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In einem Bienenstock leben je nach Grösse und Jahreszeit bis zu 60 000 Bienen.

Der Tessiner Jungimker Nicola Schärer kontrolliert nach der Winterpause den Gesundheitszustand seiner Bienen.

Honigbienen: Bald schwärmen sie wieder aus

80 Prozent aller Pflanzen sind von der Bienenbestäubung abhängig. Umso wichtiger ist es, die schwarz-gelben Insekten zu bewahren. Die Coopzeitung hat einem Jungimker im Tessin über die Schulter geschaut.

Es ist ein lauwarmer Nachmittag Anfang März. Die ersten Bienen von Nicola Schärer wagen sich für einen kurzen Ausflug ins Freie. Zwar noch etwas zaghaft, aber nach der langen Winterpause scheinen sie es zu geniessen, endlich mal wieder ihre Flügel ausbreiten zu können. Um Nektar zu sammeln, ist es jedoch noch zu früh und etwas zu kühl. «Jetzt geht es erst mal darum, den Gesundheitszustand der Bienen zu kontrollieren», so der 23-jährige Agro-Techniker aus Novazzano TI. «Dieses Jahr sind wir wegen des Wetters mit allem ungefähr zehn Tage früher dran.» Dann hebt er vorsichtig den Deckel eines Bienenstocks an, um die Wabenrähmchen und die Betriebsamkeit der Bienen zu begutachten. Es herrscht emsiges, aber unauffälliges Treiben – ein Zeichen dafür, dass die Bienen den Winter unbeschadet überstanden haben: «Alles in Ordnung, sie sind entspannt.» Noch im letzten November musste der junge Imker seine Tierchen behandeln. Glücklicherweise konnte ihnen die Varroa-Milbe, die ganze Bienenvölker ausrotten kann, nichts anhaben. Sie stellt für alle Bienen in der Schweiz eine Gefahr dar, denn sie schwächt sie und macht sie somit für andere Krankheiten anfällig.

Schärer imkert bereits in der sechsten Generation. Die Leidenschaft für Bienen wurde ihm, wie schon seinem Vater Reto (ehemals kantonaler Bienenstockinspektor), also quasi in die Wiege gelegt. So erstaunt es auch nicht, dass Schärer aktuell beim Pilotprojekt «Bienenpatenschaft» der Coop Patenschaft für Berggebiete im Tessin teilnimmt. «Wer Bienen hat, dem wird nie langweilig», sagt er. Wen wunderts? In einem Bienenstock wohnen je nach Grösse und Jahreszeit rund 60 000 Bienen. 1500 davon sind Drohnen, also männliche Bienen, die nur eine einzige Aufgabe haben: die Königin zu begatten. Diese wird übrigens ungefähr vier Jahre alt und kann pro Saison gut und gerne 100 000 bis 200 000 Eier legen.

«

Mit heimischen Bienen ein qualitativ hochstehendes Produkt herstellen - darum geht es mir am Ende.»

Eine der grössten Schwierigkeiten beim Imkern besteht darin, jeweils den richtigen Ort zum Aufstellen der Bienenstöcke zu finden. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Dis-ziplin, die sich mit der richtigen Positionierung und Ausrichtung von Bienenstöcken beschäftigt. Ebenso schwierig scheint es derzeit, Imker-Nachwuchs zu finden. «Das Durchschnittsalter der rund 500 Imker hier im Tessin liegt bei über 65 Jahren», so Schärer. «Ziehen sich diese aus der Imkerei zurück, geht viel Fachwissen verloren.» Und die Ausbildung ist kein Honigschlecken. Da reicht es nicht, einfach nur die Fachliteratur zu studieren. Auch die Praxis spielt eine zentrale Rolle, genauso wie Leidenschaft und Begeisterung für die Insekten. «Von den zehn Kursteilnehmern, die ich anfänglich an der Landwirtschaftsschule in Mezzana betreut habe, sind zwei übrig geblieben», erzählt Schärer. Viel zu wenig, wenn man bedenkt, wie wichtig die Imkerei auch für die Zukunft der Menschheit ist: «Wildbienen allein schaffen es nicht, alle unsere Pflanzen zu bestäuben. Ihre Völker sind viel zu klein und sterben schon nach wenigen Jahren», so Schärer. Dabei sind 80 Prozent aller Pflanzen von der Bienenbestäubung
abhängig; und die Landwirtschaft ist zu 70 Prozent auf die Arbeit der Bienen angewiesen.

