SIE: vor dem Eingang zur Beatushöhle am Thunersee.

International

Schreiber und Schneider tun sich in Interlaken etwas schwer mit der Wahl eines Restaurants, weil die internationale Auswahl einfach zu gross ist. In Spiez erwacht dann die Liebe.

SIE: Libanesisch würde mich reizen.

ER: Koreanisch hatte ich aber noch nie.

SIE: Oder thailändisch?

ER: Dann eher einer von den 14 Indern.

SIE: Wie wäre portugiesisch?

ER: Hm, vielleicht auch mexikanisch, chinesisch, nepalesisch, italienisch, pakistanisch, bangladeschisch, japanisch, srilankisch, französisch oder vietnamesisch? Halal, vegetarisch, vegan? Die Auswahl ist zu gross!

SIE: Die 5500 Einwohner von Interlaken habens gut: Sie können sich um die ganze Welt essen. Wir entscheiden uns für libanesisch und gehen ins «Layaly Beirut». Pappsatt schlendern wir nach dem orientalischen Festessen dem Höheweg entlang an Prachthotels und Luxusboutiquen vorbei.

ER: Genau hier auf dem Bödeli zwischen Brienzer- und Thunersee fanden vor über 200 Jahren die ersten Unspunnenfeste statt und im Zweiten Weltkrieg bezog General Guisan in Interlaken sein Hauptquartier. Nationale Identität wurzelt tief, was aber Weltoffenheit nicht ausschliesst: Uns strömen gut gelaunte Menschen entgegen – vermutlich sind wir die einzigen Europäer.

SIE: Die Tourismusorganisation Interlaken wirbt mit dem Slogan: «Die ganze Schweiz an einem Ort.» Ich würde sagen: Die ganze Welt an einem Ort. Schon früher: Goethe war hier, Lord Byron und Felix Mendelssohn-Bartholdy, Nietsche, Tolstoi und die Gemahlin von Reichskanzler Bismarck genossen zwischen den Seen die Bergwelt. Damals hiess Interlaken übrigens noch Aarmühle – erst seit 1891 trägt es seinen heutigen Namen.

ER: Wir bummeln durch die Gassen. Auf der Suche nach einem Espresso landen wir in einer ehemaligen Schlosserei und Autogarage, in der Kulturgarage «Isetta».
SIE: Könnte auch New York sein oder Berlin. Ich fühle mich sofort wohl, hier gibts Essen, Mode, Kunst. Den kreativen Mix haben die Gastgeber Annette Weber und Fred Bodmer erschaffen. Die beiden Künstler und Designer studierten im Ausland und haben von Anfang an in der Slow-Food-Szene mitgekocht.

SIE: mit den Gastgebern in der Maison Burgdorf.

SIE: mit den Gastgebern in der Maison Burgdorf.
http://www.coopzeitung.ch/International SIE: mit den Gastgebern in der Maison Burgdorf.

ER: Inspiriert erreichen wir nach unserem abendlichen Bummel unsere Unterkunft – auch diese mit internationalem Anstrich. Die «Maison Bergdorf» wurde Anfang der 1900er-Jahre von einem vermögenden Kanadier als Sommerfrische gebaut. Heute führen es der Designjournalist Mirko Beetschen und Innenarchitekt Stéphane Houlmann. Sie haben das grosszügige Chalet in ein exquisites Guesthouse umgebaut. Hier könnte ich tagelang lesen und den Rest der Welt vergessen.

SIE: Das Haus ist ein Gesamtkunstwerk! Klassische Musik, Fotokunst von Chantal Michel, erlesener Stilmix aus aller Welt. Wir sitzen auf der Veranda unter einer Glyzinie, in der Ferne stahlt uns im fahlen Mondschein die Jungfrau an. Mann, ist das alles schön!
ER: Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Schiff zu den Beatushöhlen, erklimmen den kurzen Weg hinauf zum Eingang, wo ein burgähnlicher Bau unter einer Felswand klebt, als wäre er ein Kloster im Tibet.

SIE: Der Missionar Beatus stammte von den britischen Inseln und soll in dieser Höhle einen Drachen bekämpft haben. Heute sind 14 Kilometer des Höhlensystems erforscht. Wir begehen einen davon und ich staune, wie viel Wasser es hier gibt. Es tropft, gurgelt, rauscht. Im Museum erfahren wir mehr dazu.

