Im Gleichklang: Nun singet!

Singen im Chor macht nicht nur Spass, sondern ist auch gesund. Sogar die Herzen schlagen bei Chorsängern synchron. Studien zeigen: Gemeinsames Singen stärkt Körper und Geist.

Einmal pro Woche ist Probe: Chorleiter Oliver Rudin gibt bei den «Männerstimmen» den Ton an.

Einmal pro Woche ist Probe: Chorleiter Oliver Rudin gibt bei den «Männerstimmen» den Ton an.
http://www.coopzeitung.ch/Im+Gleichklang_+Nun+singet_ Einmal pro Woche ist Probe: Chorleiter Oliver Rudin gibt bei den «Männerstimmen» den Ton an.

Stille Nacht? Von wegen. Selten wird in den Schulzimmern, Stuben und Einkaufsstrassen der Schweiz mehr gesungen als in der Adventszeit. Anders sieht es offenbar in den restlichen elf Monaten des Jahres aus. Fachleute monieren, das gemeinsame Singen im Alltag habe bei der breiten Bevölkerung an Bedeutung verloren. Schuld sei die ständige Verfügbarkeit von Musik. Dabei entgeht all den Nichtsängern so einiges, sagt die Gesangspädagogin Gisela Müller (53): «Singen hat die Kraft, glücklich zu machen.» Gerade dem Chorsingen spricht Müller eine grosse Bedeutung zu. «Singen ist tiefer Selbstausdruck. Wenn man das mit anderen teilen kann, zu einem einzigen Klangkörper wird, ist das sehr beglückend.»

Jugendchöre liegen im Trend 

Notenlesen bereitet ihnen keine Probleme: die Sänger der «Männerstimmen» beim Einüben eines neuen Stücks.

Notenlesen bereitet ihnen keine Probleme: die Sänger der «Männerstimmen» beim Einüben eines neuen Stücks.
http://www.coopzeitung.ch/Im+Gleichklang_+Nun+singet_ Notenlesen bereitet ihnen keine Probleme: die Sänger der «Männerstimmen» beim Einüben eines neuen Stücks.

Eingeweihte berichten schwärmerisch vom Zauber des Chorsingens: Rund 44 000 Sängerinnen und Sänger in rund 1530 Chören umfasst die Schweizerische Chorvereinigung SCV derzeit. Noch einmal so viele singen in katholischen und reformierten Kirchenchören. Während diese mit Überalterung zu kämpfen haben, verzeichnen Chöre mit jungen Mitgliedern regen Zulauf. Der mehrfach international ausgezeichnete Chor «Männerstimmen Basel» führt sogar eine Warteliste für Interessenten. Und das, obwohl die «Männerstimmen» keineswegs eingängige Popmelodien singen, sondern vor allem Volksliedsätze und Chorwerke von der Renaissance bis zur Moderne. Auch optisch orientieren sich die rund dreissig Mitglieder an der Vergangenheit. Mit ihren Knickerbockers und Hosenträgern im Stil der 1950er-Jahre fallen die jungen Männer auf. Nicht nur beim Bühnenoutfit legen sie Wert auf Perfektion, auch das musikalische Niveau der Sänger ist hoch. «Fast alle verfügen über eine Chorausbildung, die meisten singen seit ihrer Kindheit», sagt Chorleiter Oliver Rudin (35). 

So viel Erfahrung zahlt sich aus: 2015 haben die «Männerstimmen» am grössten europäischen Männerchorfestival in Cornwall GB den ersten Platz belegt. Der Spassfaktor komme trotz Leistungsstreben nie zu kurz, so Rudin. Dies wird auch bei einem Probenbesuch schnell klar: Die Sänger im Alter von 19 bis 36 Jahren verbreiten Lagerstimmung, es geht ausgelassen zu und her. Beim Einstudieren eines neuen Stückes herrscht aber volle Konzentration. Für Oliver Rudin ist die positive Kraft des Gesangs immer wieder eine reine Freude: «Egal, wie anstrengend der Tag war, beim Chorsingen ist man innert Sekunden in einer anderen Welt.» Ausserdem verbinde Singen sehr: «Es spielt keine Rolle, welche Sprache man spricht, wo man politisch steht, welchen Beruf man ausübt – im Chor fühlt man sich vereint.» Ruben Masar kennt dieses Gefühl. Der 30-jährige Advokat hat die «Männerstimmen» mitgegründet und singt seit seiner frühen Kindheit in Chören. «Es gibt mir sehr viel. Manchmal möchte ich nach einem stressigen Tag am liebsten nur ins Bett. Wenn ich aber zur Probe gehe, fühle ich mich anschliessend voller Energie. Singen ist stresslösend und energiespendend zugleich.»

