Alena Ehrenbold hat das Lehrerpult gegen das Surfbrett getauscht.

Höllenritt: «Ich lebe meinen Traum»

Alena Ehrenbold hat ihre sichere Stelle als Lehrerin aufgegeben – nun sucht sie die perfekte Welle.

Das findet Alena Ehrenbold (33) jetzt cool. Ein Alphornbläser berieselt das Café am Luzerner Seeufer, in dem wir uns zum Gespräch getroffen haben, mit seinen urchigen Tönen. Ehrenbold ist gerade zurück aus Indonesien, bald wird sie nach Hawaii aufbrechen. Die Luzernerin ist Wellenreiterin und für Surf-Projekte monatelang im Ausland unterwegs – an Orten, wo andere ihre Ferien verbringen. Dort vermisst sie nebst Familie und Freunden das, was für uns selbstverständlich ist: Hahnenwasser, das man trinken kann. Richtig gutes Brot zum Frühstück. Oder eine Bratwurst. «Dinge eben, die mir vorher in der Schweiz gar nicht richtig auffielen.» So wie die Klänge des Alphorns.

Ehrenbold lebt ihren Traum. Lange rang sie mit sich, im Sommer 2015 liess sie sich schliesslich voll auf ihre Leidenschaft ein. Die studierte Ökonomin hatte zuvor während fünf Jahren am Gymnasium Wirtschaft und Recht unterrichtet. War fest angestellt. «Ich hatte ein Superleben in der Schweiz», sagt sie. Dennoch gab sie es auf. Was nicht alle verstanden. Aber: Der Unterricht in einem Klassenzimmer mag eine Herausforderung sein, doch am Ende ist der Ritt auf der Welle halt um einiges prickelnder. Das Leben ist intensiver und regt alle Sinne an, der Körper ist gefordert und muss bereit sein – ganz anders, als wir das im normalen Alltag gewohnt sind. «Kein Tag am Meer ist wie der andere», sagt sie, «Wetter, Licht und Wellen ändern immer wieder.»

Alena Ehrenbold schildert die Faszination des Wellenreitens derart anschaulich, dass wir ihr beim nächsten Mal am liebsten nachfliegen und uns ebenfalls mit einem Brett in die Brandung stürzen würden – obwohl wir nicht mal an Land richtig die Balance halten können. Sie selber hatte zu Beginn auch ihre liebe Mühe. Vor zwölf Jahren kam sie durch ihren damaligen Freund zum Wellenreiten und zahlte gleich Lehrgeld, wie sie sich erinnert: «Ich hatte überall blaue Flecken und Unmengen Salzwasser im Magen.» Sie pausierte ein Jahr, dann versuchte sie es erneut. Es war wie Liebe auf den zweiten Blick: Beim neuerlichen Versuch zog es ihr den Ärmel rein. Fortan verbrachte sie ihre Ferien mehrheitlich dort, wo die Wellen sich überschlagen.

Das eigene Brett als Widersacher

Den ultimativen Ritt erlebte sie in Indonesien. Eine grosse, lange Wand türmte sich vor ihr auf. «Ich dachte: Ah, so sieht also die perfekte Welle aus!» Es passte alles. Was, wenn es aber nicht passt? «Ach, so schlimm ist es auch wieder nicht», winkt sie ab, «Wellenreiten ist ein verletzungsarmer Sport, wenn man ihn beherrscht.» Am gefährlichsten wird es, wenn sie Richtung Steine am Ufer getrieben oder aber vom eigenen Brett getroffen wird. Dann kann es schon mal einen Kratzer absetzen. Sie zeigt auf ihre Schläfe, wo eine Narbe zu sehen ist, auf ihre Lippe und auf eine auffällige Stelle über dem Auge.

Ihrer Leidenschaft waren solche Zwischenfälle nicht abträglich. Ehrenbold ist voller Ideen und betreibt zahlreiche Projekte. Das ist nötig, damit sie ihr Leben mit den vielen Reisen finanzieren kann. Sie schreibt für Magazine und Zeitungen übers Surfen und Reisen, coacht Surfer, nimmt als Surf-Expertin an Veranstaltungen teil und dreht zurzeit nach dem Erstling «I Wanna Surf» ihren zweiten Film, der im Juni in der Schweiz anläuft. Dieser trägt den Titel «Blue Road» und erzählt die Lebensgeschichten dreier Surferinnen. Der Dokumentarfilm handelt von der Suche nach dem Glück und der Frage, welche Rolle eine Leidenschaft im Leben spielen darf.

Ihre Passion übt sie hin und wieder auch in einem Wettstreit mit den anderen Surferinnen aus. Ehrenbold war schon Schweizer Meisterin im Wellenreiten und nahm an Europa- und Weltmeisterschaften teil, ohne allerdings ganz nach vorne in die Spitze zu surfen. Denkbar, dass sie 2020 an den Olympischen Spielen in Tokio zu sehen sein wird. Nicht alle Surfer sind wirklich davon angetan, dass ihr Sport nun ins Programm der gigantischen Sportveranstaltung mit ihrem ganzen Kommerz aufgenommen wurde; das kennt man bereits von den Snowboardern her, wo es anfänglich auch solche Diskussionen gab.

Ehrenbold hingegen hat keine Berührungsängste mit Olympia. Sie begrüsst es, wenn der Event unter den fünf Ringen ihren Sport bekannter macht und weitverbreitete Vorurteile endlich aus der Welt schafft: «Zum Beispiel, dass wir den ganzen Tag am Strand rumhängen und abends Party machen.» Das Gegenteil ist der Fall: Normalerweise versinkt Alena Ehrenbold spätestens um neun Uhr abends in einen Tiefschlaf, ermattet vom Kampf gegen die Welle, die sich auftürmt wie ein Monster.

…von Alena Ehrenbold 

Hossegor, Frankreich: Anspruchsvolle Wellen – und natürlich die Küche.

Oahu, Hawaii: Klares Wasser, atemberaubende Landschaft, Weltklasse-Wellen.

Bali, Indonesien: Qualität und Dichte der Wellen sind einmalig.

Weitere Bilder auf Alena Ehrenbolds Instagram Profil

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