Auf immer und ewig verbunden: Priscila und Michael besiegeln ihre Liebe mit einem Vorhängeschloss an der Zürcher Münsterbrücke.

Hin und weg: Liebe auf Umwegen

Kein gemeinsamer Alltag, wenig Zweisamkeit. Eine Liebe auf Distanz stellt Paare auf eine harte Probe.

Priscila Gonçalves hat die Zeit – und die Welt um sich herum – vergessen. Es sind ihre letzten, innigen Minuten mit Michael. Dabei eilt es gerade sehr. In drei Minuten schliesst der Flughafenzoll. Priscila braucht den Ausreisestempel. Heute. Obwohl ihr Flug erst morgen geht. Heute ist ihr 90. Tag in der Schweiz. Bleibt die Brasilianerin länger im Schengenraum, bekommt sie Probleme bei der erneuten Einreise in die Schweiz.

Liebe braucht keine Sprache 

Ein Koffer voller Erfahrungen: Priscila zum ersten Mal im Schnee, …

Ein Koffer voller Erfahrungen: Priscila zum ersten Mal im Schnee, …
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Die Geschichte von Priscila (22) und Michael beginnt im Juni 2016 am berühmtesten Strand Rios, der Copacabana. «Ich war hin und weg», sagt der 26-Jährige über seine erste Begegnung mit der Südländerin. Neun Monate später könnte der Unterschied nicht grösser sein: Es ist grau, nass und kalt beim Stadtbummel durch Zürich, daher sucht das Paar immer wieder die Nähe zuei-
nander. «Obwohl ich damals bloss ein paar Brocken Portugiesisch sprach, fragte ich sie nach ihrer Nummer», erzählt der Investmentbanker weiter. Latinas würden niemals den ersten Schritt machen. «Sie wollen erobert werden.» Zwei Tage lässt Priscila den Schweizer zappeln, dann darf er sie zum Essen ausführen. «Eigentlich wollte ich ja keinen ‹Gringo›, also keinen Ausländer», sagt sie und lacht. «Die machen sich bei uns eine schöne Zeit, dann gehen sie wieder», erklärt sie ihr anfängliches Zögern. Diesbezüglich würden sich die Frauen keine falschen Illusionen machen.

Tatsächlich: Auch Michael schmiedet zu Anfang noch keine konkreten Pläne. Nach den zwei Wochen kehrt er relativ unbeschwert nach Zürich zurück. «Ich habe jedoch schnell gemerkt, dass mein Herz in Brasilien geblieben ist.» Der Kontakt mit seinem Ferienflirt reisst nicht ab, sondern vertieft sich via Whatsapp und Skype. «Natürlich war ich mir der grossen räumlichen Distanz bewusst, trotzdem wollte ich sie unbedingt wiedersehen.» Im Oktober fliegt er erneut für knapp drei Wochen nach Rio. «Darüber war ich sehr erleichtert», erklärt Priscila. «Ich verstand seine Rückkehr als Statement für uns und unsere Liebe.»

«

Die Wucht der Liebe ist mächtiger als alle Vernunft.»

Klaus Heer, Autor und Paartherapeut

Es ist, was es ist

… bei einer Zürisee-Schiffsfahrt …

… bei einer Zürisee-Schiffsfahrt …
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Wo die Liebe hinfällt, darauf haben wir nicht immer Einfluss. «Die Wucht der Liebe ist oft viel mächtiger als alle Vernunft», sagt Klaus Heer, der seit über 40 Jahren als Paartherapeut tätig ist. «So kommen ‹unvernünftige› Entscheidungen zustande, die nicht einmal den Betroffenen klar sind.» Und eigentlich ganz egal, ob neun oder eben 9000 Kilometer: «Genau genommen lebt jedes Paar, das nicht gemeinsam unter einem Dach lebt, in einer Fernbeziehung», so Heer. Doch aus konventioneller Sicht gilt natürlich: je grösser die Distanz, desto grösser das Handicap für die Liebe.