Herzen schlagen im Gleichtakt

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«

Chorsingen löst Stress und spendet Energie.»

Ruben Masar (30), Chorist der «Männerstimmen Basel»

Wer nun glaubt, das sei alles reine Einbildung, der irrt. Singen im Chor wirkt sich tatsächlich positiv auf die Psyche der Sängerinnen und Sänger aus, weiss der Musiktherapeut Manuel Oertli: «Verschiedene Studien haben positive Auswirkungen auf den gesamten Hormonhaushalt nachgewiesen. Die Endorphinproduktion wird gesteigert, was stimmungsaufhellend wirken kann. Die Ausschüttung von Oxytocin löst Gefühle von Geborgenheit aus und der Abbau des Stresshormons Cortisol wirkt entspannend.» Sogar die Herzen von Chorsängern schlagen während des Singens synchron, wie eine Studie der schwedischen Universität Göteborg zeigte. Für ihre Untersuchungen liessen die Forscher 15 Jugendliche im Chor üben und stellten fest, dass sich die Herzfrequenzen mit dem Ein- und Ausatmen einander angleichen, bis sie schliesslich im Gleichtakt schlagen. 

Für die Gesangspädagogin Gisela Müller ist die veränderte Atmung einer der Schlüssel zu diesem besonderen Hochgefühl, das beim Chorsingen entsteht: «Im Alltag haben die meisten Menschen eine Flachatmung, vor allem, wenn sie gestresst sind. Wenn man aber richtig singen möchte, kann man gar nicht anders, als sich auf die Tiefatmung einzulassen.» So atmen geübte Sänger aus dem Bauch heraus, dabei entstehe der sogenannte «Klangstrom». «Das kann eine sehr befreiende Kraft entfalten. Es lässt sich ein wenig mit dem Flow-Effekt vergleichen, den auch erfahrene Läufer kennen», so Müller. 

Eine Wirkung, die sich die Menschen seit jeher instinktiv zunutze gemacht haben: So half das Singen den ehemaligen Sklaven auf amerikanischen Baumwollfeldern, die harte Arbeit zu ertragen. Auch den Matrosen auf britischen Grossseglern erleichterten die Arbeitslieder, sogenannte Shantys, den mühevollen Alltag. Trotz der vielen Vorteile stellen Fachleute fest, dass die Menschen immer weniger singen. Was für Kleinkinder das Natürlichste der Welt ist, trauen sich viele Erwachsene nicht. «Singen ist einerseits sehr erfüllend, weil es so persönlich und intim ist, andererseits exponiert man sich gerade deshalb auch sehr», sagt Gisela Müller. Hinter den Sing-Hemmungen steckten oft beschämende Erfahrungen aus der Kindheit. «Manche haben als Kind zu hören bekommen, du singst falsch, sei still. Kinder trifft das tief, weil sie so offen sind gegenüber ihrer Umwelt.» 

Die Erkenntnis, dass nicht das eigene Gehör, sondern diese inneren Irritationen das Singen beeinflussen, könne befreiend wirken. Eigentlich sei nämlich jeder und jede in der Lage zu singen, ist der Musiktherapeut Manuel Oertli überzeugt: «Ich betone immer wieder, dass es keine falschen Töne gibt, sondern lediglich Variationen. Dieser Satz nimmt einen grossen Teil des Leistungsdrucks weg.»

