Horizonterweiterung

Sie sorgt sich, wie er sorglos fragt.

Sybil Schreiber: Wir sitzen am Tisch. Schneider und ich auf der einen, zwei Versicherungsberater auf der anderen Seite. Zwischen uns Berge von Dossiers, Grafiken, Berechnungen. Es geht um unsere Vorsorge. Sehr spannend, denn schliesslich wollen wir im Alter nicht verlumpen. Und das Alter klopft langsam bei uns an, denke ich, als ich meine Hände auf dem Tisch sehe. Sie erinnern mich an meine geliebte Grosstante, die über 80 Jahre alt geworden ist. Als wir die Zahlen präsentiert bekommen, fragt Schneider: «Und wenn wir uns scheiden lassen, wer bekommt dann das Geld?» – «Scheiden lassen? Spinnst du, wir lassen uns nicht scheiden!» – «Nein, natürlich nicht.» – «Warum fragst du dann?» – «Na, man darf doch mal fragen, oder? Ist nämlich interessant», entgegnet er.

«

Scheidung? Was redet Schneider da von Scheidung?»

Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, wie der eine Berater sich amüsiert, der andere sich wundert. Und während ich mich vom Schreck erhole, sagt Schneider: «Wenn ich sterbe, bekommt sie also diese Summe? Hm, da muss ich ja um mein Leben fürchten.» Er lächelt. Ich nicht. Mir macht diese Sitzung Mühe. Statt mir jetzt schon Sorgen zu machen, will ich einfach noch ganz lange mit Schneider zusammenleben. Selbst wenn wir verlumpen.

Steven Schneider: ««Was ist denn mit dir los», fragt mich Schreiber, als die beiden Versicherungsleute weg sind. «Muss ich mir Sorgen machen?» – «Im Gegenteil. Wir kaufen uns mit dieser Lösung eine sorgenfreie Zukunft.»
Schreiber scheint sich darüber aber nicht zu freuen. Sie hört mir mit einer Miene zu, die für die folgenden Minuten Disharmonie verspricht: «Weisst du, wie blöd ich mich fühle, wenn du vor anderen von Scheidung sprichst?» –
«Ich habe doch nicht von unserer Scheidung geredet. Mehr allgemein. Ich will mich nicht scheiden lassen.» – «Das will ich auch hoffen.»

«

Sie hört zwar zu, will aber gar nicht mit mir reden.»

«Sonst würden wir ja mit Anwälten zusammensitzen, nicht mit Vorsorgeberatern», sage ich, merke aber, dass diese Art von Humor nicht gefragt ist. «Und als du wissen wolltest, wie das mit der Zahlung ausschaut, wenn du dich selber umbringst... Bist du vollkommen übergeschnappt?» – «Das sind hochinteressante Überlegungen. Wenn wir mit Fachleuten am Tisch sitzen, dann will ich davon profitieren. Ich habe im Grunde meinen Horizont erweitert. Und übrigens: Ich lebe sehr gerne.» Da huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. «Was ist?» frage ich. «Ich habe mir nur grad überlegt, ob man sich auch gegen taktlose Ehemänner versichern kann.»

(Coopzeitung Nr. 32/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Mittwoch 14.08.2013, 15:49 Uhr

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