Wenn es um sein Glück geht, fackelt Michael nicht lange. Zum zweiten Mal zurück aus Rio, zieht er zu Hause aus, mietet sich eine Wohnung – und bucht seiner Liebsten nach Absprache einen Flug in die Schweiz! Obwohl der Praktikant ja eigentlich aufs Geld schauen müsste. «Die Liebe ist eben ein grosses Paradox», erklärt Heer. «Sie zieht uns mächtig zueinander hin, wenn wir Flugstunden voneinander getrennt sind.» Das Sehnen könne beinah unerträglich und schmerzhaft werden. «Wenn man eine zu lange Pause macht, kommt die Beziehung ins Stocken», ist sich Michael sicher. Und Priscila steht seiner Spontaneität in nichts nach: Sie kündigt ihren Bürojob, beantragt einen Reisepass und kommt vier Wochen später – mit einer schriftlichen Einladung – in der Schweiz an. «Es war bitterkalt und ich habe zum ersten Mal Schnee gesehen», erinnert sie sich fröstelnd an die Minusgrade. «Aber null sind besser als 40 Grad! Und gegen Kälte kann ich mich schützen.» In Brasilien teile sie sich mit ihren Eltern eine einfache Wohnung ohne Klimaanlage. «Vor der Hitze zu fliehen ist dort schlichtweg unmöglich.» 

Anschmiegsam, feurig, stolz – Südamerikanerinnen werden Attribute zugesprochen, die europäischen Frauen angeblich fehlen sollen. «Unsere Beziehung mag einigen vielleicht klischeehaft vorkommen», räumt Michael ein. «Ich finde es aber völlig in Ordnung, wenn man seine Partnerwahl auch aufgrund der optischen Vorlieben trifft.» Priscila sieht das ähnlich. Michael verkörpere mit seinen hellen Haaren und Augen eine ganz eigene Art von Schönheit. «Ausserdem ist er kein machoider brasilianischer Gockel, der unehrlich ist und mehrere Frauen gleichzeitig hat.»

«Ich verstehe kein Wort»

… und vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris.

… und vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris.
http://www.coopzeitung.ch/Hin+und+weg_+Liebe+auf+Umwegen … und vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris.

Neunzig gemeinsame Tage können, müssen aber nicht lang sein. «Angst, dass es zwischen uns nicht funktionieren könnte, hatte ich keine», sagt Michael und fasst nach der Hand seiner Liebsten. Die hingegen fürchtete sich vor ihrem ersten Flug und der fremden Sprache. «Ich verstehe kein Wort. Daher komme ich mir oft wie eine Idiotin vor.» Auch mit ihrem Schulenglisch kommt sie nicht weit. Michael ist daher ständig in der Rolle des Übersetzers. Mit seinem Mix aus Spanisch und Portugiesisch kann er sich schon ziemlich gut verständigen. Auf einer Skala von eins bis zehn? Priscila gibt ihm eine Sechs. Doch irgendwann läuft die Schonfrist ab: «Sie muss mir schon beweisen, dass sie sich auch sprachlich integrieren möchte.» Dass ausländische Frauen oftmals nur in ihrem Kulturkreis verkehren, kann er nicht verstehen. «Dann wird es nämlich echt schwierig, einen Job und Freunde zu finden.»

Dauerharmonie als Liebestöter

Zurück in Zürich gabs dann ein Raclette. «Muito gostoso», findet sie.

Zurück in Zürich gabs dann ein Raclette. «Muito gostoso», findet sie.
http://www.coopzeitung.ch/Hin+und+weg_+Liebe+auf+Umwegen Zurück in Zürich gabs dann ein Raclette. «Muito gostoso», findet sie.

Freunde und Sport – in letzter Zeit hat Michael vieles davon vernachlässigt. «Ich wollte halt jede freie Minute mit meiner Partnerin verbringen.» Doch einer ihrer nächsten Besuche soll mit einer Aufgabe verbunden sein. «Heiraten ist für mich noch kein Thema, aber wir überlegen uns, ob sie nicht für ein Jahr als Aupair kommen könnte. Dadurch kann sie sich ein eigenes Universum erschaffen, die Sprache lernen und es gäbe so etwas wie Alltag zwischen uns.» Michael könnte sich auf seine Karriere konzentrieren und müsste nicht immer ein «Rundum-Sorglos»-Programm bieten. Denn: «Was unbedingt harmonisch verlaufen muss, geht unweigerlich in die Hose. Erwartungen sabotieren genau das, was man so gerne möchte», weiss Experte Klaus Heer. Doch auch das Zusammenwohnen berge seine Gefahren: «Wenn wir in den gleichen vier Wänden leben, müssen wir sehr aufpassen, dass die ersehnte Nähe nicht zu irritierender Reibung verkommt.»