Ortswechsel: Schärer nimmt uns mit in seine kleine Werkstatt, wo er Bienenstöcke ausbessert und für die Saison vorbereitet. Neben kleinen Reparaturen brauchen die Holzkästen einen neuen Anstrich. «Die Farbe hilft den Bienen, sich zu orientieren und wieder zurückzufinden», erklärt er. Dann setzt er eine Schraube in einen Holzkasten, der schon bald das Zuhause eines neuen Bienenvolks werden soll. Dieses wird dann bereits in einem Jahr den ersten Honig einbringen. Und davon lebt der Imker. Vom Honig, den er verkauft. Oder von anderen Produkten seiner Bienen wie Gelée Royale, Propolis (Bienenharz) oder Met (Honigwein). Subventionen erhält er keine. Das heisst, die mehreren Tausend Franken, die er Jahr für Jahr in die Erneuerung seiner Arbeitsutensilien oder den Kauf neuer Bienenvölker investiert, zahlt er aus dem eigenen Sack.

Apropos Bienenvölker: «Es besteht eine enorm hohe Nachfrage nach Völkern. Diese kann aber häufig nur durch ausländische Zukäufe, etwa aus Italien, befriedigt werden», sagt Schärer. Deshalb gebe es im Tessin viele hybride und weniger reinrassige Bienenarten, was das Heranzüchten eigener Kreuzungen erschwere. «Aber nur durch Kreuzungen erhält man starke, produktive Bienen. Und darum geht es mir am Ende: Mit ausgewählten heimischen Bienen ein qualitativ hochstehendes Produkt herzustellen.»

Davide Conconi, Vizepräsident des Imkerdachverbands Apisuisse.

Davide Conconi, Vizepräsident des Imkerdachverbands Apisuisse.
Davide Conconi, Vizepräsident des Imkerdachverbands Apisuisse.

Die Pollenqualität nimmt ab!

Der zweithöchste Schweizer Imker spricht mit der Coopzeitung über das Bienensterben.

Coopzeitung: Wie schlimm stehts um unsere Bienen?
Davide Conconi: Die weltweit mit dem Bienensterben verbundenen Schwierigkeiten machen sich auch bei uns bemerkbar. Jedoch: 10 Prozent Winterverlust gilt als normal. In den letzten Jahren lag der Rückgang der Bienenvölker im Durchschnitt bei 30 Prozent, während er vor zwei Jahren in der Schweiz 50 Prozent betrug.

Wo liegen die Ursachen?
In Italien und Frankreich sind Pestizide die Hauptursache. Sie können innerhalb von wenigen Stunden ein ganzes Bienenvolk ausrotten. 2013 wurden in der Schweiz 13 Vorfälle von erhöhtem Bienensterben gemeldet. Am häufigsten ist die allmähliche Vergiftung. Das Immunsystem der Biene wird geschwächt und sie ist so ein leichtes Opfer für Parasiten wie die Varroa-Milbe. Andere Faktoren sind die Umweltverschmutzung, die Zubetonierung, der Klimawandel, die schlechtere Pollenqualität und blütenarme Obstbäume.

Sie sprechen vom Fall der Kastanienbäume im Tessin.
Genau. Im Tessin hat die Gallwespe Kastanienbäume befallen, wodurch die Blüten fehlten. Es wird also weniger Kastanienhonig geben, dafür mehr Linden- oder Brombeerhonig.

Was das Problem nicht löst ...
Nein, denn obwohl die Bienen, die überleben, stärker und fruchtbarer sind, nimmt die Frustration der Imker zu und immer mehr von ihnen geben die Imkerei auf. Und das ist das Problem. Das Fachwissen, das sich die alten Imker angeeignet haben, droht verloren zu gehen. Der Generationenwechsel ist also längst überfällig.

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Text: Mirko Stoppa

Foto:
Charly Rappo, Monica Rusconi
Veröffentlicht:
Montag 31.03.2014, 17:35 Uhr

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