Na super: zuerst die Ufzgi erledigen, erst dann spielen oder mit den Freundinnen zusammen sein.

Immer diese Hausaufgaben!

Hausaufgaben sind in vielen Familien ein Streitthema. Oft leidet die Motivation der Kinder zusätzlich unter dem wiederkehrenden Konflikt rund um die Ufzgi. Dabei liessen sich viele Probleme vermeiden, weiss der Psychologe und Lerncoach Fabian Grolimund.

In vielen Familien gibt es nach der Schule Streit. Da wird genörgelt und geweint, um den ungeliebten Hausaufgaben zu entgehen. Der Stress am Schreibtisch kann das Familienklima vergiften und belastet viele Eltern: Über 90 Prozent der Mütter und Väter in der Schweiz helfen ihren Kindern regelmässig bei den Ufzgi, wie Studien zeigen. Begleiten statt einmischen, laute die Devise, sagt Fabian Grolimund, der mehrere Bücher zu den Themen Schule und Lernen geschrieben hat.

Fabian Grolimund, warum sorgen die Hausaufgaben oft für Ärger?
Schule und Hausaufgaben sind den Eltern heute sehr wichtig. Sie mischen sich viel stärker ein als frühere Generationen – nicht zuletzt auch aus der Angst heraus, dass es ihr Kind ohne gute Schulbildung einmal schwer haben wird. Die Kinder hingegen haben heute oft einen vollen Terminkalender und mehr Möglichkeiten zur Ablenkung und daher wenig Zeit für die Hausaufgaben.

Haben denn alle Kinder Mühe mit dem Erledigen der Hausaufgaben?
Nein, nicht alle. Aber viele. Besonders für Kinder, die sich mit der Selbstorganisation und der Aufmerksamkeitslenkung schwer tun, stellen die Hausaufgaben oft ein Riesenproblem dar.

Braucht es Ufzgi überhaupt?
Es gibt viele Studien, die besagen, dass Hausaufgaben gerade bei Primarschulkindern wenig zum Lernfortschritt beitragen. So wurden beispielsweise im Kanton Schwyz die Hausaufgaben von 1993 bis 1996 abgeschafft. Die Leistungen dieser Jahrgänge wurden nicht schlechter. Ausserdem profitieren vor allem Schüler aus bildungsnahen Elternhäusern von den Hausaufgaben, weil sie zu Hause oft mehr Unterstützung erhalten als schwächere Schüler.

Also machen Ufzgi keinen Sinn?
Ein oft proklamierter Nutzen ist, dass Hausaufgaben Kompetenzen wie Selbstdisziplin und Selbstorganisation fördern sollen. Oft kann man schon in der zweiten Klasse sagen, welche Kinder das können und welche nicht – und dass es so bleibt. Es ist selten, dass ein Kind in der zweiten Klasse Mühe damit hat und es in der dritten aufgrund der Hausaufgaben gelernt hat. Wenn man will, dass Kinder besser planen können, dann muss man genau das mit ihnen üben.

Wäre es besser, die Hausaufgaben ganz abzuschaffen?
Das muss nicht sein. Es ist aber wichtig, dass Hausaufgaben als sinnvoll empfunden werden. Es gibt auch wirklich erfinderische Ansätze: Ich weiss von Lehrern, die ihre Schüler entscheiden lassen, ob sie Hausaufgaben machen wollen oder nicht. In diesen Klassen gibt es selten Motivationsprobleme. Die Hausaufgaben abzuschaffen hiesse ja auch nicht, dass sich Schüler zu Hause nicht mehr auf Prüfungen vorbereiten.

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Von Hausaufgaben profitieren vor allem Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern.»

Fabian Grolimund (39) Psychologe, Autor und Leiter der Akademie für Lerncoaching in Zürich

Dürfen Eltern bei den Hausaufgaben helfen?
Es wäre erwünscht, dass Eltern nicht helfen müssen. Lehrer können ja nur kontrollieren, ob der Schulstoff verstanden wurde, wenn die Schüler ihre Hausaufgaben selbstständig erledigen.

Ist keine Hilfe also die beste Hilfe?
Nein. Kinder werden selten von sich aus selbstständig, man muss sie daran heranführen, ihnen Strategien aufzeigen. Viele Kinder wehren sich auch gegen die aufgezwungene Autonomie, weinen beispielsweise, wenn sie mit den Hausaufgaben nicht klarkommen. Hier müssen Eltern natürlich eingreifen.