Viele Vorlieben, noch mehr Chöre 

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Ob zwanglos oder ambitioniert: In den letzten Jahren haben sich in der Schweiz Chöre für jeden Geschmack etabliert, seien es Gospelchöre, Jodelchöre oder Projektchöre, bei denen man sich nicht langfristig, sondern nur für ein zeitlich befristetes Projekt verpflichtet. Andere Chöre haben ein äusserst breites Repertoire von Schlagern und Weihnachtssongs bis zu Kirchenliedern und Filmhits. Einer dieser Chöre ist «CoroVivo», ein 2008 gegründeter Chor aus Zürich. Die Mitglieder, Männer und Frauen zwischen 25 und 75 Jahren, treffen sich einmal wöchentlich, um gemeinsam zu singen. Einige waren früher schon in einem Chor, andere nicht. «Es ist nie zu spät, um mit dem Singen anzufangen», sagt Chorleiter Patric Ricklin.

«Hingehen und mitschwimmen!»

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Das hat sich auch Adrian Achermann gesagt. Der 48-Jährige singt seit vier Jahren im «CoroVivo». «Ich habe schon immer gerne gesungen und auch Chormusik stets gemocht. Der Mut, selbst beizutreten, hat mir aber lange gefehlt.» Inzwischen ist der Chor ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. «Beim gemeinsamen Singen empfinde ich starke Glücksgefühle.» Auch seine Kollegin Amanda Buol empfindet das Aufgehobensein in der Gruppe als sehr beglückend. Es sei ein bisschen wie im Fussball, «man ist ein Team und kann gemeinsam etwas erreichen». Für die Gesangspädagogin Gisela Müller ist das Zusammensein mit Gleichgesinnten das wichtigste Argument für den Beitritt zu einem Chor: «In dieser Zeit der Verunsicherung besteht die Tendenz, sich voneinander abzugrenzen. In einem Chor hat man die Chance, seinen Mitmenschen in der universellen Sprache der Musik zu begegnen und sich so miteinander zu verbinden.» Ungeübten Sängern rät sie, es einfach zu versuchen. «Wenn man das Gefühl hat, die Töne einigermassen zu treffen, sollte man hingehen und mitschwimmen. Das ist ja das Phänomen des Chorsingens. Man wird von der Gemeinschaft getragen.»

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«Es gibt für jeden den richtigen Chor», sagt Andreas Gabriel (41), Vizepräsident der Schweizerischen Chorvereinigung.

Früher war das Singen im Chor ein beliebtes Hobby. Ist es das immer noch?
Ja. Singen bietet einen wunderbar niederschwelligen Zugang zur Musik und zur Kultur. Hinzu kommt als sozialer Aspekt die Geselligkeit im Chor. Ausschlaggebend für die stets grosse Beliebtheit des Chorsingens ist die Freude an der Musik – diese ist zeitlos.

Gewisse Chöre kämpfen aber mit Überalterung.
Ja, da und dort lösen sich Chöre wegen Nachwuchsproblemen auf. Es entstehen aber immer neue. Gerade im Kinder- und Jugendbereich boomt die Chorszene. Der Verein Schweizer Kinder- und Jugendförderung SKJF hat hier ein viel beachtetes Programm. Schätzungen gehen von über 30 000 Kindern und Jugendlichen aus, die in der Schweiz in Chören singen.

Wo in der Schweiz wird am meisten gesungen?
Gesungen wird überall. Besonders verankert ist die Gesangskultur beispielsweise im Wallis, in den Kantonen Freiburg und Waadt sowie in Graubünden. Eigenheiten gibt es fast in jedem Kanton. Wer kennt den typischen Klang des appenzellischen Jodelgesangs nicht? In den grösseren Städten gibt es generell ein vielfältiges Angebot an Chören. Dann gibt es spezifische Ausprägungen, so sind in Basel, das alle zwei Jahre das Europäische Jugendchor Festival Basel EJC beherbergt, die vielen Kinder- und Jugendchöre sehr aktiv.

Wie sehr unterscheiden sich die Chöre in ihren Ambitionen?
Da gibt es alles. Beginnend bei Chören, deren Ziel es ist, einfache Chorsätze tonal korrekt vortragen zu können bis hin zu semiprofessionellen Chören mit anspruchsvoller Literatur und hochstehender Konzerttätigkeit. Dank grosser Anstrengungen in der Aus- und Weiterbildung von Chorleitenden und in der musikalischen Bildung innerhalb und ausserhalb der Schule steigt die Qualität zusehends.