Michael und Priscila erleben ihre junge Liebe noch mit einer gewissen Unsicherheit. Warum reagiert diese hübsche Kollegin auf das Facebook-Foto meines Freundes? Und: Was macht der eine, wenn der andere wieder abgereist ist? «Treue ist Grundvoraussetzung», darin ist sich das Paar einig. Dennoch kann die Brasilianerin ihre Eifersucht nicht überwinden. Als Vertrauensbeweis schlägt sie deshalb vor, Social-Media-Passwörter auszutauschen und Dating-Apps zu deinstallieren. «Ich empfinde ihren Vorschlag als vertrauensfördernd», sagt Michael. «Schliesslich habe ich ja nichts zu verbergen.» Klaus Heer hingegen findet: «Für mich ist das ein Killerargument gegen jedes persönliche Grundbedürfnis. Die eigene Privatsphäre ist ebenso schützenswert wie der gemeinsame Garten.» Von «sehr kontrollwütigen» Partnern könne man zwar nur in den seltensten Fällen sprechen, viel häufiger aber gebe es Paare, die gegenüber dem Sicherheitsbedürfnis des anderen völlig hilflos sind. «Diese unbeholfene Reaktion befeuert die Kontrollwut. Ein Teufelskreis!» Doch seien es für ihn nicht die Sozialen Medien, die die Eifersucht anheizen würden: «Die Leute sind zu zurückhaltend beim Ja-Sagen zu einem Menschen. Sie suchen weiter, auch wenn sie längst gefunden haben. So fehlt in der Beziehung die Liebesgewissheit, was besonders auf grosser Distanz schwer erträglich ist.»

Auswandern für ein Happy End

Die grosse Durststrecke – sie soll kein Dauerzustand werden. Doch für Michael ist klar: «Meine berufliche Zukunft liegt nicht in Brasilien. Daher müsste Priscila den Schritt wagen.» Und das tut sie im Mai, wenn auch vorerst wieder nur für 90 Tage. «Wenn ich nicht fälschlicherweise von einer erlaubten Aufenthaltsdauer von drei ganzen Monaten ausgegangen wäre, müsste sie die letzte Nacht nicht im Transit-Hotel des Zürcher Flughafens verbringen», ärgert sich Michael. Besonders unglücklich am falschen Timing: Priscilas Abflugtag ist ausgerechnet sein Geburtstag. Den muss er nun alleine verbringen. Mit dem Wissen, dass seine Freundin eigentlich – am 91. Tag ihrer Reise – noch immer auf Schweizer Boden ist.

Fernbeziehung mit Happy End: Ana mit Leo und Söhnchen Luan.

Fernbeziehung mit Happy End: Ana mit Leo und Söhnchen Luan.
http://www.coopzeitung.ch/Hin+und+weg_+Liebe+auf+Umwegen Fernbeziehung mit Happy End: Ana mit Leo und Söhnchen Luan.

Die Liebe findet immer einen Weg: Veranstaltungskoordinatorin Ana (34) und Postproduction Supervisor Leo (33). Nach der Kanti legte Ana 2002 ein Zwischenjahr in Mexiko ein. Dort lernte sie ihren heutigen Mann Leo kennen – und lieben. Heute lebt das Paar zusammen in der Schweiz und hat einen einjährigen Sohn.

Ana: Hätte es zu unserer Anfangszeit schon Facebook gegeben, hätten vielleicht auch wir Probleme mit Eifersucht gehabt.

Leo: Das hätte aber nicht nur mit Männern zu tun gehabt! Ich wäre auch auf deine Freundinnen neidisch gewesen, weil sie mit dir eine schöne Zeit verbringen durften.

Ana: Unser Kontakt beschränkte sich nach meinem Jahr in Mexiko auf Briefe und den Messenger-Chat.

Leo: Dafür musste ich in Querétaro, wo ich Film studiert habe, ins Internetcafé.

Ana: Die Verbindung war so schlecht, weisst du noch?

Leo: Natürlich, das Programm hat sich immer aufgehängt. An Weihnachten im selben Jahr habe ich dich dann in der Schweiz besucht. Ich war so nervös und dachte, du wollest Schluss machen.

Ana: Das hättest du mir zugetraut?

Leo: Ich bin einfach mal vom Schlimmsten ausgegangen.

Ana: Jemanden zum Schlussmachen einfliegen lassen, das machen vielleicht höchstens Mexikaner! (Lacht.)

Leo: Das Wiedersehen war ja dann auch ganz vertraut und wunderschön. Obwohl du für mich plötzlich eine ganz andere Person warst.

Ana: Du hast mich halt in meinem Alltag erlebt.

Leo: Das Drumherum war mir eigentlich egal, auch die Schweiz. Ich wollte nur mit dir zusammen sein.

Ana: Nach Leos Besuch war jedenfalls klar, dass wir uns mehr vorstellen konnten ...