Wieso wünschen sich Kinder Hilfe bei den Hausaufgaben?
Oft bringt die Menge an Ufzgi das Kind schier zum Verweifeln. Viele brauchen auch die Nähe der Eltern, während sie arbeiten, sitzen also lieber am Küchentisch als alleine am Pult im Kinderzimmer. Häufig fordern Kinder Hilfe ein,  weil sie die Aufmerksamkeit der Eltern suchen. Man muss ihnen das selbstständige Arbeiten also nahe bringen.

Wie tut man das am besten?
Gerade wenn die Kinder mit Wochenplänen arbeiten, ist es sehr wertvoll, die Aufgaben zu Beginn der Woche gemeinsam zu organisieren. Es macht Sinn, ein Magnetboard zu erstellen und darauf die Aufgaben für die Woche einzutragen.

Zeit für einen kleinen Snack: Kurze Pausen wirken sich positiv auf die Motivation des Kindes aus.

Zeit für einen kleinen Snack: Kurze Pausen wirken sich positiv auf die Motivation des Kindes aus.
http://www.coopzeitung.ch/Immer+diese+Hausaufgaben_ Zeit für einen kleinen Snack: Kurze Pausen wirken sich positiv auf die Motivation des Kindes aus.

Ist Lob erlaubt?
Kinder freuen sich über aufrichtiges Lob ganz besonders. Dabei ist es wichtig, den Aspekt der Selbstständigkeit zu betonen. Zum Beispiel: «Toll, wie weit du alleine gekommen bist. Ich konnte einiges erledigen und habe nun Zeit für dich.»

Wie schafft man eine gute Lernatmosphäre?
Es hilft, wenn Eltern ihren Kindern Verständnis für deren Überforderung oder Unlust entgegenbringen, gleichzeitig aber eine Lösungsmöglichkeit anbieten, indem sie zum Beispiel sagen «lass uns gemeinsam arbeiten, ich habe auch noch zu tun.»

Wann sind es denn zu viele Ufzgi?
Grundsätzlich gilt: Pro Schuljahr gibt es 10 Minuten Hausaufgaben pro Tag. In der ersten Klasse sind es 10, in der sechsten Klasse 60 Minuten. Sitzt ein Kind häufig länger am Pult, sollte man das mit der Lehrperson anschauen. Da viele Eltern ihren Kindern bei den Ufzgi helfen, wissen die Lehrer oft gar nicht, wenn ein Kind Probleme damit hat.

Begleiten statt einmischen: So unterstützen Sie Ihr Kind bei den Hausaufgaben

So gehts

  • Hausaufgaben gemeinsam einteilen
  • Das Kind mitbestimmen lassen, wo und wann es die Hausaufgaben machen will.
  • Das Kind neben sich arbeiten lassen, während man einer Arbeit nachgeht.
  • Loben: «Das war nicht leicht. Schön, dass du drangeblieben bist!»
  • Kurze Pausen einlegen: fünf Minuten Seil hüpfen, etwas essen oder aus dem Fenster gucken und durchatmen.

So besser nicht

  • Ständig an die Hausaufgaben erinnern
  • Für Fehler kritisieren: «Das haben wir doch gestern schon geübt.»
  • Nörgeln: «Meinst du, mir macht immer alles Spass?»
  • Drohen: «So wird nie etwas aus dir!»
  • Die Ufzgi gegen den Willen des Kindes überprüfen oder sogar nachbessern.
  •  Zur Eile antreiben: «Jetzt mach mal vorwärts, das dauert ja ewig.»

Lebenslauf

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Fabian Grolimund ist Psychologe und leitet gemeinsam mit Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Das Autorenteam schreibt regelmässig für das Schweizer Elternmagazin Fritz+Fränzi. Im Juni erscheint ihr neues Buch «Clever lernen», das Jugendlichen ab 12 Jahren jede Menge Tipps, Tricks und Strategien rund um das Lernen verrät.

Bereits erschienen ist das Buch «Mit Kindern lernen» von Fabian Grolimund, Verlag Hogrefe, erhältlich im Handel oder im Buchshop der Coopzeitung für Fr. 28.40.

Eltern, die mehr darüber wissen möchten, wie sie ihr Kind bei den Hausaufgaben und beim Lernen sinnvoll unterstützen können, finden dazu einen kostenlosen Online-Kurs.


Mit Kindern lernen - Das Buch von Fabian Grolimund

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Maša Diethelm

Redaktorin

Foto:
Getty Images, zvg
Veröffentlicht:
Montag 14.05.2018, 16:02 Uhr

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