ER: Sieh mal, ein 3-D-Modell. Unsere Erde ist nur so von Spalten und Furchen durchzogen.

SIE: Ein schwarzes Universum unter unseren Füssen.

ER: Und irgendwann kommt all das Wasser, das im Boden versinkt, wieder ans Tageslicht.

SIE: Stimmt. Das sollte uns zu denken geben: Was aus den Augen ist, ist deshalb noch lange nicht verschwunden.

ER: Ganz benommen von einem Film im Museum über Höhlentaucher, jene Extremsportler, die die grössten Risiken überhaupt eingehen, machen wir uns wieder auf den Weg zur Schiffsanlegestelle. 1834 bestellten die Gebrüder Knechtenhofer in Paris ein 16-PS-Dampfschiff. Fast dreissig Jahre war es in Betrieb, dann sank es. Noch immer liegt es 120 Meter tief auf Grund.

ER: im Schlossgarten beim Spiezer Schloss.

ER: im Schlossgarten beim Spiezer Schloss.
http://www.coopzeitung.ch/International ER: im Schlossgarten beim Spiezer Schloss.

SIE: Wir stampfen durch die Wellen nach Spiez, um die angeblich schönste Bucht Europas zu besuchen. Das Wetter ist jedoch alles andere als berauschend.

ER: Dafür ist das Schloss prachtvoll, der Garten üppig und die frühromanische Basilika gehört zu den sogenannten 1000-jährigen Kirchen am Thunersee.

SIE: Auch hier begegnen wir Reisenden aus aller Welt. Spontan quatsche ich eine junge Chinesin an und frage sie, was ihr hier am Thunersee besonders gefalle. Sie gibt mir auf Schweizerdeutsch Tipps, was ich unbedingt anschauen solle. Den Niesen zum Beispiel. War wohl keine Touristin.

ER: Also rauf auf die Pyramide. Denn als «Swiss Pyramid» wird der Ausflugsberg Niesen vermarktet. Supersteil fährt eine Zahnradbahn den Berg hoch, der in der Tat pyramidenförmig ist.

SIE und ER: auf der Swiss Pyramid, dem Niesen.

SIE und ER: auf der Swiss Pyramid, dem Niesen.
http://www.coopzeitung.ch/International SIE und ER: auf der Swiss Pyramid, dem Niesen.

SIE: Auf der Fahrt regnet es zuerst, weiter oben schneit es. Wagenführer Markus Rubin erzählt uns von der Tierwelt am Niesen. Tatsächlich sehen wir zwei Hasen und einen Birkhahn.

ER: Die Aussicht vom Niesen ist prachtvoll. Sagt man. Denn wir stehen im Nebel. So ist es nun mal in den Bergen: Kein Monat im Jahr, an dem es nicht an einem Tag mal schneien kann. Wir stecken mitten in einer Wolke.

SIE: Wem gehören eigentlich die Wolken?

ER: Gute Frage. Die Natur kennt keinen Besitz und keine Grenzen, nur ewigen Kreislauf.

SIE: Gefällt mir. Und weisst du was, ich hab mich grad wieder mal verliebt.

ER: Grossartig!

SIE: Ausnahmsweise aber nicht in dich, mein Liebster, sondern in die Schweiz.

Interlaken

  • Naturschutzgebiet Weissenau mit Sicht auf See und Niesen.
  • Kunsthaus Interlaken mit Kunst und Konzerten.

Spiez
Heimat und Rebbaumuseum in Spiez mit historischem Bauerngarten.

Unsere Kolumnisten Sybil Schreiber und Steven Schneider sind unterwegs in der Schweiz. Sie folgen der Grand Train Tour und berichten einmal im Monat über Bekanntes und Unbekanntes.
Heute: Folge 9 von Interlaken nach Spiez.

Links zur neunten Etappe

Restaurant Layaly Beirut
Maison Bergdorf
Restaurant Isetta
Bergbahn Niesen
Beatushöhlen
Schloss Spiez
Schiffahrt Thunersee
Heimat- und Rebbergmuseum Spiez
Die ganze Grand Train Tour of Switzerland
Tickets für die Grand Train Tour
Portal zu allen weiteren touristischen Infos

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Sybil Schreiber und Steven Schneider; Karte Loris Succo
Veröffentlicht:
Montag 29.05.2017, 10:00 Uhr

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