Leo: Wir waren aber noch sehr jung und haben uns eher auf die nahe Zukunft fokussiert.

Ana: Zum Beispiel den nächsten Besuch in Mexiko! Doch bis dahin musste ich noch jede Menge Bier ausschenken, damit ich mir den Flug leisten konnte.

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Leo: Um näher bei Ana zu sein, habe ich dann ein Zwischenjahr in Madrid eingelegt.

Ana: Ich war zu der Zeit an der Tourismusfachschule im Wallis. Von Genf aus gab es günstige Flüge, so haben wir uns regelmässig gesehen.

Leo: Es ist immer derjenige gekommen, der einen preiswerteren Flug bekommen hat.

Ana: Vor meinem Abschluss habe ich dann ein Praktikum gemacht. Natürlich in Mexiko!

Leo: In Morelia hatten wir unsere erste gemeinsame Wohnung. Ich konnte dich bekochen und mit dir Alltag erleben, das war toll ...

Ana: Für meinen Abschluss musste ich dann aber wieder zurück. Damals waren wir am längsten voneinander getrennt: acht Monate!

Leo: Währenddessen habe ich in Mexiko-Stadt einen Job in der Filmbranche sowie eine tolle Wohnung für uns gefunden.

Ana: Geplant war, dass ich für anderthalb Jahre komme und wir danach zusammen zurückgehen.

Leo: Ana war es wichtig, dass auch ich mal in der Schweiz wohne und arbeite. Am Schluss sind wir dann aber länger in Mexiko geblieben und haben 2010 sogar dort geheiratet.

Ana: Eigentlich hattest du mir versprochen, schon dort Deutsch zu lernen!

Leo: Mein Job war so stressig, dass ich beim Kurs fast eingeschlafen bin. Und in unseren vier Wänden eine andere Sprache zu sprechen, kam mir irgendwie falsch vor.

Ana: Erst nach unserem Umzug in die Schweiz hat sich Leo so richtig reingekniet.

Leo: Ich musste! Ana hat mir klargemacht, wie wichtig es hier ist, guten Willen zu zeigen.

Ana: Wir haben zeitgleich einen Job gefunden ...

Leo: ... aber ich hatte anfangs mehr Mühe damit. In Mexiko sind alle vom ersten Arbeitstag an «Amigos». Diese Mentalität vermisste – und vermisse – ich. Und natürlich meine Freunde und Familie.

Ana: Zum Glück gibts Skype!

Leo: Ja, dank der modernen Technik «treffe» ich jeden Sonntag meine Eltern. So können sie Luan aufwachsen sehen und sich davon überzeugen, dass es mir in meinem neuen Leben gut geht.

10 Regeln für die Fernliebe

Klaus Heer gibt Tipps für die Liebe auf Distanz

Klaus Heer gibt Tipps für die Liebe auf Distanz
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Do's

  • Einigen Sie sich auf die Art Ihres Kontaktes: Medium, Häufigkeit und Themen. 
  • Errichten Sie einen gemeinsamen Blog, der die Spuren Ihrer Liebe registrieren kann. 
  • Sie pflegen keine 08/15-Beziehung. Daher besprechen und gestalten Sie miteinander immer wieder die spezielle Eigenart Ihrer Liebe. 
  • Entdecken Sie den Reiz und den Charme der gesprochenen und geschriebenen Sprache, die Sie verbindet. 
  • Klären Sie ausdrücklich den Bereich Treue, Untreue und Eifersucht.

Don'ts

  • Geizen Sie nicht bei Ihrer elektronischen Verbindung. Computer und Smartphones müssen technisch auf dem neusten Stand sein, damit der Umgang mit ihnen Freude bereitet. 
  • Beschränken Sie sich wenn möglich nicht auf oberflächliche Alltagsthemen. Versuchen Sie auch Ihre persönliche, intime und erotische Beziehung frisch zu halten.
  • Lassen Sie nicht zu, dass Eifersucht zur Tabuzone wird.
  • Quälen Sie den anderen nicht mit Forderungen, von denen Sie wissen, dass er sie im Moment nicht erfüllen kann. Erkunden Sie einfach die aktuelle Situation nach deren Chance für Sie beide. 
  • Reden Sie nicht zu viel. Aktivieren Sie vielmehr Ihre Ohren. Und das Herz, das mit dem Hörorgan verbunden ist.

Nadine Bauer

Redaktorin

Foto:
Heiner H. Schmitt, Rahel Krabichler
Veröffentlicht:
Montag 27.03.2017, 15:00 Uhr

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