Gibt es für jeden Geschmack einen Chor?
Ja. Die Palette ist sehr breit, angefangen bei Kinder- und Jugendchören, dann die klassischen Chorgattungen Frauenchöre, gemischte Chöre und Männerchöre. Viele Chöre definieren sich auch über ihre musikalische Ausrichtung: von Jodel- über Gospel- bis hin zu Konzertchören. Manchmal finden Sängerinnen und Sänger auch bei der Arbeit zusammen. Früher war das beispielsweise der vielerorts anzutreffende Postmänner-
chor.

Woran erkennen Interessierte, welcher Chor der richtige für sie ist?
Die musikalische Ausrichtung und das Jahresprogramm eines Chores bieten wichtige Anhaltspunkte. Gefällt mir die Literatur, die der Chor singt? Für wie viele Proben, Auftritte und weitere Aktivitäten verpflichte ich mich bei einem Eintritt? Geht es um musikalische Höchstleistungen oder steht die Geselligkeit im Zentrum? Bei vielen Chören können Interessenten unverbindlich an einer Probe teilnehmen. Wichtiger Ansprechpartner bei der Suche ist der jeweilige Kantonalgesangsverband.

Der Alterungsprozess macht auch vor der Stimme nicht halt. «Manchmal fallen die hohen Töne plötzlich schwer», sagt HNO-Ärztin Salome Zwicky vom Sing-Stimm-Zentrum in Schlieren: «Die Schleimhaut wird trockener, Muskelfasern und elastische Elemente werden durch Bindegewebe ersetzt. Spannkraft und Elastizität nehmen ab.»

Unter anderem liegt dies an den Hormonumstellungen im Alter. Frauen bemerken die Stimmalterung deshalb gelegentlich schon in den Wechseljahren.» Dies sei aber keinesfalls ein Grund, aus dem Chor auszutreten, sagt Zwicky: «Wer seine Stimme regelmässig braucht, schützt sich weitgehend vor den Folgen des Alterungsprozesses.»

Bei Beschwerden kann man seine Singstimme ärztlich abklären lassen. Meist lasse sich die Fähigkeit zu singen wieder herstellen. Die Stimmspezialistin Zwicky empfiehlt das Singen im Chor auch ungeübten Senioren. «Damit schützt man sich nicht nur vor dem Stimmverlust. Die Zusammenkünfte mit Gleichgesinnten beugen auch der drohenden Vereinsamung im Alter vor.»

Diese Kinder können singen

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Wo die Schwiizergoofe auftreten, sind die Häuser ausverkauft: 2017 überraschen die sing- und tanzfreudigen Kinder ihr Publikum mit einer neuen Show und touren durch die ganze Deutschschweiz. Mit im Gepäck haben sie ihre grössten Hits und die neuesten Songs, verpackt in eine unterhaltsame Geschichte.

Coop freut sich, die Schwiizergoofe Hello-Family-Tour erneut als Titelsponsor zu unterstützen. Seien auch Sie mit Ihrer Familie live dabei und profitieren Sie als Coop-Hello-Family-Club-mitglied von 20 Prozent Rabatt auf alle Vorstellungen (inklusive Zusatzshows).

Tickets erhalten Sie unter: www.schwiizergoofe.ch

Bei gewünschter Vorstellung «Tickets bestellen» auswählen. Im Feld «Kartennummer» Ihre Hello-Family-Supercard-Nummer eingeben (grüne Kartenseite). Pro Hello-Family-Supercard können maximal 5 Tickets bezogen werden. Die Hello-Family-Supercard muss zusammen mit den Tickets am Eingang vorgewiesen werden.

Schweizerische Chorvereinigung
Chor „Männerstimmen Basel“
Chor „CoroVivo, Zürich
Musiktherapeut Manuel Oertli
Musikpädagogin Gisela Müller
Sing-Stimm-Zentrum, Zürich

Maša Diethelm

Redaktorin

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 19.12.2016, 16:00 Uhr

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