. Nach so vielen Jahren. Hach, bin ich kribbelig! Da ich in Sachen Reisen ohne Kinder wirklich aus der Übung bin, habe ich im Vorfeld alles mehrmals neu organisiert, bis ich die wirklich optimale Lösung gefunden hatte. Kinder und Hund bei meinen Lieben in München, Haus und Mäuse in den Händen unserer wunderbaren Nachbarn, und dann, ja dann noch das Testament. Das habe ich heute auch noch geschrieben und dabei bitter geweint. 
Oh, hoffentlich, hoffentlich geht alles gut.

 
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Oh, hoffentlich, hoffentlich geht alles gut.

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Wie schafft es Schneider bloss, so ruhig zu bleiben?»

Ich musste es einfach schreiben. Auch wenn es mir dabei fast das Herz gebrochen hat.
Auch wenn ich dabei nur gedacht habe, dass bitte alle Schutzengel mithelfen, damit wir wieder heil zurückkommen werden. Dass der Pilot von unserem Flugzeug so gerne lebt wie wir, dass keine durchgeknallten Typen in München Bomben legen, dass Venedig von keiner Flutwelle überrollt wird.
Je näher unsere Reise kommt, umso grösser wird mein Katastrophenfilm im Kopf. Ich habe Herzrasen und fühle mich damit sehr allein.
Denn Schneider liegt neben mir im Bett und atmet ruhig. Der hat die Ruhe weg. Wie schafft er das bloss?

Er: Ich weiss: Flugzeuge stürzen extrem selten ab. Wie selten, das wusste ich aber nicht. Also habe ich vor dem Schlafengehen im Internet recherchiert. Unbemerkt von Schreiber natürlich, die wäre nur nervös geworden, hätte sie den Suchbegriff gesehen: «Wahrscheinlichkeit, mit dem Flugzeug abzustürzen».

Meine Recherche machte Mut: Ich müsste 67 Jahre ununterbrochen fliegen, um in ein Unglück verwickelt zu werden. Und selbst dann wäre ich noch nicht tot: 95,7 Prozent aller Passagiere überleben eine Bruchlandung. Weiter fand ich Tipps, welche die Überlebenschancen erhöhen: 1. Bequeme und warme Kleidung tragen. 2. Robuste Schuhe anziehen, keinesfalls High Heels. 3. Hinten in der Nähe der Notausgänge sitzen.

«

Schreiber hätte meine Recherche nur nervös gemacht.»

Zum Schluss las ich dann aber noch diese Statistik: Von 100 Millionen Passagieren sterben knapp zwei.
Da fiel mir unwillkürlich ein, dass Schreiber und ich knapp zwei Passagiere sind.
«Schläfst du?», fragt sie mich auf einmal. Klar, dass sie wach ist. Schreiber denkt garantiert daran, dass wir abstürzen und unsere Kinder zu Waisen werden.
Ich stelle mich deshalb schlafend. Sonst würde sie bestimmt nur denken, dass auch ich die ganze Zeit an den Flug von morgen früh denke.

 (Coopzeitung Nr. 43/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 12.10.2015, 15:00 Uhr

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